merken
PLUS Dresden

Dresdner will Urwald in zweiter Heimat pflanzen

Amin El Bahraoui lebte 15 Jahre lang auf den Philippinen. Heute designt er in Dresden edles Mobiliar aus Bambus - und will etwas zurückgeben.

Wenn es um die Verarbeitung von Bambus geht, kann Amin El Bahraoui keiner etwas vormachen.
Wenn es um die Verarbeitung von Bambus geht, kann Amin El Bahraoui keiner etwas vormachen. © Sven Ellger

Dresden. Um diese mächtige Akazie zu zersägen, mussten vorher zwei Kettensägenschwerter zusammengeschweißt werden. Zwei Meter Durchmesser hatte der Stamm des Prachtexemplars, das auf der philippinischen Insel Leyte jahrhundertelang Wind und Wetter trotzte, und nun doch von einem verheerenden Taifun zur Strecke gebracht wurde. 

Amin El Bahraoui sicherte sich den umgefallenen Baum und ließ das Holz per Container nach Dresden verschiffen. In seiner Werkstatt in Übigau verarbeitete der 48-Jährige es zu etlichen Schmuckstücken, jedes einzelne ein Unikat.

Late Night Shopping Dresden
Late Night Shopping Dresden
Late Night Shopping Dresden

Zur langen Einkaufsnacht unter dem Motto "Late Night Shopping" lädt das City Management Dresden am Freitag, 2. Oktober, in die Dresdner Innenstadt ein. Vom Neumarkt an der Frauenkiche bis zur Prager Straße beteiligen sich zahlreiche Händler und die großen Einkaufsgalerien an der Aktion.

Seit vier Jahren hat Amin in der früheren Lackiererei der Werft sein kreatives Domizil. Vor allem die Verarbeitung von Bambus ist seine Spezialität, wobei er nicht nur der "Bambus-Mann" sein will. In Dresden richtete er unter anderem schon das Restaurant Mama Africa, das Café Habibi in der Neustadt und das Schwebebad ein. Die Rohstoffe für seine hölzernen Kunstwerke kommen von den Philippinen - der Heimat seines Stiefvaters.

Geboren wurde Amin 1971 in Pforzheim. Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater Marokkaner. Als sich die Eltern trennten, zog die Mutter 1981 mit Amin auf die Philippinen, wo sie einen neuen Mann kennenlernte. Sein Stiefvater entstammt einer Großfamilie und verwaltet auf der Insel Leyte ein Gebiet von rund 4.000 Hektar, von dem die Hälfte der Familie selbst gehört. 15 Jahre lang lebte Amin auf den Philippinen und arbeitete für eine Modeschmuckfabrik auf der Insel Cebu. "Seit der 3. Klasse habe ich keine Schule mehr von innen gesehen", sagt er. "Dafür habe ich viel von den regionalen Meistern gelernt und mir meine Fähigkeiten mit der Zeit selbst angeeignet."

Auf der philippinischen Insel Leyte ist Amin zur Stelle, wenn ein Urwaldriese einem Taifun zum Opfer gefallen ist.
Auf der philippinischen Insel Leyte ist Amin zur Stelle, wenn ein Urwaldriese einem Taifun zum Opfer gefallen ist. © privat

Seit 1996 ist Amin mindestens einmal im Jahr auf Leyte, zuletzt verbrachte er hier ein halbes Jahr von Oktober 2019 bis März 2020. Sein Stiefvater machte ihn sogar zum Juniorverwalter über das Land, das sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert hat. 

Wo vor 50 Jahren noch großflächig der ursprüngliche Tropenwald zu finden war, dominieren heute Kokosöl-Plantagen und Zuckerrohr. Gerade noch rund vier Prozent der Insel ist bewaldet. "Die Monokulturen haben den Boden kaputt gemacht", sagt Amin. "Wenn nichts passiert, werden wir unseren Urenkeln eine Wüste hinterlassen." Wildtiere wie Affen gebe es schon jetzt kaum noch.

Vor Ort auch Arbeitsplätze schaffen

Doch das will Amin verhindern. Auch wenn er nur Holz aus der Natur entnehme, das von allein gefallen ist, so will er seiner zweiten Heimat doch im Gegenzug auch etwas zurückgeben. Er will Bäume pflanzen. Viele Bäume. Aber keine Kokospalmen, sondern Arten, die vielleicht irgendwann wieder zu Urwaldriesen heranwachsen können. Akazien, Mahagoni, aber auch Obstbäume wie Jackfruit, Brotbaum und Mango. "Auch der Bambus gehört zu einem gesunden Mischwald dazu", sagt Amin. "Bambus ist die Pionierpflanze, die das Grundwasser zurückbringt." 

Jahrelang wurde auf Leyte eine Baumart namens Gmelina arborea gefördert, die schnell wächst und damit schnell Ertrag liefert. "Allerdings produziert diese Art über ihre Wurzel ein eigenes Gift, das alles andere Leben in der Umgebung abtötet", sagt Amin. Selbst nach dem Fällen der Bäume sei der Boden an diesen Stellen vermutlich für zehn bis 20 Jahre nicht nutzbar. Inzwischen würden diese Bäume nach und nach aussortiert.

Amin will das Land seines Stiefvaters nicht einfach nur begrünen. Er träumt von einer professionell geleiteten Forstwirtschaft, die vor Ort Arbeitsplätze schafft - und von der am Ende auch er selbst wieder profitieren kann. Dazu sei jedoch mehr nötig, als kleine Bäume in die Erde zu setzen. Es müssten Brunnen gebohrt, das Wasser transportiert und Baumschulen aufgebaut werden. 

Nachdem Amin im Ort Tabango eine Kneipe ausgebaut hatte, steckte er sein Honorar in 1.000 Setzlinge verschiedener Arten, die er pflanzen ließ. "Mit Glück haben 200 davon die Trockenheit überstanden", sagt er. "Genau das ist das Problem."

Das Bambuslager in einem früheren Werft-Gebäude in Übigau ist prall gefüllt.
Das Bambuslager in einem früheren Werft-Gebäude in Übigau ist prall gefüllt. © Sven Ellger

Vor Ort hat man den Ernst der Lage erkannt. Das Fällen von Bäumen ist heute auf Leyte streng verboten. Es drohen Gefängnisstrafen. Selbst für die Nutzung umgefallener Urwaldriesen braucht Amin eine Genehmigung. Der Bürgermeister von Tabango lässt Schüler Bäume pflanzen und pflegen.

Helfer für größere Projekte zu bekommen, wäre deswegen auch kein Problem, sagt Amin, doch zwei Dinge seien genauso wichtig. Es brauche Geld, das es vor Ort nicht gibt,  und es brauche jemanden, der die Fäden zusammenhält und Dinge anpackt. Einen wie ihn. Amin fühlt sich hier immer noch stark verwurzelt, spricht fließend Cebuano, doch er muss seine Projekte meist aus der Ferne steuern.

Das Holz so würdigen wie es jeder einzelne Stamm verdient

In Deutschland sucht Amin deswegen nun nach Partnern, die ihn bei seinen Plänen unterstützen. Unter anderem kann er sich gut eine Zusammenarbeit mit den Forstexperten aus Tharandt vorstellen. 

In seiner Werkstatt in Übigau hat er unterdessen gut zu tun. Die Auftragsliste für seine Marke "Toko Design" ist lang. Gerade schnitzt er wieder an einem Bambusrohr - aber nicht etwa mit irgendeinem Messer. Die spezielle Machete hat ein Schmied von den Philippinen für ihn angefertigt. Der Griff ist aus Büffelhorn. Die Machete und die Japansäge sind seine wichtigsten Werkzeuge, damit er das Holz mit seiner Arbeit so würdigen kann, wie es seiner Ansicht nach jeder einzelne Stamm verdient.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden