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Volles Konto und trotzdem in Wohnungsnot

Dresdner Wohnungsgenossenschaften fragen zuerst nach dem Einkommen. Ist dies nicht vorhanden, bleiben die Türen zu - selbst bei prallem Kontostand.

Wohnungsgenossenschaften akzeptieren einkommenslose Bewerber meist nicht - ungeachtet ihrer Lebenssituation.
Wohnungsgenossenschaften akzeptieren einkommenslose Bewerber meist nicht - ungeachtet ihrer Lebenssituation. © Lothar Ferstl/dpa (Symbolbild)

Dresden. Christine S.* sucht eine neue Wohnung. Zum Februar 2021 hat die 59-Jährige ihre Wohnung nahe Löbtau gekündigt und sich stattdessen für eine schöne Dachgeschoss-Wohnung am Fetscherplatz bei der Wohnungsgenossenschaft Johannstadt beworben. Doch die Genossenschaft lehnte ihre Bewerbung ab. Der Grund: S. kann kein Einkommen vorweisen.

Dabei ist Christine S. finanziell abgesichert. Auf ihrem Konto hat sie durch eine Erbschaft genug Geld liegen, um ihr restliches Leben lang Miete zu zahlen.

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Auch aus der Rentenversicherung wird sie in einigen Jahren Geld erhalten. Doch dafür habe sich die Genossenschaft nicht interessiert, sagt S. Stattdessen habe sie ein Nettoeinkommen von mindestens 1.000 Euro von ihr gefordert, was der doppelten Warmmiete entspricht.

Kontostand reicht als Nachweis nicht aus

Die Genossenschaft bestätigt dieses Vorgehen prinzipiell. "Der Kontostand reicht in der Regel als Bonitätsnachweis nicht aus, da dieser als Momentaufnahme keinen regelmäßigen Geldzugang sicherstellt", erklärt Sprecherin Julia Grotjahn. "Zur Anmietung einer Wohnung ist grundsätzlich der Nachweis eines monatlichen Einkommens erforderlich."

Doch den kann Christine S. nicht vorweisen. Sie kümmert sich um ihren Bruder, der seit anderthalb Jahren an amyotropher Lateralsklerose (ALS) erkrankt ist; und dazu bereits seit mehreren Jahren um einen guten Freund, der einen Schlaganfall erlitten hat und unter Diabetes leidet.

Sie erledigt die Hauswirtschaft, fertigt Schreiben an und geht für die beiden einkaufen. Viel unterwegs ist sie deswegen, weil die beiden in anderen Stadtteilen wohnen; in etwa der Zeitaufwand eines Halbtagsjobs. Für eine reguläre Arbeitsstelle hat sie keine Zeit, denn sie muss ständig abrufbar sein.

"Ich hätte mich damals nach dem Schlaganfall meines Freundes auch davonstehlen können", sagt S., "aber der Typ bin ich nicht." Beim Arbeitsamt ist sie zwar als arbeitssuchend gemeldet, Sozialleistungen kann sie aber nicht beziehen. Bis auf einen festgelegten Selbstbehalt müsste ihr geerbtes Vermögen dafür erst aufgebraucht werden.

"Genug Geld für den Rest meines Lebens"

Die Wohnungsgenossenschaft habe ihr darauf zwei Angebote gemacht: Entweder sie findet einen Bürgen mit mindestens 1.000 Euro Einkommen, oder ein Bekannter lässt sich zusätzlich in den Mietvertrag eintragen, stünde damit auch am Briefkasten und am Klingelschild und müsste Zweitwohnungssteuer zahlen.

Für S. unannehmbar, denn: "Ich verfüge über genügend finanzielle Mittel für den Rest meines Lebens. Ich habe in meinem ganzen Leben immer meine Miete bezahlt!"

Ihre Kinder und eine Schwester, die sie nur gelegentlich sieht, wollte sie nicht um Hilfe bitten. "Ich mache sowas nicht. Die denken doch von mir: 'Die hat kein Geld, nachher bezahlt die ihre Miete nicht.'"

Auch bei der Wohnungsgenossenschaft (WG) Aufbau hatte sie es bereits versucht gehabt. Doch dort wollten sie sogar die dreimalige Warmmiete als Nettoeinkommen sehen, 1.800 Euro seien das gewesen.

Keine Chance ohne Einkommensnachweis

Hans-Peter Klengel, Vorstand der WG Aufbau, erklärt dazu: "Ein Vermögensnachweis ersetzt den Einkommensnachweis nicht." Ein Nachweis über das Empfangen von Sozialleistungen oder Rente werde dagegen akzeptiert.

Im Klartext heißt das: Wer zu viel Geld besitzt, um Arbeitslosengeld zu bekommen, findet bei der Genossenschaft keine Wohnung. Ausnahmen seien problematisch, schreibt Klengel, "um dem gesetzlichen Gleichbehandlungsgrundsatz Genüge zu tun." Zu solch einem speziellen Fall wolle er sich gegenüber der SZ aber nicht weiter äußern.

"Ich bin immer davon ausgegangen, dass es keine Probleme gibt, wenn man seine Finanzen darlegt", sagt Christine S. "Aber da musste ich mich eines Besseren belehren lassen, für mich war das eine ganz neue Erfahrung. Ich war selbst einmal Hartz IV -Empfängerin, das war auch kein Vergnügen, aber da habe ich eine Wohnung gefunden. Und jetzt wird mir das als Dresdnerin verwehrt."

Jetzt hat S. Probleme, überhaupt eine Wohnung zu finden. Ihre jetzige Bleibe hat sie zu Ende Februar 2021 gekündigt, wenn sie bis dahin nichts gefunden habe, müsse sie ihre wenigen Möbel vorübergehend in einem Lager unterbringen.

"Meine Lebenslage wird nicht akzeptiert"

Dabei ist es nicht die Befürchtung, keine Wohnung zu finden, die ihr Angst macht. "Ich finde es nicht nachvollziehbar, dass eine Lebenslage wie meine von den Wohnungsgenossenschaften nicht akzeptiert wird."

Neben dem Kontostand müssten eine Vielzahl von Faktoren berücksichtigt werden, um eine Wohnung ausnahmsweise an einen Bewerber ohne Einkommensnachweis vergeben zu können, schreibt Julia Grotjahn von der Wohnungsgenossenschaft Johannstadt. "Wir bitten um Verständnis, dass trotz der hohen sozialen Ausprägung unserer Genossenschaft nicht jeder Problemfall gelöst werden kann."

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*Der Name wurde auf Bitte der Protagonistin nachträglich verändert, außerdem wurden zwei Absätze über ihre familiäre Situation entfernt. Die Fakten zur Sachlage wurde wahrheitsgemäß beibehalten.

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