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"Ich wollte nie mein Gesicht überall zeigen"

Er produziert Musik für Weltstars und ist selbst einer. Doch in Dresden lebt er wie ein Phantom. Zum Stadtfest gibt Purple Disco Machine sein erstes großes Heimatkonzert.

Von Nadja Laske
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Der gebürtige Dresdner und DJ Tino Piontek ist als Purple Disco Machine für seine Musik international bekannt, doch in seiner eigenen Stadt lebt er, völlig ohne Aufsehen zu erregen.
Der gebürtige Dresdner und DJ Tino Piontek ist als Purple Disco Machine für seine Musik international bekannt, doch in seiner eigenen Stadt lebt er, völlig ohne Aufsehen zu erregen. © Michael Schmidt

Dresdner. Ein Stadtfest, das seinem Namen gerecht wird, ist ein Fest für die ganze Stadt. Es bietet Unterhaltung für alle, die sie dort suchen, jung oder älter, mit Appetit auf Bratwurst oder Weinverkostung, Lust auf Schlager oder Jazz. Entsprechend feilen die Veranstalter am Musikprogramm der Bühnen auf den Straßen und Plätzen in der Neu-und in der Innenstadt. Besonders auf der großen Bühne vor der Semperoper bietet das Dresdner Stadtfest Canaletto jedes Jahr Konzerte von Künstlern, die live zu erleben für das Publikum ein absolutes Highlight sind.

Es galt als eisern gehütetes Geheimnis, wer am Sonntagabend, 3. Oktober, vor Tausenden Stadtfestbesuchern stehen wird. Sächsische.de hatte Gelegenheit, exklusiv mit ihm zu sprechen. Auch für ihn wird der Auftritt ein einschneidendes Erlebnis sein. Denn obwohl DJ Purple Disco Machine alias Tino Piontek aus Dresden stammt, hier zu Hause und in den Metropolen der Welt ein Star ist, gilt er in seiner Heimat als eine Art Phantom.

Fünf Goldene Schallplatten und zahlreiche Platinplatten für seine größten Hits wie "Hypnotized" und "Fireworks" schmücken die Wände seines Studios. Auf dem Musikportal Spotify hat er mehr als neun Millionen Hörer monatlich. Das Debütalbum des 40-Jährigen erschien 2017 beim Label Sony Music Entertainment. Wie er zu einem der berühmtesten DJs der Welt geworden ist, und weshalb er so lange im Verborgenen gelebt und gearbeitet hat, das verrät er im Interview mit der SZ.

Purple Disco Machine, wie fühlt es sich an, die eigene Musik auf allen Sendern zu wissen, und ein derart Unbekannter zu sein? Der Banksy-Effekt?

So berühmt wie Banksy bin ich nicht, aber es stimmt schon, ich kann hier mit meiner Familie ein ganz normales Leben führen. Das ist ein krasser Kontrast zu meinen Auftritten und Touren weltweit. Dresden ist mein Ruhepol, ich liebe es, hier zu sein und beides zu haben: Großstadt und hohe Lebensqualität.

Wie konntest du eine internationale Karriere starten - vorbei an Deutschland?

Das war nicht so beabsichtigt. Die ersten entscheidenden Anfragen kamen aus dem Ausland, dort wurde meine Musik zuerst von Radiosendern aufgegriffen und gespielt. Darauf folgten dann Angebote für Auftritte und schließlich der Vertrag mit Sony Music. Je mehr ich unterwegs war und das Pensum wuchs, desto besser gefiel mir, dass ich hierzulande eine Oase habe, in der ich mit meiner Familie unbehelligt sein und in Ruhe im Studio arbeiten kann.

Was hat dich zur Musik gebracht?

Meine Eltern waren schon in meiner Kindheit beide sehr musikinteressiert. Mein Vater hörte viel Rockmusik und sammelte Platten. Das war nicht das, was mich selbst so wahnsinnig gereizt hätte, aber es gehörte zum Alltag, auch, dass man zu Konzerten ging. Trotzdem habe ich lieber Fußball gespielt und kein Instrument gelernt. Als Teenager fing ich sozusagen im Kinderzimmer an, mich auszuprobieren. Später habe ich selbst aufgenommene Mixtapes an Clubs geschickt. So durfte ich als DJ antreten.

Wo hast du damals aufgelegt?

Besagter erster Auftritt war Anfang der 2000er-Jahre im Club Grotte, später bin ich viel im Terminal, im Washroom und im Eventwerk unterwegs gewesen. Das hat Spaß gemacht, aber eigentlich bin ich ein introvertierter Mensch. Vor vielen Leuten zu stehen, fühlt sich für mich bis heute wie 'ne Therapie an. Ich habe auch recht schnell gemerkt, dass ich viel lieber meine eigene Musik machen will. Die konnte ich dann natürlich in den Clubs einfließen lassen, und sehen, wie das Publikum darauf reagiert.

Von der Schulbank ins Nachtleben - oder welchen "richtigen" Beruf hast du gelernt?

Nach der zehnten Klasse bin ich erstmal Koch geworden, habe drei Jahre gelernt und etwa zwei Monate in dem Beruf gearbeitet. Dann war ich Zivi und habe anschließend mein Abi nachgemacht. Das war dann schon die Zeit, als ich als DJ und Produzent die ersten Erfolge hatte. Seit 2004 bin ich selbstständig.

Inzwischen hast du für Elton John, Lady Gaga, Dua Lipa, Kylie Minogue und viele andere Weltstars Musik produziert. Was hält dich auf dem Boden?

Meine Familie an erster Stelle. Aber ich bin, wie schon gesagt, eher introvertiert und nicht besonders anfällig dafür abzuheben. Es ist mir wichtiger, mit meinen alten Schulfreunden in der Neustadt entspannt essen gehen zu können, als der berühmteste Künstler der Welt zu sein. Ich wollte nie mein Gesicht überall zeigen.

Millionen Jungs spielen Fußball und träumen davon, ein Star zu werden. Millionen Teenies machen Musik und hoffen, groß herauszukommen. Wie ist dir das gelungen?

Das ist wirklich vergleichbar. Man muss zur rechten Zeit von den richtigen Leuten am richtigen Ort gehört werden. Ich hatte dieses Glück. Damals hat da Facebook noch eine große Rolle gespielt, und spätestens seit Sony mich gelabelt hat, wurde alles sehr schnell sehr groß. Zu groß beinah.

Inwiefern?

Es gibt da diesen Spruch: Wer sein Hobby zum Beruf macht, hat kein Hobby mehr. Das stimmt. Ich liebe die Musik und finde es großartig, mit ihr zu arbeiten, aber es soll sich nicht wie Arbeit anfühlen. Kurz vor Corona war ich so viel unterwegs, dass ich zu zweifeln begann. Meine letzte Show war in San Francisco, von wo aus ich einen der letzten Flüge nach Europa bekommen habe. Damals fühlte ich schon eine gewisse Unzufriedenheit. Mir war klargeworden, dass keine Zeit mehr für die Familie blieb und die Kinder viel zu schnell groß werden, ohne dass ich dabei bin.

Dann stand alles still. Wie hat sich der Schnitt für dich angefühlt?

Erstmal natürlich verstörend. Doch dann habe ich es genossen, einfach zu Hause zu sein. Anfangs ist das gar nicht so einfach gewesen, weil meine Frau und meine beiden Kinder ihre gewohnten Abläufe hatten, und ich plötzlich dauernd da war. Aber so ging es ja vielen Familien. Ich habe die Zeit für meine Studioarbeit genutzt, das mache ich ja sowieso am liebsten. Irgendwann begann mir dann das Feedback und der Energieaustausch zu fehlen, und ich sehnte mich wieder nach Liveauftritten.

Einen ganz besonderen gibt es am 3. Oktober auf dem Dresdner Stadtfest. Was bedeutet dieses Konzert für dich?

Ich bin schon jetzt extrem aufgeregt. Ganz ehrlich: In London oder New York würde ich mich sicherer fühlen. Da ist auf der einen Seite die große Freude über das Heimspiel, zu dem Freunde und Familie kommen. Aber ein Konzert in der eigenen Stadt zu geben, bringt auch großen Druck mit sich.

Wenn ich auf Tour bin, haben die Leute sich ganz bewusst eine Karte gekauft. Sie kommen gezielt, um meine Musik zu hören. Hier ist das anders. Die Stadtfestbesucher sind schon da, und ich komme dazu und hoffe, sie zu erreichen. Werden die Dresdner meine Musik mögen? Ein paar Titel kennen sie sicherlich, aber wie finden sie die anderen? Ich kann ja nicht einen Abend lang nur Hypnotized spielen.

Darüber brauchst du dir keine schweren Gedanken zu machen. Es ist die erste Chance seit Washroom, Eventwerk & Co., dich live in Dresden zu erleben. Verbindest du etwas mit dem 3. Oktober?

Ich war zur Wende neun Jahre alt und zu jung, um schlechte Erfahrungen gemacht zu haben. Doch mir ist auf jeden Fall bewusst, dass ohne dieses Ereignis meine Entwicklung nicht möglich gewesen wäre.

Was hat der Name Purple Disco Machine mit deiner Entwicklung zutun?

Da steckt der Titel "Purple Rain" von Prince und Gloria Estefans "Miami Sound Machine" drin.

Die haben dich musikalisch inspiriert?

Ja, genau wie Phil Collins und dessen Entwicklung von Genesis zum Solokünstler. Auch Daft Punk und The Weeknd waren solche Impulsgeber.

Vielen Dank für das Gespräch. Wir freuen uns auf dich.

Purple Disco Machine ist am 3. Oktober, 20.30 Uhr, auf der großen Bühne auf dem Theaterplatz zu erleben. Der Eintritt ist frei. Danach startet das Feuerwerk.

Das Programm und weitere Informationen gibt es hier.