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Neuer Temporekord auf Waldschlößchenbrücke

Die Stadt Dresden hat schon 4,4 Millionen am Waldschlößchen eingeblitzt. Auch Radfahrer erzielen einen Rekord. Bleibt das nächtliche Tempo-30-Limit?

Im Sommerhalbjahr ist die Waldschlößchenbrücke Deutschlands berühmteste Tempo-30-Zone. 88 km/h schneller als zulässig war ein BMW-Fahrer, der damit einen neuen Temporekord aufstellte.
Im Sommerhalbjahr ist die Waldschlößchenbrücke Deutschlands berühmteste Tempo-30-Zone. 88 km/h schneller als zulässig war ein BMW-Fahrer, der damit einen neuen Temporekord aufstellte. © Christian Juppe

Dresden. Turbulent ging es vor genau acht Jahren auf der Waldschlößchenbrücke zu, als sie am 24. August 2013 feierlich eröffnet wurde. An dem Wochenende kamen rund 190.000 Besucher auf die einst umstrittene Elbquerung. Am 26. August rollten die ersten Autos darüber. Zwar wird die Brücke stark genutzt. Allerdings gibt es nach wie vor keine gültige Baugenehmigung für das rund 179 Millionen Euro teure Großprojekt.

Wie weit ist das Verfahren inzwischen und welche Entwicklungen gibt es auf der und um die Brücke? Dazu haben Straßenbauamtschefin Simone Prüfer sowie das Ordnungs- und das Umweltamt der Stadt zahlreiche SZ-Anfragen beantwortet.

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Über diese Brücke musst du gehen, dachten sich die Massen am 24. und 25. August 2013. Am Eröffnungswochenende kamen rund 190.000 Menschen, um die Waldschlößchenbrücke zu testen. Fast sechs Jahre lang war daran gebaut worden.
Über diese Brücke musst du gehen, dachten sich die Massen am 24. und 25. August 2013. Am Eröffnungswochenende kamen rund 190.000 Menschen, um die Waldschlößchenbrücke zu testen. Fast sechs Jahre lang war daran gebaut worden. © Archiv: Wolfgang Wittchen

Der 1. Rekord: BMW-Fahrer darf drei Monate laufen

Weit über Dresden hinaus haben die beiden rund 160.000 Euro teuren Hightech-Blitzer auf der Brücke Berühmtheit erlangt. Am Anfang gab es sogar noch Kraftfahrer, die bewusst etwas schneller fuhren, um ein besonderes Erinnerungsfoto von sich auf der Waldschlößchenbrücke zu bekommen. Diese Zeiten sind aber längst vorbei.

Seit der Brückeneröffnung bis Ende Juli wurden bereits 137.807 Kraftfahrer geblitzt. Mit 104.817 waren die meisten von ihnen in Richtung Johannstadt unterwegs. Sie zahlten dafür Verwarnungs- und Bußgelder von rund 4,4 Millionen Euro. Der bisherige Rekord von Temposündern wurde 2017 mit 23.014 erreicht. Im vergangenen Jahr waren es 16.652.

Das Aufstellen der beiden Hightech-Blitzer auf der Waldschlößchenbrücke hat sich für die Stadt gelohnt. Seit der Eröffnung wurden bis Ende Juli 137.807 Autos geblitzt. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres waren es 7.138. Der zu schnelle BMW-Fahrer m
Das Aufstellen der beiden Hightech-Blitzer auf der Waldschlößchenbrücke hat sich für die Stadt gelohnt. Seit der Eröffnung wurden bis Ende Juli 137.807 Autos geblitzt. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres waren es 7.138. Der zu schnelle BMW-Fahrer m ©  Rene Meinig

Nach knapp drei Jahren wurde im vergangenen Monat ein neuer Temporekord aufgestellt, erklärt das Ordnungsamt. Lag die bisherige Höchstmarke bei 117 km/h, so stieg sie nach Abzug der Toleranz jetzt auf 118 km/h. Der neue Spitzenreiter ist ein BMW-Fahrer, der im Juli gegen Mitternacht aus dem Tunnel in Richtung Johannstadt brauste, als er den Blitz sah. Als Quittung bekommt er 680 Euro Geldbuße und drei Punkte in Flensburg. Außerdem muss er jetzt drei Monate seinen BMW stehen lassen.

Der 2. Rekord: Über 1,2 Millionen Radler im Corona-Jahr

Im Coronajahr 2020 fuhren zwar viel weniger Autos über die Brücke. Die Zahl der Radfahrer hat hingegen weiter zugelegt. Schließlich sind die breiten Geh- und Radwege über die Brücke komfortabel. Nicht nur Autos werden von den elektronischen Zählstellen erfasst, sondern auch Radfahrer.

Nach der Eröffnung der Brücke wurden im September 2013 knapp 63.000 Radler gezählt. Im Verlaufe der Jahre wurden es immer mehr. So wurde im Juni 2016 erstmals die 100.000er-Marke geknackt. Die monatliche Zahl hat sich seit der Eröffnung mehr als verdoppelt. Der bisherige Spitzenmonat war der Juli 2020 mit 140.602 Radfahrern. Das Coronajahr 2020 wurde mit über 1,24 Millionen Radfahrern zum Rekordjahr. Zum Vergleich: 2019 waren es noch 1,13 Millionen.

Bei Radfahrern wird die Waldschlößchenbrücke immer beliebter. Die elektronischen Zählstellen erfassen sie genau. Der Monatsrekord wurde im Juli 2020 mit 140.602 Radlern aufgestellt. Spitze war auch das gesamte vergangene Jahr.
Bei Radfahrern wird die Waldschlößchenbrücke immer beliebter. Die elektronischen Zählstellen erfassen sie genau. Der Monatsrekord wurde im Juli 2020 mit 140.602 Radlern aufgestellt. Spitze war auch das gesamte vergangene Jahr. © René Meinig

Aufgrund der – im Gegensatz zu den Vorjahren – kalten Winterwochen ging die Zahl zwar im Januar und Februar zurück. Doch beispielsweise im Juni rollten schon wieder knapp 132.000 Radler über die Brücke.

Der Rückgang: Viel weniger Autos bei Lockdowns

Nach der Eröffnung wurde die vierspurige Waldschlößchenbrücke immer mehr genutzt. Rollten nach der Eröffnung im September 2013 noch rund 24.000 Autos täglich darüber, so waren es bis zu 37.500, nachdem im November 2019 die Sanierung der Carolabrücke begonnen hatte. Als die benachbarte Albertbrücke saniert wurde, wurden in Spitzenzeiten sogar über 39.000 Autos am Tag gezählt.

Stark zurückgegangen war der Verkehr auf der Waldschlößchenbrücke bei den vergangenen Lockdowns.
Stark zurückgegangen war der Verkehr auf der Waldschlößchenbrücke bei den vergangenen Lockdowns. © Christian Juppe

Allerdings gab es während der Lockdowns in der Corona-Krise einen starken Rückgang. Zum Auftakt fuhren vom 23. März bis 3. Mai 2020 knapp 27.000 Autos täglich über die Brücke, also fast 10.000 weniger als zu normalen Zeiten. Im Sommer vergangenen Jahres waren es dann wieder rund 35.000. Im jüngsten Lockdown pegelt sich der Verkehr wieder auf täglich etwa 28.000 Autos ein. Danach stieg er auf bis zu 33.000 Autos täglich.

Die Illegalen: Tunnel-Schranke schreckt Eindringlinge ab

Seit über acht Jahren werden die Waldschlößchentunnel rund um die Uhr von der Reicker Tunnel-Betriebszentrale der Stadt überwacht. Immer wieder sichten die Überwacher illegale Eindringlinge im für sie gesperrten Tunnel. Die Zahl der Fußgänger ist aber stark zurückgegangen. Denn vor dem Portal der westlichen Tunnelzufahrt von der Bautzner Straße wurde 2019 eine große Schranke auf dem Randstreifen montiert. Höchstens einmal im Monat wird jetzt noch ein illegaler Eindringling gesichtet, erklärt die Straßenbauamtschefin. Dann treten die Überwacher über die Tunnel-Lautsprecher in Aktion und fordern den Schwarzgeher auf, den Tunnel zu verlassen.

In der Reicker Tunnel-Betriebszentrale wird der Waldschlößchentunnel rund um die Uhr überwacht.
In der Reicker Tunnel-Betriebszentrale wird der Waldschlößchentunnel rund um die Uhr überwacht. © Christian Juppe

Zwar fahren mittlerweile weniger Schwarzradler durch den Tunnel. Dennoch macht es einigen offensichtlich immer wieder Spaß, durch die gesperrte Weströhre den Berg von der Stauffenbergallee hinabzufahren. Drei bis vier Schwarzradler sichten die Überwacher vor allem in der Radsaison während der warmen Jahreszeit wöchentlich, erläutert die Straßenbauamtschefin. Zu anderen Zeiten sind es ein bis zwei Radfahrer.

Diese neue Schranke am Portal des Waldschlößchentunnels schreckt illegale Eindringlinge ab.
Diese neue Schranke am Portal des Waldschlößchentunnels schreckt illegale Eindringlinge ab. © Peter Hilbert

Die Fledermäuse: Zweite Hufi-Autobahn wird gestutzt

Das Umweltamt geht davon aus, dass etwa zehn Fledermaus-Arten bei ihren Jagdflügen nach Insekten die Waldschlößchenbrücke unter- beziehungsweise überqueren. Für den berühmtesten Vertreter, die Kleine Hufeisennase, wurden unter der Brücke Fledermausautobahnen in Gestalt von langen Weidenreihen gepflanzt, die sie bei ihren nächtlichen Flügen nutzen.

Viele Schmetterlinge wie dieser Weißling fühlen sich an der Waldschlößchenbrücke wohl.
Viele Schmetterlinge wie dieser Weißling fühlen sich an der Waldschlößchenbrücke wohl. © René Meinig

Die jeweils 350 Meter langen Reihen von Purpurweiden und Schneeballsträuchern beiderseits der Elbe sind gut gewachsen. Deshalb war Anfang 2019 die Hälfte der Hecken zurückgeschnitten worden. „Die sind schon wieder auf die volle Höhe von 3 bis 3,5 Meter gewachsen“, erklärt Harald Wolf vom Umweltamt. „Im Frühjahr 2022 erfolgt der nächste Pflegerückschnitt der anderen Hälfte der Hecken.“

Zwar war die Hälfte der Fledermaus-Autobahn an der Waldschlößchenbrücke bereits gestutzt worden. Die Weiden sind aber schon wieder nachgewachsen. Die Sträucher sollen Hufi & Co. unter der Brücke hindurchleiten.
Zwar war die Hälfte der Fledermaus-Autobahn an der Waldschlößchenbrücke bereits gestutzt worden. Die Weiden sind aber schon wieder nachgewachsen. Die Sträucher sollen Hufi & Co. unter der Brücke hindurchleiten. © René Meinig

Zwar läuft noch die Verträglichkeitsprüfung für Flora-Fauna-Habitate und für den Artenschutz. Doch Tiere scheinen sich an der Brücke wohlzufühlen. So hat sich die geschützte Zauneidechse am Neustädter Hang unterhalb der Mauer zwischen Brücke und Pavillon angesiedelt. Mit dem attraktiven Alexis- oder Großpunktbläuling hat sich seit 2019 zudem eine seltene Schmetterlingsart wieder angesiedelt, die in Sachsen zwischen 1952 und 2018 nicht mehr nachgewiesen werden konnte. In Sachsen gibt es nur eine Handvoll von Orten, wo sich diese Schmetterlingsart bei ihrer Wiederausbreitung angesiedelt hat. In diesem Jahr kam mit dem Trauerrosenkäfer eine weitere geschützte Tierart am Waldschlößchen hinzu.

Die Baugenehmigung: Landesdirektion prüft 1.300 Seiten

Die Waldschlößchenbrücke hat noch immer keine gültige Baugenehmigung. Im Juli 2016 hatte das Bundesverwaltungsgericht nach einer Klage der Grünen Liga Sachsen den sogenannten Planfeststellungsbeschluss für ungültig erklärt. Die Richter hatten entschieden, dass er rechtswidrig ist. Angeordnet wurde, die Umweltverträglichkeitsprüfung nach den strengen europäischen Richtlinien für Fauna-Flora-Habitate (FFH) nachzuholen.

„Die geforderten Unterlagen zur FFH-Verträglichkeitsuntersuchung wurden erstellt und bei der Landesdirektion Sachsen eingereicht“, erklärt Straßenbauamtschefin Prüfer. Sie haben einen Umfang von rund 1.300 Seiten.

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Möglich ist es auch, dass das nächtliche Tempolimit im Sommerhalbjahr kippt. Mit diesem sollen die Kleinen Hufeisennasen in ihrer Flugsaison von April bis Oktober geschützt werden, falls sich doch einmal eine Fledermaus auf die Brücke verirrt. Die Geschwindigkeitsbegrenzung war vor dem Baubeginn im November 2007 vom Oberverwaltungsgericht Bautzen festgelegt worden. „Das Ergebnis des Verfahrens entscheidet darüber“, so die Straßenbauamtschefin. Wie lange es dauert, könne sie noch nicht sagen.

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