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"Unsere Generation hat zu wenig getan"

Warum sich die Ärztin Cornelie Haag für die Klimaschutzinitiative "Dresden Zero" engagiert, und wie diese schon Tausende Unterschriften sammeln konnte.

Von Henry Berndt
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Die Dresdner Ärztin Cornelie Haag hat keine Kinder, will kommenden Generationen aber eine lebenswerte Stadt hinterlassen.
Die Dresdner Ärztin Cornelie Haag hat keine Kinder, will kommenden Generationen aber eine lebenswerte Stadt hinterlassen. © René Meinig

Dresden. Schon oft haben sie die Kollegen verspottet. "Wann kaufst du dir denn endlich ein ordentliches Auto?", fragten sie. "Du kannst es dir doch leisten." Aber Cornelie Haag will es sich gar nicht leisten. "Mir reicht mein Kleinwagen völlig aus", sagte die 65-jährige Ärztin, die an der Dresdner Uniklinik angestellt ist.

Cornelie Haag ist eine renommierte Spezialistin für Darmerkrankungen und außerdem mit der Ausbildung von Studierenden betraut. Gebürtig stammt sie aus der Nähe von Stuttgart. Den schwäbischen Einschlag in der Sprache kann sie auch heute noch nicht leugnen, wenngleich sie ihr beruflicher Weg schon vor 27 Jahren nach Dresden führte.

Es sei kein Zufall, dass sie Dresden so lange die Treue gehalten habe, sagt sie. Die Stadt habe genau die richtige Größe, ein kaum zu übertreffendes kulturelles Angebot und wunderbare Natur vor der Haustür. Sie wohnt in Loschwitz, geht gern zum Nordic Walking in die Heide und zum Wandern die Sächsische Schweiz. Das rege den Kreislauf an und halte sie fit.

Ziel: Klimaneutral bis 2035

"Ich mag Dresden und möchte mich für diese Stadt engagieren, damit sie weiterhin so lebenswert bleibt", sagt sie. Als sie in der Sächsischen Zeitung von der neuen Klimainitiative "Dresden Zero" las, habe sie das daher sofort angesprochen. "Auf den zweiten Blick habe ich dann meinen Kollegen Christoph Röllig auf dem Foto gesehen, mit dem ich zusammen in einer Klinik arbeite." Sie schrieb ihm eine E-Mail, bot ihre Hilfe an - und die wurde rasch angenommen.

In ihrem Energie- und Klimaschutzkonzept hat die Stadt Dresden das Ziel einer Klimaneutralität bis "deutlich vor 2050" formuliert. "Vor dem Hintergrund des Pariser Abkommens und des damit verbundenen 1,5-Grad-Ziels, für das sich auch Deutschland 2015 verpflichtet hat, reicht das allerdings nicht aus", beschreiben die Klimaschützer ihre Motivation. "Wir fordern deshalb die Festschreibung der Klimaneutralität bis spätestens 2035 im Klimaschutzkonzept der Stadt."

Christoph Röllig (l.) und Moritz Piepel sind die Initiatoren von "Dresden Zero".
Christoph Röllig (l.) und Moritz Piepel sind die Initiatoren von "Dresden Zero". © Sven Ellger

Nähern wollen sie sich diesem Ziel mit einem Bürgerbegehren, wofür zunächst jedoch 30.000 Unterschriften notwendig sind. Schon seit Juni sammeln die Unterstützer von "Dresden Zero" dafür. Ist das Bürgerbegehren erst eingereicht, soll der Stadtrat entscheiden, ob er die Forderungen annimmt. Lehnt er ab, soll ein Bürgerentscheid folgen.

"Wir nähern uns einer fünfstelligen Unterschriftenzahl. Das ist ein riesiger Erfolg für unsere Initiative", sagt Mitinitiator Moritz Piepel. "Wir sind zuversichtlich, dass wir bis Anfang 2022 die 30.000 Unterschriften gewinnen können, auch wenn das Sammeln unter Corona-Bedingungen immens erschwert ist."

Die Initiative organisiert sich in mehreren Arbeitsgruppen, von denen sich Cornelie Haag die AG Finanzen ausgesucht hat. "Wir sind dort zu viert, verwalten das Geld und verteilen es auf die Gruppen", sagt sie. Durch Stiftungen, Unternehmen und Privatspenden sei schon einiges zusammengekommen, doch das Potenzial sei noch groß. "Wir könnten mehr gebrauchen, um mehr Werbung machen zu können." Geplant sei unter anderem eine Plakatkampagne in der Stadt.

Da die Ärztin die Woche über noch voll beruflich eingespannt ist, kommt sie nur am Wochenende dazu, die Werbetrommel für "Dresden Zero" zu rühren. "Vielleicht ändert sich das im kommenden Jahr, wenn ich in Rente gehe."

"Viel Zeit bleibt nicht mehr"

Cornelie Haag hat keinen Mann und keine Kinder. Dennoch sorgt sie sich um die ihr nachfolgenden Generationen. "Ich selbst werde den großen Klimawandel wohl nicht mehr erleben, aber vielleicht ein klimaneutrales Dresden. Ich möchte nicht, dass meine Patenkinder und deren Kinder unter den Folgen falscher Entscheidungen zu leiden haben."

Privat achtet sie auf ein nachhaltiges Leben, nutzt Stoffbeutel und sammelt Altpapier. "Leider kann ich nicht ganz auf ein Auto verzichten, aber ich fahre ein E-Auto, wenngleich mir bewusst ist, dass auch damit eine CO2-Belastung verbunden ist." Für weitere Strecken nutzt sie gern die Bahn. Wenn sie ihre Freunde in den USA besuchen möchte, müsse sie zwar notgedrungen ins Flugzeug steigen, arbeite dann aber zu Hause daran, ihren ökologischen Fußabdruck wieder zu verkleinern.

"Unsere Generation hat zu wenig getan, um den Klimawandel zu stoppen", sagt Cornelie Haag. "Man hatte immer mal was in den Nachrichten gehört, wollte aber nicht wahrhaben, wie groß die Gefahr der Klimaerwärmung wirklich ist. Das ist unser Versäumnis. Wir sind mit den Ressourcen der Erde verschwenderisch umgegangen." Viel Zeit bleibe nun nicht mehr, um den richtigen Weg einzuschlagen. Einen kleinen Teil will sie dazu beitragen.