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Dresden: Schließungen in Trachau richtig?

Das Städtische Klinikum Dresden soll umstrukturiert werden. Der Verband der sächsischen Krankenhäuser hat dazu eine klare Meinung.

Streitpunkt im neuen Klinikkonzept ist das Krankenhaus Dresden-Neustadt. Dort soll in Zukunft nur noch ambulant behandelt werden. Der Chef der sächsischen Krankenhausgesellschaft sieht das weniger problematisch.
Streitpunkt im neuen Klinikkonzept ist das Krankenhaus Dresden-Neustadt. Dort soll in Zukunft nur noch ambulant behandelt werden. Der Chef der sächsischen Krankenhausgesellschaft sieht das weniger problematisch. © Sven Ellger

Dresden. Noch vor den Sommerferien soll das Zukunftskonzept für das Städtische Klinikum beschlossen werden. Ein ehrgeiziger Plan, denn Grüne, Linke und SPD wollen noch ein zweites Gutachten einholen. Und die Gewerkschaft Verdi demonstriert zusammen mit dem Dresdner Pflegebündnis vehement dafür, an der stationären Versorgung im Neustädter Krankenhaus festzuhalten. Aber wie bewertet die sächsische Krankenhausgesellschaft, in der auch die Landeshauptstadt Dresden Mitglied ist, die Zukunftspläne? Geschäftsführer Stephan Helm hat zu dem Vorhaben, die stationäre Patientenversorgung in Friedrichstadt zu konzentrieren, Stellung bezogen. Das sind seine wichtigsten Aussagen.

Punkt 1: Trachau als ambulantes Zentrum

Der Plan: Im Neustädter Krankenhaus sollen ab etwa 2035 keine stationären Patienten mehr versorgt werden. Der Standort an der Industriestraße wird zu einem reinen ambulanten Gesundheitsquartier, so der Plan. Zentrale Bestandteile wären ein ambulantes OP-Zentrum sowie eine rund um die Uhr geöffnete Notaufnahme mit zehn angeschlossenen Beobachtungsbetten. Hinzu kämen Pflege- und Wohnangebote für Senioren. Damit wollen Stadtverwaltung und Klinikleitung auch der Entwicklung Rechnung tragen, wonach immer mehr Eingriffe ambulant durchgeführt werden.

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Die Bewertung: „Die Konzentration der Ambulantisierung am Standort Trachau erscheint sehr sinnvoll“, sagt Stephan Helm. „Ambulante Operationen werden zunehmen, dies an einem Standort und an einem Zentrum zu konzentrieren, ist zukunftsorientiert.“ Grundsätzlich spreche aus seiner Sicht auch nichts dagegen, eine Notaufnahme zu betreiben, die nicht unmittelbar auf eine stationäre Versorgung zugreifen kann. Allerdings müsse betont werden, dass solch eine Notaufnahme keine solitäre Einrichtung sein könne, sondern nur in Kombination mit dem medizinischen Angebot in Friedrichstadt funktioniere.

Stephan Helm ist Geschäftsführer der Sächsischen Krankenhausgesellschaft. Er befürwortet die Zukunftsstrategie des Städtischen Klinikums Dresden.
Stephan Helm ist Geschäftsführer der Sächsischen Krankenhausgesellschaft. Er befürwortet die Zukunftsstrategie des Städtischen Klinikums Dresden. © Sächsische Krankenhausgesellschaft

Eine chirurgische und internistische Grundversorgung in Trachau zu belassen, wie es im geforderten Zweitgutachten untersucht werden soll, hält Helm für nicht überzeugend und begründet seine Einschätzung damit, dass das Städtische Klinikum mehrere Fachabteilungen doppelt betreiben müsste – einmal in Friedrichstadt und einmal in Trachau. Dies würde eine sinnvolle Medizinstrategie beeinträchtigen, so der Geschäftsführer weiter.

Punkt 2: Abbau von Betten

Der Plan: Die Stadt plant in der Zukunft mit weniger Krankenhausbetten. Aktuell gibt es an allen Standorten insgesamt 1.553 Betten. Davon sollen 125 wegfallen. Betten, die schon heute nicht belegt seien, so Klinik-Direktor Marcus Polle. Wirtschaftsberater hatten dem Klinikum einen noch stärkeren Abbau empfohlen. Da man aber annehme, dass die Stadtbevölkerung weiter altert und insbesondere Hochbetagte eher stationär als ambulant versorgt werden müssen, falle die Bettenreduktion geringer aus, heißt es.

Die Bewertung: Ob nun 100 Betten mehr oder weniger gebraucht werden als anvisiert, werde heute kein Experte abschließend beurteilen können, so Helm. Da zunehmend mehr Eingriffe ambulant stattfinden und sich Krankenhauszeiten verkürzen, spreche aber vieles dafür, Betten abzubauen. Zumal schon heute nicht alle belegt seien. Andererseits müsse mit mehr Patienten gerechnet werden, wenn die stationäre Versorgung in Friedrichstadt gebündelt und medizinische Zentren aufgebaut würden. Gerade das ist ja das Ziel. „Es ist Aufgabe des Klinikums, bei zukünftiger Ambulantisierung, zu reduzierender Verweildauer, aber auch der zu erhöhenden Auslastung, eine realistische Kapazitätsgröße vorzuhalten, aber auch zukunftsorientiert zu entwickeln.“

Punkt 3: Stationäre Versorgung in Friedrichstadt

Der Plan: Alle Fachabteilungen an Ort und Stelle zu haben und zu Zentren zu bündeln, soll die Patientenversorgung verbessern und die interdisziplinäre Arbeit unter den Medizinern erleichtern. Hinzu kommt eine Modernisierung des Friedrichstädter Krankenhauses. Der Anfang soll mit der Sanierung des Hauses P gemacht werden, danach folgen Neubauten. Auch ein Parkhaus ist vorgesehen. Zwischen der Chirurgie im Haus C und dem gegenüberliegenden Haus B ist eine Verbindung angedacht. Dadurch entstünde auf einer Ebene ein komplettes Hochleistungs-Notfallangebot zur Versorgung von Herzinfarkten, Schlaganfällen oder Unfalltraumata.

Entwurf für die bauliche Entwicklung des Campus Friedrichstadt bis 2035 - mit den dazugehörigen Preisschildern in Millionen Euro.
Entwurf für die bauliche Entwicklung des Campus Friedrichstadt bis 2035 - mit den dazugehörigen Preisschildern in Millionen Euro. © Landeshauptstadt Dresden/Wörner Traxler Richter Pl

Die Bewertung: Aus medizinischer und wirtschaftlicher Sicht sei die Konzentration der stationären Versorgung an einem Standort die sinnvollste Lösung, findet Stephan Helm. Die Strukturierung in Zentren mit kurzen Wegen entspreche den zukünftigen Planungen vieler Häuser. Als Beispiel führt der Geschäftsführer das Chemnitzer Klinikum an, das ebenfalls gerade eine Umstrukturierung durchmacht. So sei die stationäre Versorgung am Standort Schneeberg bereits eingestellt worden. Nun werde das Krankenhaus zu einem Ambulanzzentrum für die Region umgebaut. Dafür werde der Hauptstandort erweitert.

Durch die konsequente Aufteilung der ambulanten Versorgung in Trachau, der stationären Versorgung in Friedrichstadt und der psychiatrischen Versorgung am Weißen Hirsch komme die Landeshauptstadt Dresden ihrer Verantwortung nach, das Klinikum zu sichern. Die Positionierung als Schwerpunktversorger sei dringend notwendig, da sonst der Abstand zu den Mitbewerbern nur noch größer werde.

Punkt 4: Die Gewinnprognose

Der Plan: Eines ist klar: Das Zukunftskonzept ist auch aus der finanziellen Not heraus entstanden. Denn die Fusion der beiden Krankenhäuser Friedrichstadt und Neustadt führte nicht etwa zu einem Gewinn, sondern zu hohen Verlusten. Vorletztes Jahr waren es fast zwölf Millionen Euro. Dafür werden zum Beispiel die doppelt existierenden medizinischen Abteilungen verantwortlich gemacht. Das Unternehmen Ernst & Young, welches die Stadt beim Entwurf der neuen Klinik-Strategie beraten hat, sieht mit dem Umbau des Klinikum Licht am Ende des Verlust-Tunnels. Demnach würde der Eigenbetrieb 2028 wieder schwarze Zahlen schreiben.

Die Bewertung: Helm empfiehlt dringend, nicht erst auf die komplette Umsetzung des Zukunftskonzeptes zu warten, um aus den Miesen zu kommen. „Ziel muss es sein, dass das Haus auch früher selbst in der Lage ist, positive Deckungsbeiträge zu erzielen.“ Städtisches Geld könne und solle nicht dauerhaft in den operativen Betrieb fließen, da die Mitfinanzierung von Investitionen die Stadt bereits genügend herausfordern.

Tatsächlich rechnen Stadt und Klinikleitung im endgültigen Konzept optimistischer als die Unternehmensberater von Ernst & Young. Demnach soll der Sprung aus der Verlustzone bereits 2023 gelingen. Für das abgelaufene Geschäftsjahr, das im Zeichen der Pandemie stand, erwartet Direktor Marcus Polle einen Verlust in Höhe von rund 3,9 Millionen Euro.

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>> Das komplette Zukunftskonzept finden Sie hier. <<

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