merken
PLUS Sport

Wie dieser Dresdner zwischen den zwei Welten vermittelt

André Brändel organisiert das 25. Gehörlosen-Sportfest, spricht nun über alltägliche Probleme und Missverständnisse.

Der Wahl-Dresdner André Brändel organisiert das 25. Deutsche Gehörlosensportfest – zu dem knapp 1.000 Sportler erwartet werden.
Der Wahl-Dresdner André Brändel organisiert das 25. Deutsche Gehörlosensportfest – zu dem knapp 1.000 Sportler erwartet werden. © Thomas Kretschel

Dresden. Er hat viel zu erzählen. Allerdings ist André Brändel für die meisten Menschen ohne Hilfe nicht zu verstehen. Der 47-Jährige gehört zu den knapp 80.000 Gehörlosen in Deutschland – er benötigt einen Gebärdendolmetscher, um mit Hörenden zu kommunizieren. Und das gehört zu den Grundanliegen, die mit dem 25. Deutschen Gehörlosensportfest verknüpft sind, das vom Donnerstag bis Samstag in Dresden ausgetragen wird.

Als Cheforganisator ist Brändels Meinung, sind seine Erklärungen gefragt. „Wir haben das Sportfest schon zweimal verschoben“, erklärt er via Dolmetscherin Sindy Christoph, die Brändels Gesten und Laute übersetzt. Zunächst war das Gehörlosen-Sportfest für Mai 2020 geplant, dann für Mai 2021 – Corona funkte jeweils dazwischen. „Wir rechnen mit knapp 1.000 Sportlern, die Schulferien, die Zurückhaltung wegen Corona und auch die fehlenden Trainingsmöglichkeiten haben uns einige Teilnehmer gekostet“, sagt Brändel.

Familie und Kinder
Familienzeit auf sächsische.de
Familienzeit auf sächsische.de

Sie suchen eine Freizeitplanung oder Erziehungsrat? Wir unterstützen Sie mit Neuigkeiten sowie Tipps und Tricks Ihren Familienalltag zu versüßen.

Die ursprünglich geplanten Sportarten Golf, Wasserball und Kegeln entfallen jetzt, 16 Disziplinen sind im Programm geblieben. Also immer noch jede Menge Arbeit für Brändel und seine Mitstreiter, zumal überall die Corona-Einschränkungen zu beachten und zu kontrollieren sind. Mit Brändel sind im Org-Kreis vier Personen involviert, sie werden bei ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit von 25 engeren Unterstützern begleitet, 150 Helfer runden das Team um das Gehörlosen-Sportfest ab.

Stadt gewährt Nachlass bei Mieten

Für das Jubiläumsevent hatte sich der gastgebende Dresdner Gehörlosen-Sportverein (DGSV) 2015 beworben. „2020 hat der Verein sein 100-jähriges Bestehen gefeiert – oder wollte es“, sagt André Brändel und verweist auch hier auf die coronabedingte Verschiebung. „Das hätte gut gepasst“ Die 25. Auflage des Deutschen Gehörlosen-Sportfestes ist die erste, die im Freistaat Sachsen stattfindet. „Ich bin froh, dass wir es hier in Dresden durchführen können – und ich bin stolz darauf“, sagt der Chef des Organisationsstabes.

Die Dresdner sind angewiesen auf Sponsoren und das Entgegenkommen der Verwaltung. Die Stadt gewährt bei den Mieten für die Sportstätten einen Nachlass, die Landesdirektion Sachsen finanziert den Einsatz der Gebärdendolmetscher. „Das ist eine Ausnahme. Für ehrenamtliche Dinge ist das sonst eher schwierig“, sagt Brändel – und erklärt weiter. „Wenn Gehörlose beispielsweise einen Krankenhausaufenthalt haben, kommt die Krankenkasse für die Dolmetscher auf, im schulischen oder beruflichen Kontext finanziert dies das Integrationsamt.“

Denn die Kommunikation mit der Welt der Hörenden ist eine der größten Hürden für Brändel. Sitzt er beispielsweise in der Straßenbahn, bekommt er von einer möglichen wichtigen Durchsage nichts mit. „Leider ist es so, dass uns viele Informationen entgehen, beispielsweise aus dem Radio. Kürzlich bei der Flutkatastrophe im Westen Deutschlands wurde viel über das Radio informiert, davon haben wir Gehörlosen wenig mitbekommen“, sagt er.

Als Co-Trainer bei Fortuna Dresden-Rähnitz

Brändel muss das wissen, er arbeitet seit sechs Jahren für den Deutschen Gehörlosen-Sportverband als Verwaltungsangestellter in Köln. Durch die Corona-Lockdowns kam er wieder nach Dresden. Homeoffice geht für Brändel immer. Vormittags für den Job, nachmittags für das Sportfest. Er sieht sich mit seiner offenen, kommunikativen Art als Mittler zwischen den Welten. Schließlich hat er bei Rotation Dresden selbst lange gekickt – in einer Mannschaft von Hörenden hütete er das Tor.

Im Frauenfußball war er bei Fortuna Dresden-Rähnitz als Co-Trainer aktiv. Im Europäischen Gehörlosen-Sportverband ist der verheiratete Familienvater, der zwei Töchter im alter von 20 und 16 Jahren hat, als technischer Direktor für Frauenfußball aktiv und damit viel in der Welt unterwegs. „Wahrscheinlich“, sagt er schmunzelnd, „kann ich gut organisieren.“

Eine Aufgabe kann auch der kumpelhafte Hüne nicht stemmen: Die Paralympics in Tokio werden ohne Gehörlosensportler ausgetragen. Stattdessen tragen sie ein Jahr später jeweils die Deaflympics aus. Meist unter dem öffentlichen Radar. „Es hat schon Pläne gegeben, alle drei Spiele an einem Ort nacheinander auszutragen. Es ist eine traurige Situation, aber wir Gehörlosen haben eine andere Kultur, einen anderen Umgang“, sagt Brändel. Letztlich wären die Kosten für die Finanzierung der Gebärden-Dolmetscher wohl zu hoch. Sein Wunsch ist, dass die Welten enger zusammenrücken. Vielleicht ist das Sportfest von Dresden ein Puzzleteil auf diesem Weg.

Mehr zum Thema Sport