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Warum bleibt diese Dresdner Kirche stumm?

Die Glocke der Bethlehemkirche läutet derzeit morgens nicht. Deshalb verschlafen manche Tolkewitzer - ein Mann kann dafür aber länger liegen bleiben.

In der Betlehemkirche an der Marienberger Straße muss die Steuertechnik der Glocke repariert werden. So lange wird die Glocke morgens nicht ertönen.
In der Betlehemkirche an der Marienberger Straße muss die Steuertechnik der Glocke repariert werden. So lange wird die Glocke morgens nicht ertönen. © Marion Doering

Dresden. Normalerweise ertönt der Glockenschlag zuverlässig jeden Morgen, Mittag und Abend über dem Tolkewitzer Wohngebiet und den nahen Elbwiesen. Doch seit einiger Zeit bleibt die Bethlehemkirche an der Ecke von Marienberger und Kipsdorfer Straße zumindest morgens 7 Uhr stumm. Das Steuergerät der Kirchturmglocke ist defekt, es muss komplett ersetzt werden. Kosten: 1.600 Euro.

Damit das Geläut wenigstens mittags 12 Uhr und abends 18 Uhr zu hören ist, lässt Pfarrer Hans-Peter Hasse die Glocke von einem Mitarbeiter läuten. Dennoch fehlt der morgendliche Glockengruß einigen Anwohnern. Telefonisch haben sie sich in der Gemeinde erkundigt, warum das Glockenläuten am Morgen ausbleibt. Tatsächlich ist das für einige Tolkewitzer offenbar der Weckruf.

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Bethlehemkirche ist architektonische Besonderheit

Um seinem Mitarbeiter das zeitige Aufstehen zu ersparen, wird die Glocke vorerst auch weiterhin am Morgen stumm bleiben. Allerdings soll die Steuerung so schnell wie möglich repariert werden. Dafür werden nun Spenden gesammelt.

Unterstützung kommt dabei von zwei nicht ganz unbekannten Dresdnern. Christoph Pötzsch und seine Frau Heidi geben auf Führungen durch die Dresdner Stadtteile Einblicke in die Geschichte, beliebt ist vor allem die Führung in die Gruft der Wettiner unter der Hofkirche.

Nun erzählt Christoph Pötzsch in einer Art Adventskalender jeden Tag eine kleine Geschichte - Unterhaltsames und Kurioses aus der sächsischen Historie - die dann als Video auf ihrer Homepage zu sehen ist. Wer sich die Kurzgeschichten anschaut, wird gebeten, die Gemeinde mit einer Spende zu unterstützen.

Und Pötzsch weiß natürlich auch Spannendes aus der Geschichte der Bethlehemkirche zu berichten. "Sie ist eine ganz besondere Kirche, denn sie ist eine der ersten, die in der DDR gebaut wurden." Das war Anfang der 1950er-Jahre. Und es gibt eine zweite Besonderheit: Sie wurde im neoromanischen Stil errichtet. "Das ist völlig untypisch für Dresden", ergänzt Pötzsch. "Da hat der Künstler bewusst gegen den Dresdner Mainstream gearbeitet." Barock und Neobarock, Renaissance und Neorenaissance - das bestimmt ansonsten das Dresdner Stadtbild.

Architekt wurde schikaniert

Der Architekt Professor Wolfgang Rauda sei ohnehin ein interessanter Mann gewesen, so der Geschichtsexperte. Er sei in Dresden sehr geschätzt gewesen, "eine große Nummer", habe sich dann aber mit dem Kirchenbau in Tolkewitz ins Abseits gebracht. "Ein sozialistischer Professor kann sich ja nicht getrauen, eine Kirche zu projektieren."

Obwohl er mit dem Studentenheim gegenüber vom heutigen St.-Benno-Gymnasium ein weiteres bedeutendes und architektonisch sehr wertvolles Bauwerk in Dresden hinterlassen hat, sei er so sehr schikaniert worden, dass er die DDR später verließ und im Westen noch eine erfolgreiche Karriere hatte.

Im Adventskalender "Sächsische Miniaturen" erzählt Christoph Pötzsch noch mehr von den Besonderheiten in der sächsischen Geschichte. Den Kalender und den Spendenaufruf finden Sie unter www.historisches-dresden.de.

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