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Gewappnet für den nächsten Blackout

Die Stadtentwässerung hat schon einige Katastrophen überstanden - auch den jüngsten Stromausfall in Dresden. Wie die nächsten Krisen gemanagt werden sollen.

Einen großen Blackout hat es bei der Jahrhundertflut im August 2002 gegeben. Das Klärwerk Kaditz wurde überschwemmt. Im Hintergrund ist zu sehen, wie auch die Baustelle der biologischen Reinigung unter Wasser stand.
Einen großen Blackout hat es bei der Jahrhundertflut im August 2002 gegeben. Das Klärwerk Kaditz wurde überschwemmt. Im Hintergrund ist zu sehen, wie auch die Baustelle der biologischen Reinigung unter Wasser stand. © Archiv Stadtentwässerung

Dresden. Gert Bamler hat in den vergangenen Jahrzehnten schon viele Notfälle bei der Stadtentwässerung erlebt – und auch bewältigt. Der 57-Jährige leitet das Klärwerk Kaditz mit seinen rund 100 Mitarbeitern und ist dafür zuständig, dass die Abwässer von Dresden und Umgebung ordentlich gereinigt in die Elbe fließen. „Es gibt immer wieder neue Situationen“, sagt er. Hochwasserkatastrophen, schwere Busunfälle, die Corona-Pandemie. „Unser nächstes großes Thema ist ein Blackout, auf den wir auch vorbereitet sein wollen.“

Klärwerkschef Gert Bamler am Notstromagggregat, mit dem beim Stromausfall die Anlagen am Zulauf des Klärwerks weiter betrieben werden können. Beim jüngsten Blackout wurde es nicht benötigt.
Klärwerkschef Gert Bamler am Notstromagggregat, mit dem beim Stromausfall die Anlagen am Zulauf des Klärwerks weiter betrieben werden können. Beim jüngsten Blackout wurde es nicht benötigt. © Peter Hilbert

Der jüngste Fall: 20 Minuten geht nichts mehr

Der jüngste Fall ist gerade einmal vier Tage her. Am Montagnachmittag wollte Bamler gerade zu einer Betriebsfeier starten. Da fiel der Strom in Dresden flächendeckend aus. Er sprang aus dem Bus, trommelte sofort die Besatzung des Kläranlagenbetriebs und die Elektriker zusammen. „Wir hatten Glück, dass wir zu der Zeit noch das richtige Personal vor Ort hatten“, sagt er. Noch bevor das Notstromaggregat an der Trafostation gestartet wurde, war der Strom wieder da. Damit hätten die Anlagen am Zulauf, darunter Rechen, Sandfang und Hauptpumpstation, betrieben werden können. Nur 20 Minuten stand die Abwasserbehandlung auf der Kläranlage still. „Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen“, resümiert Bamler.

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Die Flutkatastrophe: 2013 zahlte sich die Vorsorge aus

Besonders hart ist das Klärwerk Kaditz von der Jahrhundertflut im August 2002 erwischt worden. „Darauf waren wir nicht vorbereitet“, sagt Bamler. Als das Klärwerk überflutet wurde, gab es riesige Schäden. Erst nach 13 Tagen konnten die Anlagen wieder in Betrieb genommen werden. Die Flut begann am Zu- und Ablauf, den die Elbe überflutete. Benötigt wurden Absperrschieber, die das Klärwerk so schützen, dass es nicht geflutet werden kann. Sie wurden installiert.

Im Klärwerk geht im August 2002 nichts mehr. In den Fluten spiegeln sich die Konturen des Grobrechen-Gebäudes (l.) und der Siebscheibenhalle.
Im Klärwerk geht im August 2002 nichts mehr. In den Fluten spiegeln sich die Konturen des Grobrechen-Gebäudes (l.) und der Siebscheibenhalle. © Archiv Stadtentwässerung

Die Stadtentwässerung erarbeitete Hochwasserschutzkonzepte, eins für das Kanalnetz, eins für die Pumpwerke und ein weiteres für das Klärwerk. „Wir haben sie in den folgenden Jahren weitgehend umgesetzt“, erzählt der Abwasser-Spezialist. Ein wichtiger Schutz fehlt allerdings bis heute – ein höherer Elbdeich. Im Juli 2020 hatte die Landestalsperrenverwaltung (LTV) die Pläne bei der Landesdirektion eingereicht. Die LTV hofft auf eine Genehmigung im kommenden Jahr. Aufgrund der aufwendigen Vorbereitungen kann der Bau aber frühestens 2025 beginnen, erklärt Birgit Lange, die den LTV-Betrieb Oberes Elbtal leitet.

Die Klärwerker sind in diesen dramatischen Augusttagen 2002 im Dauereinsatz, so auch Klärwerkschef Gert Bamler (M.).
Die Klärwerker sind in diesen dramatischen Augusttagen 2002 im Dauereinsatz, so auch Klärwerkschef Gert Bamler (M.). © Archiv Stadtentwässerung Dresden

Nach 2002 war es den Stadtentwässerern aber zu riskant, nur darauf zu warten. Nach Abstimmung mit der LTV kaufte das Unternehmen ein technisches Schutzsystem, das den Deich zumindest um bis zu einem Dreiviertelmeter erhöht. Alle zwei Jahre wird es aufgebaut.

Kurz vor dem Hochwasser 2013 fand wieder eine planmäßige Aufbau-Übung statt. Die Anlage stand gerade, da kam die Juni-Flut. Der Deich hielt, das neue Johannstädter Flutpumpwerk entlastete die Kanäle. „Diese und viele weitere Schutzmaßnahmen haben dafür gesorgt, dass wir 2013 mit der vollen Kläranlagen-Kapazität in Betrieb geblieben sind und zuverlässig weiterarbeiten konnten“, so Bamler.

Eine mobile Schutzwand erhöht den Deich am Klärwerk Kaditz. Der Scheitel des Hochwassers im Juni 2013 bleibt knapp unter der Deichkrone.
Eine mobile Schutzwand erhöht den Deich am Klärwerk Kaditz. Der Scheitel des Hochwassers im Juni 2013 bleibt knapp unter der Deichkrone. © Archiv Stadtentwässerung Dresden

Wären die Hochwasser-Konzepte nicht umgesetzt worden, hätte die Stadtentwässerung noch deutlich größere Schäden als 2002 gehabt. Denn 2004 war die rund 60 Millionen Euro teure neue Anlage zur biologischen Abwasserreinigung fertiggestellt worden. „So niederschmetternd, wie das Hochwasser 2002 war, so schön ist es, dann ein Erfolgserlebnis wie 2013 zu haben“, resümiert er. „Wir sind gut aufgestellt beim Hochwasserschutz. Vorsorge lohnt sich auf jeden Fall.“

Das Busunglück: Nachtschicht sichert Rettungswege

Ein ganz anderer Notfall traf das Klärwerk am 19. Juli 2014. Auf der Autobahn A4 in Kaditz fuhr ein polnischer Reisebus kurz vor 2 Uhr auf einen vorausfahrenden ukrainischen Bus auf, kam ins Schleudern, durchbrach zwei Mittelleitplanken und stieß mit einem entgegenkommenden polnischen Kleinbus zusammen. Der 25 Tonnen schwere Doppeldeckerbus durchbrach eine Leitplanke und rutschte aufs Klärwerksgelände unweit der biologischen Reinigung. Das Fazit: Elf Menschen wurden getötet, 69 verletzt, davon 39 schwer.

Die Nachtschicht-Mitarbeiter handelten schnell. „Allen war klar, dass die Rettungsfahrzeuge sich auf unseren schmalen Straßen gegenseitig behindern würden“, erklärt Bamler. Mehrere Kollegen kümmerten sich um die Verkehrsführung und richteten schnell Einbahnstraßen ein. So kamen die Retter schnell zur Unglücksstelle und auch wieder zurück. „Das war ein Erfolg. Es kann aber immer wieder zu solchen gravierenden Ereignissen kommen, bei denen wir geistesgegenwärtig handeln müssen“, sagt der Klärwerkschef.

Die Corona-Pandemie: Keine Einschränkungen im Betrieb

Aus einer ganz anderen Richtung kam die nächste Herausforderung. „Uns war zwar klar, dass uns eine Grippewelle treffen kann“, sagt Bamler. Doch mit der Corona-Pandemie hatte keiner gerechnet. Bei dieser haben sich die Erfahrungen in der Stabsarbeit ausgezahlt. Der Schichtbetrieb sowie die Arbeit in Werkstätten und Laboren des Klärwerks wurden im Frühjahr 2020 schnell umorganisiert, sodass die Gefahr der gegenseitigen Ansteckung minimiert wurde.

„Dennoch haben wir es geschafft, dass es keine Einschränkungen im Abwasserbetrieb gab“, erklärt er. So konnte auch diese Situation gemeistert werden.

Der Blackout: Notfall wird regelmäßig geprobt

„Als nächstes großes Thema beschäftigen wir uns mit einem Blackout.“ Denn ein Stromausfall, stundenlang, vielleicht tagelang kann auch für Dresden nicht ausgeschlossen werden. Den Blackout könnten Terroristen mit einem Anschlag auslösen, aber auch ein technisches Problem ist als Ursache denkbar. Dresden bereitet sich auf diesen Katastrophenfall vor, dessen Wahrscheinlichkeit immer größer wird. Schon 2015 hatte das Brand- und Katastrophenschutzamt Verantwortliche von Unternehmen, Ämtern und Institutionen zusammengetrommelt, um eine Blackout-Strategie vorzubereiten. Mit dabei ist die Stadtentwässerung. Entstanden ist ein Alarm- und Einsatzplan Stromausfall. Dieser Plan wird ständig weiterbearbeitet.

Ein derartiger Stromausfall hatte für die Dresdner Stadtentwässerung schon einmal eine verheerende Konsequenz. Am 2. Januar 1987 gab es bei Hochwasser und starkem Regen einen langen Stromausfall im Klärwerk Kaditz. Die Elektromotoren im Hauptpumpwerk standen unter Wasser. Fast fünf Jahre lang ging im Klärwerk nichts mehr, floss das gesamte Abwasser direkt in die Elbe.

Am 2. Januar 1987 kommt es im Klärwerk Kaditz zur Katastrophe. Nach Starkregen und langem Stromausfall werden das Gebäude mit dem Feinrechen, hier im Bild, und die Hauptpumpstation überflutet.
Am 2. Januar 1987 kommt es im Klärwerk Kaditz zur Katastrophe. Nach Starkregen und langem Stromausfall werden das Gebäude mit dem Feinrechen, hier im Bild, und die Hauptpumpstation überflutet. © Archiv Stadtentwässerung Dresden

Heute ist die Stadtentwässerung besser vorbereitet. Für das Krisenmanagement wurde ein Blackout-Handbuch erarbeitet. Festgelegt ist, was bei diesem Notfall geschieht, um Anlagen im Kanalnetz weiterbetreiben zu können. Sonst würde schnell ein Abwasserchaos drohen. So haben Fachleute berechnet, nach welcher Zeit es zu solchen Staus in den Kanälen kommt, dass Abwasser überläuft und Straßen sowie Plätze überflutet. Danach sind Einsatzpläne erarbeitet worden, bis wann Notstromaggregate in Pumpwerken und Saugfahrzeuge an speziellen Brennpunkten eingesetzt werden müssen.

Auf der Kläranlage Kaditz sei es besonders wichtig, dass die Anlagen am Zulauf weiter in Betrieb bleiben. Dazu zählen der Grob- und der Feinrechen. Sonst würde es zum Kollaps kommen. „Wir haben ein großes Notstromaggregat für die Anlagen“, erklärt Bamler. Das hat eine Leistung von 1.000 Kilowatt. Mit den drei Blockheizkraftwerken an den Faultürmen, die eine Leistung von drei Megawatt haben, sei bei Stromausfall ein Inselbetrieb des Klärwerks möglich. Da für sie beim Blackout weniger Klärgas aus den Faultürme kommt, wird 2020 für solche Notfälle ein Erdgasanschluss hergestellt.

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