SZ + Dresden
Merken

Das sind Dresdens Omas gegen Rechts

Eine Gruppe Seniorinnen stellt sich Rechtsextremen und "Querdenkern" entgegen und hält Anfeindungen aus. Warum sie trotzdem auf die Straße gehen.

Von Juliane Just
 5 Min.
Teilen
Folgen
Als "Omas gegen Rechts" stellen sich Barbara Hahn (v.l.), Christiane Bauer, Greta Schmidt und Astrid Bodenstein mit ihren Mitstreiterinnen gegen Aufmärsche von Pegida oder Querdenkern.
Als "Omas gegen Rechts" stellen sich Barbara Hahn (v.l.), Christiane Bauer, Greta Schmidt und Astrid Bodenstein mit ihren Mitstreiterinnen gegen Aufmärsche von Pegida oder Querdenkern. © René Meinig

Dresden. Wenn es wieder losgeht, ist da ein Kribbeln. Christiane Bauer (Name von der Redaktion geändert) streift sich den Mantel über, hängt einen Button gut sichtbar an ihren Kragen. Darauf steht "Omas gegen Rechts". Sie greift sich ein Schild, auf dem der gleiche Schriftzug steht und begibt sich in den kalten Abend. Heute geht sie mit vier anderen Seniorinnen zur Demonstration gegen das islam- und ausländerfeindliche Bündnis Pegida.

Die Protagonistinnen aus dem Großraum Dresden gehören einer bundesweiten Initiative an. Die "Omas gegen Rechts" haben mehrere Gruppen in Deutschland, die sich alle dem gleichen Ziel widmen: Ihre Stimme erheben gegen Rechtsextremismus und für die Zukunft ihrer Kinder und Enkel. Dafür gehen sie dahin, wo's wehtut.

Dazu gehören die Pegida-Aufmärsche, für die sich Christiane Bauer nun zum Wiener Platz begibt. Dort haben sie und ihre Mitstreiterinnen schon einiges erlebt. "Ihr solltet euch schämen", wurde ihnen zugerufen. "Was steht ihr hier rum ihr alten Weiber? Setzt euch Zuhause hinter den Ofen", schrie es ihnen entgegen. "Ihr habt doch Hitler 1933 gewählt", flog es ihnen um die Ohren. Dass die Damen im Alter von 58 bis 80 Jahren bei der Wahl Hitlers noch nicht geboren waren, scheint den Schreienden nicht klar zu sein.

Als das islam- und ausländerfeindliche Bündnis Pegida hat zum "200. Dresdner Abendspaziergang" aufrief, stellten sich die "Omas gegen Rechts" dem mit tausenden anderen Menschen entgegen.
Als das islam- und ausländerfeindliche Bündnis Pegida hat zum "200. Dresdner Abendspaziergang" aufrief, stellten sich die "Omas gegen Rechts" dem mit tausenden anderen Menschen entgegen. © Archivfoto: dpa/Robert Michael

"Die Reaktionen sind mitunter sehr unterschiedlich. Aber es sind sehr hässliche Bemerkungen dabei", sagt Christiane Bauer. Doch die Seniorinnen bleiben standhaft. Sie wollen nicht streiten, sie wollen reden, wollen aufklären und die Menschen zur Vernunft bringen.

Genau diese Montagsmärsche sind es, die eine Dresdnerin vor zwei Jahren umtrieben. "Als Pegida anfing, war ich entsetzt. Ich wusste, dass ich etwas dagegen setzen musste, aber ich wusste nicht wie", sagt Greta Schmidt. Eine Freundin und "Erfurter Oma" habe sie damals angesprochen. Ob man so etwas nicht auch für Dresden, der Hochburg der Rechtsextremen, beginnen will? Ja, sie wollte.

Sie lud Bekannte ein, die Interesse anzeigten und startete mithilfe der bundesweiten Initiative eine Informationsveranstaltung in ihrem Garten. Mit fünf Mitgliedern der ersten Stunde ging sie im August 2019 zur Unteilbar-Demo in Dresden: der erste Auftritt der "Omas gegen Rechts" in der sächsischen Landeshauptstadt.

"Die Schwelle zur Gewalt ist niedrig"

Inzwischen zählt die Gruppe 54 Seniorinnen, die mitwirken. Einmal im Monat treffen sie sich - persönlich oder digital - und organisieren ihr Programm. Dazu zählen nicht nur Demonstrationen gegen Pegida oder Querdenker, sondern viermal im Jahr auch Mahnwachen an den Stolpersteinen der Stadt.

Vor der Bundestagswahl im September haben sie in der Dresdner Innenstadt jene über das Wahlprogramm der AfD aufgeklärt, die es hören wollten. Vor Ort ist dann eine Fünfergruppe Omas, so können sie sich abwechseln. "Wir sind ja nicht nur Omas gegen Rechts, wir sind auch Mütter und Großmütter und haben entsprechende Verpflichtungen. Außerdem habe ich keine Lust, mich jeden Montag von denen auf die Straße treiben zu lassen", so Barbara Hahn.

Einmal im Monat stellen sich die Omas gegen Rechts einer rechtsextremen Veranstaltung entgegen. Dass sie ihre Klarnamen nicht nennen wollen, hat mit Vorsicht zu tun. "Es ist für uns alle wichtig, dass wir geschützt sind", sagt beispielsweise Christiane Bauer. Man wolle keine schwarz gekleidete Horde vor der privaten Haustür, die ausfällig wird. "Die Schwelle zur Gewalt ist so niedrig. Das erschreckt mich immer wieder", sagt sie.

Verachtende Blicke bis hin zu Morddrohungen

"Ich gehe mit Schild und Button raus auf die Straße, aber in mein privates Leben soll dieser Hass nicht gelangen", sagt auch Barbara Hahn. Sogar Morddrohungen haben die Seniorinnen schon erhalten und hadern damit sehr. "Ich war in der DDR Teil der Friedensfrauen, die Stasi saß uns immer im Nacken. Da hatten wir keine Angst. Doch bei den Pegida-Teilnehmern bleibt ein ungutes Gefühl", sagt sie.

"Die Nazis hatten damals auch ganz viele Zuläufer und keiner hätte gedacht, dass das möglich war, was am Ende passiert. Die Unzufriedenheit von damals findet sich heute wieder", ist sich Astrid Bodenstein sicher. Es gilt, die Erinnerung an die Schreckensherrschaft der Nazis nicht verblassen zu lassen und zu verhindern, dass es wieder so kommt.

Dabei agieren die "Omas gegen Rechts" deeskalierend. Sie verurteilen nicht, sie wollen aufklären. "Mein Nachbar steht mit im Pegida-Block, nur wenige Meter von mir entfernt. Dennoch grüßt man sich am nächsten Tag", sagt Greta Schmidt. Trotzdem sei es nur schwer auszuhalten, wenn ihre eigene Generation, die der Jahrgänge 1940 bis 1960, mit bei Pegida grölt. "Unsere Biografien bringen uns dazu, uns gegen Rechtsextremismus zu stellen. Mir geistert immer wieder die Frage durch den Kopf, warum Menschen meines Alters da stehen. Sind es Wendeverlierer? Sind es einfach nur Unzufriedene?", fragt sich die Seniorin.

Neben vielen verachtenden Blicken sei da eben auch Rückhalt und Zuspruch, gerade von jungen Leuten. Und manchmal, das merken die Omas gegen Rechts oft, braucht es nur ein offenes Ohr. "Manche erzählen uns, wie es ihnen gerade geht. Und auch hier ist es wichtig, hinzuhören, denn das hilft den Menschen", sagt Greta Schmidt. Für die herausfordernden Gespräche mit Pegida-Sympathisanten bilden sich die Seniorinnen regelmäßig in deeskalierender Gesprächsführung weiter.

Eine monatelange Corona-Pause

Die Corona-Pandemie hat auch die Seniorinnen sehr ausgebremst. Von März bis November 2020 gingen sie nicht mehr auf die Straße. Doch jetzt, da sich der Aufstand auch in der Stadt regt, sind die Omas gegen Rechts wieder da - und suchen Mitstreiterinnen. "Das bedeutet nicht, dass jede Teilnehmerin zu Demonstrationen muss. Jeder kann seine Kompetenzen auf die eine oder andere Art einbringen", sagt Barbara Hahn. Es gehe darum, aus dem stummen Winkel des Ruhestands herauszutreten und die Stimme zu erheben: "Denn die Zukunft trägt die Namen unsrer Kinder und Enkel."