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Dresdner Brennpunktschule fordert Hilfe

Schulleiter Karsten Reisinger hat beim Kultusministerium Alarm geschlagen - und eine Antwort bekommen. Ein Blick in die 122. Grundschule in Prohlis.

Karsten Reisinger leitet seit 2005 die 122. Grundschule im Brennpunktviertel Prohlis. "Das System Schule droht zu kippen", warnt er.
Karsten Reisinger leitet seit 2005 die 122. Grundschule im Brennpunktviertel Prohlis. "Das System Schule droht zu kippen", warnt er. © Marion Doering

Dresden. Es ist schon viel Gutes passiert in den vergangenen Jahren. Diesen Satz schickt Karsten Reisinger voraus auf die Frage, warum er seinen Hilferuf an das Kultusministerium verfasst hat. Der 53-Jährige ist Leiter einer sogenannten Brennpunktschule, er selbst benutzt diesen Begriff für seine Einrichtung in Prohlis. In einem Brief an Kultusminister Christian Piwarz (CDU) schildert er die aktuelle Situation an der Dresdner Grundschule, berichtet von Lehrern, die physisch und psychisch an ihre Grenzen gehen, manchmal sogar darüber hinaus.

Reisinger beschreibt Kinder, die zunehmend aggressiv sind, untereinander und auch Erwachsenen gegenüber. Seine Zeilen sind alarmierend: "Da die personellen und materiellen Ressourcen inzwischen erschöpft sind, droht das System Schule an unserem Standort zu kippen."

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Doch mit welchen Herausforderungen müssen die Lehrer an einer solchen Schule eigentlich umgehen, was macht die Arbeit dort so besonders, so aufwendig? Seit 2005 beobachtet Karsten Reisinger die Entwicklung an der 122. Grundschule in Prohlis, einem Stadtteil, in dem überdurchschnittlich viele Kinder in Familien aufwachsen, in denen Geldsorgen, Alkohol- und Drogenprobleme, Gewalt und mangelndes Interesse am Schulleben des Nachwuchses Alltag sind.

Das alles sei für ihn und seine Kollegen jetzt nicht neu, sein Team ist seit vielen Jahren hochmotiviert, alle Probleme anzupacken. Und doch reiche das nicht mehr aus, der Aufgabenberg wächst und wächst. "Wir haben uns mit vielem arrangiert", sagt Reisinger. "Aber wir wollen uns nicht damit abfinden, dass wir nicht mehr Unterstützung bekommen."

Damit meint Reisinger zum einen Grundsätzliches. Drei Lehrerstellen sind für das kommende Schuljahr noch unbesetzt. Es fehlen Klassenlehrer, also jene Pädagogen, die die Schüler von der ersten bis zur vierten Klasse durchweg begleiten. An einer Schule wie seiner sei das umso wichtiger, betont Reisinger.

Denn er und seine Kollegen haben die anspruchsvolle Aufgabe, sehr viele Kinder, die mit ihren Familien aus dem Ausland nach Deutschland gekommen sind, zu unterrichten, ihnen die deutsche Kultur zu erklären, ihnen zu helfen, sich in den deutschen Alltag einzufinden. Das Einmaleins ist dabei erst einmal Nebensache.

Limaar, Melisa und Elias lernen an der 122. Grundschule in der 1. Klasse vor allem die deutsche Sprache kennen. Kinder aus über 20 Nationen werden an dieser Prohliser Grundschule unterrichtet.
Limaar, Melisa und Elias lernen an der 122. Grundschule in der 1. Klasse vor allem die deutsche Sprache kennen. Kinder aus über 20 Nationen werden an dieser Prohliser Grundschule unterrichtet. © Marion Doering

Und so zählt Susan Zeisberg-Jäger mit den Jungen und Mädchen in ihrer DAZ-Klasse kleine Klammern. In dieser 1. Klasse lernen ausschließlich ausländische Kinder, die kaum Deutsch können. Laut und deutlich spricht Susann Zeisberg-Jäger den Kindern die Worte vor, lässt diese von den Kleinen, die gespannt bei der Sache sind und ihrer Lehrerin förmlich an den Lippen hängen, laut nachsprechen. "Klammer", "die Hälfte", "eins, zwei, drei...". Zur Belohnung gibt es Bonbons - aber auch die müssen erst abgezählt werden. Geteilt wird gerecht, da achten die Kinder selbst penibel drauf, jeder soll seine Nascherei bekommen.

"Wir arbeiten mit diesen Kindern eigentlich wie mit jeder normalen 1. Klasse - nur müssen wir sehr viel zeigen, sodass das Tempo deutlich langsamer ist", erklärt Silke Rößler. Auch die 54-Jährige ist Lehrerin an der 122. Grundschule, seit 1999 hat sie die DAZ-Klassen hier mit aufgebaut. Damals waren es sieben oder acht Kinder, heute sind es deutlich mehr. Auch sie bestätigt: Hilfe ist dringend nötig, vor allem personell. So würden an ihrer Schule eigentlich zwei Lehrer pro Klasse gebraucht, um auf das unterschiedliche Leistungsniveau der Schüler reagieren zu können.

Obwohl das so von den Behörden gar nicht gewollt ist, werden an der 122. Grundschule heute drei DAZ-Klassen mit insgesamt 69 ausländischen Kinder unterrichtet. Normalerweise sollen es maximal zwei DAZ-Klassen an einer Grundschule sein. Hinter der Abkürzung verbirgt sich "Deutsch als Zweitsprache", in diesen Klassen werden die Kinder sprachlich so fit gemacht, dass sie später komplett in einer Regelklasse dem Unterricht folgen können. Dass an der 122. Grundschule drei DAZ-Klassen eingerichtet wurden, zeigt, wie groß der Bedarf in Prohlis ist.

Silke Rößler (l.) hat die DAZ-Klassen an der 122. Grundschule seit 1999 mit aufgebaut. Ihre Kollegin Susan Zeisberg-Jäger hat sich 2009 freiwillig für die Arbeit an der Brennpunktschule entschieden.
Silke Rößler (l.) hat die DAZ-Klassen an der 122. Grundschule seit 1999 mit aufgebaut. Ihre Kollegin Susan Zeisberg-Jäger hat sich 2009 freiwillig für die Arbeit an der Brennpunktschule entschieden. © Marion Doering

Viele Migrantenfamilien haben in den preiswerten Wohnungen in diesem Stadtteil ein Zuhause gefunden. An der 122. Grundschule werden Kinder aus mehr als 20 Nationen unterrichtet, sie kommen unter anderem aus Tschechien, Polen, Tschetschenien, Syrien, Afghanistan, Irak. Rund 40 Prozent der 320 Schüler haben einen Migrationshintergrund.

Dabei gebe es enorme Unterschiede, was die Erwartungen der Eltern an ihre Kinder betrifft. Gerade Familien aus dem osteuropäischen Raum übten sehr viel Druck auf ihren Nachwuchs aus. "Bei vielen steht schon zum Schulbeginn fest, dass ihr Kind später auf ein Gymnasium gehen muss", sagt Karsten Reisinger.

Die Fakten sehen an der 122. Grundschule anders aus: Nur vier bis zehn Prozent der Viertklässler bekommen eine Bildungsempfehlung für das Gymnasium. Wenn dann die Entscheidung fällt, dass ihr Kind auf eine Förderschule gehen soll, sei das oft sehr schlimm für die Eltern, die nach Deutschland gekommen sind, um ihren Kindern ein besseres Leben zu bieten.

Und der Förderbedarf bei den Schülern an der 122. Grundschule ist hoch. Allein für das kommende Schuljahr musste Reisinger 15 Förderanträge für Kinder stellen, die im Herbst eingeschult werden sollen, es gibt zudem viele Rückstellungen. Pro Schuljahr kommen ein bis zwei Förderanträge dazu - in jeder Klasse. An anderen Schulen seien es im Schnitt zwei Anträge an der gesamten Einrichtung, erklärt Reisinger. Der Förderbedarf an seiner Schule ist dreimal so hoch wie in ganz Dresden.

"Die Herausforderungen im sozialen Bereich sind enorm", so der Schulleiter weiter. Ob es die schwierige Kommunikation mit den Eltern ist, die nur schlecht Deutsch sprechen. Oder Patchworkfamilien, in denen die Kinder zwischen den Elternteilen hin- und herwechseln. Oder Mütter, die im Frauenhaus leben, weil ihre Partner gewalttätig sind. Oder gar Kinder, die das Jugendamt aus ihren Familien holen muss, weil sie vernachlässigt oder sexuell missbraucht wurden. Die Liste an Gründen, warum viele Kinder an der 122. Grundschule eine schwierige Kindheit erleben und sich das auch auf ihre schulische Laufbahn auswirkt, ist lang.

All das hat Karsten Reisinger dem Kultusminister in seinem Brief geschildert. Und eine Reihe von Forderungen dazugestellt, mit denen der Kollaps des Schulsystems an der 122. Grundschule verhindert werden soll. So müsste in den ersten und zweiten Klassen dauerhaft ein zweiter Erwachsener anwesend sein, nicht unbedingt ein ausgebildeter Lehrer, aber eine helfende Hand, etwa um Aufgaben zu erklären. Zudem werde ein zweiter Schulsozialarbeiter dringend benötigt, der als Schnittstelle zwischen Schule und Familien agiert.

Eine weitere Forderung: Nur richtig ausgebildete Lehrer sollen eingestellt werden, also keine Seiteneinsteiger. Um den anspruchsvollen Job an einer Brennpunktschule attraktiver zu machen, sollten diese Lehrer mehr Geld bekommen. Auch eine gleichmäßigere Verteilung der Kinder mit Migrationshintergrund auf die Dresdner Schulen ist Teil des Forderungskataloges, um nur einige Beispiele zu nennen.

Kultusministerium antwortet auf Hilferuf

Karsten Reisinger hat auf seinen Hilferuf tatsächlich eine Antwort aus dem Kultusministerium bekommen. Nicht alles, was er darin liest, gefällt dem Schulleiter. Zunächst wird ihm aber versichert, dass das Landesamt für Schule und Bildung, das für die Einstellung der Lehrer zuständig ist, alles unternehme, damit er und sein Team die psychischen und physischen Kräfte nicht überschreiten müssen. Zudem werde derzeit geplant, weitere DAZ-Klassen auch an anderen Schulen einzurichten, allerdings seien nicht alle Schulen, etwa aus Platzgründen, dafür geeignet.

Bei der Verteilung neuer Lehrer müsse zunächst der große Bedarf in den ländlichen Regionen gedeckt werden, erst danach könnten Schulen in Brennpunktgebieten berücksichtigt werden. Aber der Trend halte an, dass mehr grundständig ausgebildete Lehrer ihr Studium abschließen, sodass weitere Einstellungen möglich sein werden. In Bezug auf eine zweite Person, die im Unterricht hilft, sieht das Kultusministerium die Möglichkeit, das über verschiedene Programme wie Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ), Teach first oder Ganztagsangebote zu finanzieren.

Zusätzliche Stellen etwa für Schul- und Inklusionsassistenten würden indes dazu führen, dass andere Schulen ungleich behandelt werden, heißt es weiter. Eine klare Absage an Karsten Reisingers Forderung.

"Man muss die Kinder auch mal in den Arm nehmen"

Lehrerin Susan Zeisberg-Jäger will weiter durchhalten. Nach ihrem Referendariat an der 122. Grundschule hat sie sich freiwillig dafür entschieden, an der Brennpunktschule zu bleiben. Seit 2009 unterrichtet sie hier, die Arbeit beschreibt sie als abwechslungsreich und aufregend, aber auch als sehr anspruchsvoll. "Ein wichtiger Punkt, um das alles zu stemmen, ist die gute Zusammenarbeit mit den Kollegen", sagt die 39-Jährige.

Doch sie räumt auch ein, dass dieser Aufgabe nicht jeder gewachsen ist. "Das muss man in sich haben." Man müsse die Erlebnisse und das, was die Kinder mitunter von zu Hause erzählen, in der Schule lassen können. Zugleich ist sie froh, dass sie diesen Kindern einen sicheren Ort bieten kann.

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"Sie sind unheimlich dankbar dafür und freuen sich auch über ein kleines Bonbon", sagt Susann Zeisberg-Jäger. Schon jetzt sind viele der Kinder traurig, dass die Sommerferien so lang sind und sie ihre Lehrerin sechs Wochen nicht sehen. Dann muss sie trösten. Überhaupt sei sie nur zur Hälfte Lehrerin, den anderen Teil ihrer Arbeit ist sie Mutter, Seelsorgerin, Freundin, die auch mal ein Stück vom Pausenbrot abgibt, wenn die Eltern das Frühstück vergessen haben. "Wenn man als Lehrer etwas erreichen will und die Kinder auch mal in den Arm nehmen kann, dann ist man hier richtig aufgehoben."

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