merken
PLUS Dresden

"Wir wollen endlich richtig lesen können"

Allein in Dresden gibt es vermutlich Zehntausende funktionale Analphabeten. Über den Fußball sollen sie nun Mut gewinnen, sich zu öffnen.

Zu spät gibt es nicht: Enrico Bakán und Mandy Scholz lernen als Erwachsene das Lesen - und wollen anderen Mut machen.
Zu spät gibt es nicht: Enrico Bakán und Mandy Scholz lernen als Erwachsene das Lesen - und wollen anderen Mut machen. © Christian Juppe

Dresden. An seine Schulzeit erinnert er sich nur sehr ungern. Jahrelang wurde Enrico Bakán gehänselt, ausgelacht und gemobbt. Wenn er im Deutschunterricht mit dem Vorlesen an der Reihe war, musste er sich fiese Sprüche anhören. "Das war keine schöne Zeit", sagt der 48-Jährige.

Ohne Abschluss verließ er nach der 8. Klasse die Schule. Obwohl er die Buchstaben und Wörter kannte, hatte er bis dahin nie gelernt, richtig zu lesen und zu schreiben. Damals konnte oder wollte das niemand bemerken. Bakán gab sich allerdings auch größte Mühe, seinen Makel geheim zu halten. Und so trickste er sich durch den Alltag und durch sein Berufsleben, schloss sogar eine Ausbildung als Holzfacharbeiter ab. 

Anzeige
Jetzt ein neues Lebensgefühl entdecken
Jetzt ein neues Lebensgefühl entdecken

schaffer-mobil feiert 30. Jubiläum. Es warten Workshops, Top-Neuheiten und jede Menge Angebote. Vor allem Gebrauchte werden zum Schnäppchen.

"Wenn ich irgendetwas unterschreiben sollte, dann habe ich es immer mit nach Hause genommen", sagt er. Kurz vor der mündlichen Führerscheinprüfung rieb er sich sogar absichtlich die Augen rot, damit ihm sein Fahrlehrer die Fragen vorlesen durfte. Das Ergebnis: null Fehler.

Es ist diese eine Botschaft, die ihm besonders wichtig ist: Funktionale Analphabeten sind nicht dumm. Sie haben nur - aus welchen Gründen auch immer - große Probleme mit der geschriebenen Sprache. 

Als er vor zwei Jahren gefragt wurde, ob er sich an einem lokalen Alphabetisierungs-Projekt in Dresden beteiligen würde, musste Bakán deshalb auch nicht lange überlegen. "Ich möchte den Leuten sagen: Habt Mut, euch zu öffnen und euch Hilfe zu suchen. Ich selbst habe das viel zu spät getan."

Dynamo-Präsident Holger Scholze (l.) und Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert stehen als Schirmherren hinter dem Alphabetisierungsprojekt.
Dynamo-Präsident Holger Scholze (l.) und Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert stehen als Schirmherren hinter dem Alphabetisierungsprojekt. © Christian Juppe

Erst 2013 ließ er sich über die Arbeitsagentur zur Koordinierungs­stelle Alphabetisierung im Freistaat Sachsen (koalpha) vermitteln und überwand anschließend sein Schul-Trauma, um sich in intensiven Unterrichtseinheiten das Lesen und Schreiben anzueignen.

Nun ist Bakán ein wichtiger Teil des Projektes "mittendrin", das von der Volkshochschule Dresden und der SG Dynamo Dresden initiiert wurde und vom Forschungsinstitut der Evangelischen Hochschule wissenschaftlich begleitet wird.

Die Idee dahinter ist einfach: Fußballbegeisterte Menschen ab 18 Jahren mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen sollen dort abgeholt werden, wo sie am liebsten sind: im Stadion. "Das heißt nicht, dass es im Stadion besonders viele Analphabeten gibt, sondern dass wir über den Fußball besonders viele Menschen erreichen können", betont Jürgen Küfner, Direktor der Volkshochschule. Immerhin zeigten Studien, dass in Deutschland heute vermutlich jeder achte Erwachsene nicht richtig lesen und schreiben könne.

Was Hänschen nicht lernt, packt auch Hans noch

Das Stadion soll zum Lernort werden und damit dabei helfen, dass sich mehr funktionale Analphabeten trauen, ihren Makel öffentlich zu machen. Erst zusammen Fußball spielen, dann zusammen lernen. Das soll verbinden.

Konkret sollen die Fußballfans während der Spiele im Stadion angesprochen werden. Neben offenen Runden soll es künftig auch Projekte und Kurse geben. Projektleiterin Annett Lungershausen sieht darin in erster Linie Schnupperangebote, die die Menschen dem Thema näherbringen sollen. Zu spät zum Lernen sei es nie, betont sie. Die alte Weisheit "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr" sei längst von der Forschung widerlegt worden.

Die Schirmherrschaft für "mittendrin - mit Kopf und Ball" haben Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) und Dynamo-Präsident Holger Scholze übernommen. Mindestens genauso wichtig für den Erfolg des Projektes wird aber die Einbeziehung von Betroffenen sein, die ihre Erfahrungen einfließen lassen. 

So wie Mandy Scholz. Als glühende Dynamo-Anhängerin ist sie seit zwei Jahren Vereinsmitglied und feuert ihre Mannschaft bei jedem Heimspiel live im Stadion an. Auch sie verließ die Schule einst nach der 8. Klasse ohne Abschluss. Auch sie mogelte sich irgendwie durchs Leben, fühlte sich dadurch aber nie richtig frei. 

Außerhalb der Fußballwelt litt die 38-Jährige viele Jahre lang unter ihren fehlenden Lesekenntnissen, bis sie bei der Volkshochschule Hilfe fand. Für ihren derzeitigen Lernkurs hat sie nun schon etliche neue Teilnehmer gewinnen können, nicht zuletzt durch ihre Arbeit in einer Behindertenwerkstatt. 

Weiterführende Artikel

Das Tabuthema Analphabetismus

Das Tabuthema Analphabetismus

Etwa jeder zehnte erwachsene Sachse kann nicht richtig lesen und schreiben. Warum aber weiß man kaum etwas über so viele Betroffene und die Hilfsangebote?

Millionen Erwachsene sind Analphabeten

Millionen Erwachsene sind Analphabeten

Über sechs Millionen Erwachsene in Deutschland haben Schwierigkeiten, deutsche Texte richtig zu verstehen. Betroffen sind bei weitem nicht nur Migranten.

"Ich bin sehr stolz, dass ich diese Initiative unterstützen kann", sagt auch Enrico Bakán, der inzwischen als Altenpfleger arbeitet und sich selbst auf einem guten Weg sieht, wenngleich längst noch nicht am Ziel. "Das Lesen eines Fahrplans ist für mich immer noch eine heikle Situation", sagt er. Heute muss und will er diesen Makel nicht mehr verstecken. Diese Einsicht müsse für jeden Betroffenen an erster Stelle stehen, sagt er. "Dann können wir gemeinsam sehr viel erreichen."

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden