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Dresdner Stollen im Frauenkirchen-Turm

Wenn es um originelle Originale geht, zählt jede Idee. Dabei kann Dresden sogar noch lernen. Eine Glosse.

Von Christoph Springer
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Hier werden Stollen zum Reifen in die Frauenkirche getragen. Ein Beispiel für weitere Aktionen, bei denen originelle Dresden-Originale entstehen könnten.
Hier werden Stollen zum Reifen in die Frauenkirche getragen. Ein Beispiel für weitere Aktionen, bei denen originelle Dresden-Originale entstehen könnten. © dpa-Zentralbild

Dresden. 300 Stollen reifen in einer Glockenstube der Frauenkirche, 15 Liter Beerenbrand schaukeln auf dem Dampfer "Pirna" elbauf und elbab. Marketingideen für Spezialitäten aus der Landeshauptstadt. Die Neueste ist der Stollen in der Frauenkirche. An diesem Freitag wird er eingelagert. Bäckerei-Gesellen haben die 300 extra angefertigten, hölzernen Stollenkisten aus der Dresdner Mühlenbäckerei von Meister Rüdiger Zopp in den Glockenturm C der Frauenkirche getragen - in Kiepen und zu Fuß. 29 Meter über dem Neumarkt sollen die Ein-Kilo-Stollen dort nun 40 Tage lang reifen, gleich neben der Dank-Glocke Hanna.

"Entscheidend für das spätere Geschmackserlebnis ist die richtige Reifung des Stollens", sagt Bäckermeister Zopp. "Temperatur, Luftfeuchtigkeit, die Luftqualität und die Zirkulation spielen dabei eine große Rolle." Er sei überzeugt, dass dieser "klang- und bedeutungsvolle Ort" den Stollen einzigartig macht. 45 Euro soll er später kosten - der Preis ist angelehnt an die 45 Prozent alter Steine, die beim Wiederaufbau der Frauenkirche verwendet werden konnten. In Zopps Dresdner Mühlenbäckerei gibt's normale Ein-Kilo-Stollen für knapp den halben Preis.

Gleich neben dem Glockenstuhl lagern die Stollen von Bäcker Rüdiger Zopp jetzt 40 Tage lang.
Gleich neben dem Glockenstuhl lagern die Stollen von Bäcker Rüdiger Zopp jetzt 40 Tage lang. © Robert Michael/dpa-Zentralbild

Doch Dresden könnte noch mehr zu bieten haben. Wie wär's damit: luftgetrocknete Salami, die unter der Schwebebahn hängt, weil der ständige Wechsel zwischen Elbtal und Loschwitzer Höhen samt dem leichten Luftzug bei der Fahrt dem Trocknungsprozess besonders guttut? Oder Käse, der in der Sachsenbad-Ruine reift, weil der modrige Odem der Bauruine den Milchsäurebakterien Extra-Tatkraft verleiht? Noch eine Dresdner Spezialität: Eierschecke - sie könnte in der Parkeisenbahn mitfahren, weil die ständig frische Luft im Großen Garten der Scheckenmasse echtes Dresdner Naturaroma beimischt.

Das könnten doch Dresdner Renner werden. Allerlei Spezialitäten, geschüttelt und gerührt, umhergefahren, durch die Gegend geschaukelt und Luftdruckschwankungen ausgesetzt. Der Fernsehturm könnte auch so ein Ort besonderer Veredelung werden. Vielleicht lässt sich auch etwas, was besser naturgekühlt wird, auf den Grund der Elbe absenken.

Musik macht manches besser - wie wäre es mit Semper-Torte, die ausgiebig von der Staatskapelle bespielt wurde? Oder mit Wagner-Schokolade, die 20 Aufführungen des Fliegenden Holländers überlebt hat? Immerhin ist das die Oper, nach deren Uraufführung (in Dresden!) der gebürtige Leipziger reif war für den Titel Königlich-Sächsischer Kapellmeister. Kreuzchor, Dixieland, ... da geht noch so einiges.

Garantiert echt nur in dieser Verpackung: Original Salzburger Mozartkugeln.
Garantiert echt nur in dieser Verpackung: Original Salzburger Mozartkugeln. © SZ/Christoph Springer

Regenschirme mit dem Stadtnamen, Kaffeetassen mit der Stadtsilhouette und Seidenschals mit irgendeiner Sehenswürdigkeit kann jeder. Es muss etwas Einmaliges, etwas ganz Besonderes sein. Salzburg macht es vor. Die Stadt ist bekannt für Mozartkugeln. Dabei hat Wolfgang Amadeus nie eine davon gesehen oder gar gegessen. Er war schon fast 100 Jahre tot, als die süße Kugel von einem Konditor seiner Geburtsstadt erfunden wurde. Heute ist sie weltweit zu haben. Echt natürlich nur in der richtigen Verpackung: blau-silberne Alufolie mit dem Konterfei des Komponisten - nur da ist eine Original Salzburger Mozartkugel drin. Der Österreich-Urlaub in diesem Jahr hat bewiesen - solches Marketing wirkt. Auch ich habe Salzburg mit einer kleinen Schachtel verlassen, in der die absolut echten Mozartkugeln lagen.

Bäckermeister Rüdiger Zopp und Gastronom Ralf Müller könnten mit ihren Marketingideen für den Stollen und den Dampferschnaps, der offiziell Elbegeist heißt, also ganz richtig liegen.

Wer einen Frauenkirchen-Stollen haben möchte, kann ihn ab heute Nachmittag auf der Internetseite der Dresdner Mühlenbäckerei unter https://dresdner-muehlenbaeckerei.de/ bestellen.