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Als Neunjähriger im Travestie-Theater

Luke ist der geborene Entertainer, sagt seine Mama. Sein größter Wunsch war ziemlich außergewöhnlich. Nun erfüllte ihn Zora Schwarz im Carte Blanche in Dresden.

"Immer die weibliche Hauptrolle": Luke Seidel kümmert es nicht, was die anderen reden.
"Immer die weibliche Hauptrolle": Luke Seidel kümmert es nicht, was die anderen reden. © privat

Dresden. Eine Sache will Nadine Seidel gleich am Anfang klarstellen. "Mein Sohn will kein Mädchen sein", sagt die 42-Jährige. "Er ist ein ganz normaler Junge." Ein Junge, der schon immer lieber langhaarige Perücken und glitzernde Schleier getragen hat als Feuerwehrhelme und Cowboystiefel.

"Wenn wir früher Märchen vorgelesen haben, fand Luke immer die Prinzessin toll", erinnert sich die Mutter. Im Kindergarten habe er dann begonnen, sich regelmäßig zu verkleiden, und habe sogar eine Theatergruppe gegründet - natürlich mit ihm selbst in der weiblichen Hauptrolle.

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Lukes Eltern halten nicht viel von den klassischen Geschlechterklischees. Warum sollten Jungen immer Blau tragen und Mädchen immer Rosa? 

"Wir wollten ihm da keine Grenzen setzen", sagt Nadine Seidel, aber längst nicht alle Mütter seien dieser Meinung. "Als im Kindergarten mal ein anderes Kind ein Kleid trug, befahl ihm seine Mutter, das sofort auszuziehen." 

Schon seit dem Kindergarten setzt sich Luke leidenschaftlich gern Perücken auf den Kopf.
Schon seit dem Kindergarten setzt sich Luke leidenschaftlich gern Perücken auf den Kopf. © privat

Aktiv unterstützt haben Lukes Eltern seinen Hang zu Prinzessinnen anfangs nicht. "Wir haben ihm keine Kleider gekauft, aber irgendwann haben wir eingesehen, dass das nun mal sein Ding ist. Er schlüpft für sein Leben gern in diese Rolle."

Zu Hause in Zwickau begann Luke, Vorstellungen für seine Familie und Gäste zu spielen. Inklusive selbst gebastelter Eintrittskarten, Pause und Lichtshow. "Das waren manchmal mehrere Shows am Tag", sagt seine Mutter. "Irgendwann musste ich ihn da ein bisschen bremsen."

Wenn er bei Oma vor der Tür stand, war seine erste Frage: Hast du ein Kleid für mich? Geht auch eine Tischdecke? Nehme ich auch. Inzwischen bastelt sich Luke schon seine eigenen Kostüme.

Im Carte Blanche bekam Luke seinen ersten großen Auftritt auf der Bühne.
Im Carte Blanche bekam Luke seinen ersten großen Auftritt auf der Bühne. © privat

Ob er sich später einmal für dafür schämen könnte? Nadine Seidel findet schon die Frage falsch. Warum sollte er das eher tun als ein Nachwuchs-Judoka oder der Gewinner einer Mathe-Olympiade?

Mehrere Tanzschulen in der Umgebung hätte die Familie schon getestet, jedoch nichts Passendes für Luke gefunden. Im vergangenen Dezember machte seine Familie ihm dann aber ein ganz besonderes Geschenk. Gemeinsam besuchten sie eine Travestie-Show von Carte Blanche in Dresden. "Luke hat am lautesten von allen geklatscht", erinnert sich seine Mutter. 

So laut, dass Zora Schwarz auf ihn aufmerksam wurde und ihn von der Bühne aus fragte: "Wer bist du denn?" Am Ende bekam Luke sogar ein Foto mit den Tänzerinnen und habe vor Freude ein Tränchen verdrückt. "Er sagte mir danach, das sei der schönste Tag seines Lebens gewesen", sagt Nadine Seidel.

Hänseleien in der Schule

In der Schule gab es bald die ersten Hänseleien. Mitschüler nannten ihn "schwul", als sie von seiner Freude am Verkleiden erfuhren. "Damit muss man wohl leben", sagt Nadine Seidel. Das gefalle eben nicht jedem. Ihr Sohn sei jedoch stark genug, um sich zu sagen: Sollen die doch reden, was sie wollen.

Luke sei der geborene Entertainer und habe ein außergewöhnliches Körpergefühl beim Tanzen. "Warum sollte man sich mit so einem Talent verstecken?", fragt sie. Genau das sei auch der Grund, warum sie ihrem Sohn gern die öffentliche Bühne bieten will, die er sich wünscht.

"Lukes größter Traum ist es, Travestiekünstler zu werden und sein Publikum zu begeistern." Spätestens die Fernsehshow "Queen of Drags" habe ihm gezeigt: "Das bin ich."

"Ich war kurz davor, abzubrechen"

Als sie spürte, dass die Eindrücke aus der Show in ihrem Sohn weiterlebten, entschied sie sich, Zora Schwarz einen Brief zu schreiben: "Liebe Zora, wenn du die Möglichkeit hast, Luke ein paar Minuten in deiner Show zu geben für einen kleinen Auftritt, würde sein größter Traum in Erfüllung gehen. Ich wüsste gar nicht, wie wir dir das danken könnten."

Und was machte Zora? Die holte Luke tatsächlich ins Programm. Am vergangenen Sonntag war es so weit. Bei der ausverkauften Seniorenvorstellung um 14 Uhr sollte der Neunjährige seinen eigenen Solo-Auftritt bekommen - natürlich mit der entsprechenden Maskerade. 

"Er war schrecklich aufgeregt", sagt Zora Schwarz. "Kurz davor dachte ich, dass ich es abbrechen muss, aber sein Ehrgeiz war zu stark." Nachdem der glitzernde Luke seinen Aufritt mit Drehungen und viel Eleganz zum Show-Finale über die Bühne gebracht hatte, gab es mächtig Beifall. 

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