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Einwohner: Dresden schafft die 600.000er-Marke nicht

Dresden wächst kaum noch. Woran das liegt und welche Stadtteile sogar schrumpfen werden. Eine Analyse.

Dresdens Wachstum ist gebremst. Über eine noch vollere Prager Straße in Nicht-Corona-Zeiten muss man sich also kaum noch Sorgen machen.
Dresdens Wachstum ist gebremst. Über eine noch vollere Prager Straße in Nicht-Corona-Zeiten muss man sich also kaum noch Sorgen machen. © dpa/Robert Michael

Dresden. Es war so etwas wie ein Wettrennen, wobei Dresden die Puste ausging und Leipzig noch einmal alle Kräfte mobilisierte. Beide Großstädte hatten das Ziel vor Augen, auf 600.000 Einwohner und mehr zu wachsen. Leipzig steht längst auf dem Siegertreppchen, Dresden wird auf den letzten Metern liegen bleiben. Das ist das Ergebnis der neuesten Bevölkerungsprognose, die am Montag von der Stadtverwaltung vorgestellt wurde.

Dabei geht es nicht um die Rivalität zweier Großstädte, die sich seit Jahrhunderten messen. Es geht darum, wie sehr eine Stadt in der Lage ist, junge Menschen und Familien zu halten; Unternehmen anzulocken, die Arbeitsplätze schaffen; und ihren guten Ruf zu pflegen.

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Wächst Dresden überhaupt noch?

Ja, Dresden wird noch wachsen, aber deutlich langsamer, als das in den vergangenen Jahren der Fall war. Bis zum Jahr 2035 soll die Zahl der Einwohner auf rund 578.600 steigen. Das wären etwa 17.300 Menschen mehr als heute. Zum Vergleich: Vor zwei Jahren rechnete die Stadtverwaltung für 2035 noch mit 595.000 Einwohnern.

Warum schafft Dresden die 600.000er-Marke nicht?

Grund Nummer 1: Viele Jahre zählte Dresden zu den geburtenreichsten Städten Deutschlands. Der Babyboom ist allerdings vorbei. Denn es gibt weniger Frauen im gebärfähigen Alter. Das ist eine Folge des Geburtenknicks nach der Wende. Zwar zeichnet sich ab 2030 ein neuer Babyboom ab. Dieser wird allerdings kleiner ausfallen und wird in der Summe nicht die Zahl der Todesfälle ausgleichen können.

Grund Nummer 2: Dresden wird auch in den nächsten Jahren wieder viele Einwohner an die Städte und Gemeinden im Umland verlieren. Der Verlust wird sich vorerst sogar noch verstärken, sagen die Statistiker vorher. Zwar ziehen auch Menschen aus dem Umland nach Dresden. Das reicht aber nicht, um den Verlust auszugleichen.

Grund Nummer 3: Zwar ziehen Menschen aus den alten und neuen Bundesländern sowie aus dem Ausland nach Dresden, allerdings ziehen auch welche weg. Unterm Strich bleibt nur ein leichtes Wachstum, so die Stadt. So wird mit sehr viel weniger Asylsuchenden gerechnet als in den vergangenen Jahren.

Warum ziehen so viele Dresdner ins Umland?

Tatsächlich hat Dresden zuletzt mehr Einwohner an seine Nachbarlandkreise Meißen und Sächsische Schweiz-Osterzgebirge verloren, als Menschen von dort in die Landeshauptstadt zogen. 2017, aus diesem Jahr stammen die neuesten, aufbereiteten Daten des Statistischen Landesamtes, suchten mehr als 5.500 Dresdner ihr Glück im südlichen und nördlichen Speckgürtel, der mit kleinen bis mittelgroßen Städten wie Radebeul, Pirna oder Freital weit mehr ist als nur Dörflichkeit. Was Zu- und Fortzüge aus beziehungsweise in den Landkreis Bautzen angeht, so fällt die Bilanz geradeso noch zugunsten Dresdens aus.

Was treibt die Menschen aus der Großstadt? Sind es ausschließlich Lärm und Luftverschmutzung? Bei weitem nicht. Die Dresdner Stadtverwaltung hat im Frühjahr Tausende Einwohner befragt, auch jene, die sich mit dem Gedanken tragen umzuziehen. Ein Drittel derjenigen, die ihr Glück woanders versuchen wollen, nennen die Wohnsituation als das größte Problem. Dazu gehören die Mietpreise, aber auch das Angebot an Baugrundstücken sowie Wohnungen, die groß genug für die eigenen Belange sind.

"Fortzugs- und Umzugswillige benennen auch häufiger als andere den Rechtsextremismus in der Gesellschaft und Pegida sowie die wirtschaftliche Situation als Probleme in unserer Stadt", heißt es in einem ersten Bericht zur Kommunalen Bürgerumfrage. Rechnet man alle Befragten zusammen, auch jene, die nicht umziehen wollen, so landet die Verkehrsbelastung auf Platz eins der größten Probleme.

Warum ziehen weniger Menschen nach Dresden?

Wachstumstreiber sind in aller Regel große Firmenansiedlungen, die Jobs schaffen. Arbeitsplätze, die allein mit den vorhandenen Einwohnern meist nicht besetzt werden können. So suchen Unternehmen neue Fachkräfte oft bundesweit. Diese Fachkräfte kommen mit ihren Familien oder sie gründen Familien noch. In Dresden ist es schon eine Weile her, dass mit Bosch eine große Ansiedlung verkündet werden konnte. Immerhin, noch wächst das Werk in der Nähe des Flughafens.

Darüber hinaus kann man davon ausgehen, dass dieselben Gründe eine Rolle spielen wie für Dresdner, die die Stadt verlassen - Miet- und Immobilienpreise, Verkehrsbelastung, Rechtsextremismus und Pegida. Die fremdenfeindliche Bewegung rückt sich nach wie vor ins Bewusstsein der Deutschen, wenngleich sie über die Jahre an Teilnehmern eingebüßt hat. Einen breiten, bürgerlichen Gegenprotest gibt es dagegen erst seit diesem Jahr. Zuvor hielten sich CDU und FDP mit Demonstrationen in Hör- und Sichtweite von Pegida eher zurück. Auch so etwas prägt den Ruf einer Stadt.

Welche Stadtteile werden schrumpfen, welche wachsen?

Je näher sich ein Stadtteil am Zentrum befindet, desto größer scheinen die Chancen zu sein, dass dieser wächst. Für die Innere Altstadt zum Beispiel werden bis 2027 etwa 36 Prozent mehr Menschen vorhergesagt. Es gibt aber auch Ausnahmen: So sieht die Verwaltung in der Albertstadt das größte Potenzial. In sieben Jahren soll der Stadtteil um die Hälfte wachsen. In absoluten Zahlen wären das 1.700 Einwohner mehr.

Für viele Stadtteile sieht die Prognose aber weniger günstig aus. Das gilt insbesondere für Gruna, Räcknitz, Trachau, Prohlis und Gorbitz, wo ein Bevölkerungsrückgang um etwa drei Prozent vermutet wird. Das wird mit Wohnungsleerstand verbunden sein.

Was bedeutet diese Entwicklung für Dresden?

Die Zahlen werden sehr weitreichende Folgen haben. An ihnen wird bemessen, wie viele Kitaplätze und Erzieher in den kommenden 15 Jahren benötigt werden, aber auch, ob Dresden tatsächlich noch Schulen bauen muss. So werden 2035 im Vergleich zu 2020 etwa 1.600 Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren weniger in Dresden leben, im Alter von 15 bis 17 Jahren werden es voraussichtlich 3.000 mehr sein.

Außerdem wird die Zahl der Senioren stark steigen (plus 7.100 über 85-Jährige), was wiederum in der Krankenhaus- und Pflegeplanung berücksichtigt werden muss. Auch die Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB) werden sich die Prognose sehr genau anschauen, um den Fahrzeug- und Personalbedarf der kommenden Jahre zu planen.

Wie sicher sind diese Vorhersagen?

Dass es große Unsicherheiten gibt, zeigen die vergleichsweise starken Abweichungen zu den Vorhersagen der vergangenen Jahre. Das ist diesmal nicht anders, sagen auch die städtischen Statistiker. Insbesondere die Corona-Krise ließe die Zu- und Wegzüge nur schwer abschätzen, heißt es. So werden beispielsweise Kurzarbeit und Arbeitsplatzunsicherheit viele Familien in ihren Umzugswünschen bremsen. Die Stadt rechnet damit, dass dieses und nächstes Jahr noch stark von der Pandemie beeinflusst werden, was Umzüge angeht.

Zwei weitere Größen, die der Prognose zugrunde liegen, sind die steigende Lebenserwartung (Frauen: 86,7 Jahre, Männer: 81,5 Jahre) sowie die Geburtenziffer. Diese geht davon aus, dass jede Frau im Schnitt 1,44 Kinder zur Welt bringen wird.

Außerdem kann die Verwaltung nur mit Ansiedlungen planen, über die sie jetzt Bescheid weiß. Möglich also, dass das Einwohnerwachstum doch wieder an Fahrt aufnimmt, sollten sich die Voraussetzungen ändern.

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