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Ski-Weltcup am Elbufer: „Eine Absage war nie eine Option“

Am Wochenende macht der Ski-Weltcup wieder Station in Dresden. Die Kritik ist groß, gerade jetzt. Organisator René Kindermann im Interview.

„Wir tun alles, damit es ein exzellenter Weltcup wird“, sagt Organisator René Kindermann. Die Kulisse vor der Dresdner Altstadt kommt bei den Sportlern riesig an, das betonen sie jedes Jahr.
„Wir tun alles, damit es ein exzellenter Weltcup wird“, sagt Organisator René Kindermann. Die Kulisse vor der Dresdner Altstadt kommt bei den Sportlern riesig an, das betonen sie jedes Jahr. © xcitepress/Christian Essler

Herr Kindermann, Sie sagen, der Ski-Weltcup am Dresdner Elbufer ist für Sie eine Herzensangelegenheit. Diesmal dürfen keine Zuschauer dabei sein. Wie geht es Ihnen damit angesichts des Corona-Lockdowns?

Es ist ja nicht so, dass wir überrascht worden sind, dass der Weltcup ohne Zuschauer stattfinden muss. Das ist nicht schön, lässt sich in diesem Jahr aber nicht ändern. Wenn die Zuschauer nicht da sind, die das Besondere ausmachen in einem Stadion, wie wir es ja auch in Dresden haben, dann fehlt etwas. Wir werden das akustisch etwas auffangen und die Jubelschreie sowie den Applaus der Zuschauer vom letzten Weltcup hier einspielen. Das soll ein Ersatz sein, und wir wissen natürlich, das ist ein schlechter Ersatz.

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Sie spielen also über Lautsprecheranlage die Atmosphäre vom vergangenen Weltcup im Januar ein?

Genauso ist es. Wir installieren ein System, dass diesmal nicht die Zuschauer beschallt, sondern die Athleten. Sie sollen das Gefühl haben, in ein Stadion einzulaufen. Wir sind sehr froh, dass wir über viel Arbeit und große Anstrengung sowie dank mehrerer Hygienekonzepte diesen Weltcup durchführen können. Auch der Weltverband ist extrem glücklich damit, dass der Weltcup in Dresden ausgetragen werden kann. Wir sind uns der Verantwortung natürlich sehr bewusst. Und wir tun alles, damit es wieder ein exzellenter Weltcup wird.

Das Interview wurde im CoronaCast, dem Podcast von Sächsische.de zur Pandemie, geführt. Sie können sich den Talk auch über diesen Player anhören.

Norwegen, Schweden, Finnland haben abgesagt. Damit stellt sich umso mehr die Frage: Lohnt sich der Aufwand, am Flughafen Klotzsche den Schnee zu produzieren und am Elbufer eine Wettkampfstrecke zu präparieren, denn überhaupt noch?

Absolut. Man darf dabei nicht vergessen, dass wir trotzdem 24 Nationen aus der ganzen Welt am Start haben. Es wäre ein fatales Zeichen des Weltverbandes, den Weltcup zu stoppen, nur weil die Skandinavier, initiiert von Norwegen, nicht kommen.

Kennen Sie die Gründe für die Absagen?

Es ist nicht so, dass sie uns als Veranstalter nicht trauen. Sie sagen vielmehr, das Reisen sei ihnen zu gefährlich. Merkwürdig ist aber, dass ja nicht die kompletten norwegischen, schwedischen und finnischen Nationalteams zu Hause bleiben. Biathleten, Skispringer und die Alpinen sind alle unterwegs. Nur die Langläufer haben Angst vor Reisen nach Mitteleuropa. Das ist für viele unverständlich und auch für mich nicht nachvollziehbar. Stattdessen sagen die Norweger, alle sollen in ihr Land kommen, dort könne man Weltcups durchführen.

Dabei ist der in Lillehammer geplante Weltcup wegen Schneemangel und Hygiene-Problemen abgesagt worden!?

Ja, das ist schon komisch. Trotzdem fand kürzlich in Lillehammer ein nationaler Wettkampf statt mit allen Stars. Das sind Merkwürdigkeiten, die ich nicht bewerten will. An dieser Stelle muss ich aber schon die Frage stellen, inwieweit gerade diesen tragenden Nationen aus Skandinavien der Weltcup am Herzen liegt oder jeder nur auf sich guckt. Auf der anderen Seite, das darf man nicht vergessen, tanzen Sportler in Italien, Frankreich und Deutschland gerade vor Freude auf den Tischen, weil es kurz vor Weihnachten gute Prämien zu verdienen gibt und auch die WM-Qualifikation perfekt gemacht werden kann.

Weltcup-Organisator René Kindermann im Gespräch mit Ministerpräsident Michael Kretschmer. Der Freistaat Sachsen unterstützt das Ski-Rennen jährlich mit 150.000 Euro.
Weltcup-Organisator René Kindermann im Gespräch mit Ministerpräsident Michael Kretschmer. Der Freistaat Sachsen unterstützt das Ski-Rennen jährlich mit 150.000 Euro. © Archiv: Sven Ellger

Und es vielleicht sogar deutsche Langläufer auf das Siegerpodest schaffen?

Als Veranstalter sage ich ganz ehrlich: Eine Katharina Hennig auf dem Podest zu sehen, würde mich extrem freuen.

Ihre Freude können viele Menschen gerade jetzt nicht teilen. Haben Sie mal an eine Absage gedacht?

Nein, zu keinem Zeitpunkt. Es war immer klar, dass der Weltcup-Tross in einer Blase unterwegs sein wird mit großen hygienischen Aufwendungen. Zudem hatten wir immer die klare Botschaft unserer Partner und Sponsoren, dass sie bei einer sicheren Durchführung an unserer Seite stehen. Und eines darf man nicht vergessen: So ein Weltcup ist immer auch ein Marketing-Instrument für die Stadt Dresden und den Freistaat Sachsen. In Zeiten, in denen es keine Berichterstattung gibt über Weihnachtsmärkte, kommen wir um die Ecke und sammeln zwischen 50 und 80 Millionen Fernsehzuschauer ein. Wir zeigen die Stadt in der Welt. Eine Absage war ehrlicherweise nie eine Option, auch nicht in den vergangenen Tagen.

Die Landesregierung hat die Schutzmaßnahmen noch einmal verschärft, doch Profisport – und damit auch der Weltcup – darf stattfinden. Was sagen Sie denen, die das ungerecht finden?

Spitzensport ist ein großer Wirtschaftsfaktor, Fußball, Handball, Volleyball – all das läuft auch ganz normal weiter. Diese Sportler verdienen damit ihr Geld, und das ist auch der Grund, weshalb die Wettkämpfe stattfinden dürfen, natürlich immer mit sehr strengen Hygiene-Auflagen.

Welche sind das beim Ski-Weltcup?

Die Sportler haben einen digitalen Covid-19-Pass, der bis in den November hinein dokumentiert, wer wo welchen Test gemacht hat. Bevor sie nach Dresden kommen und auf das Wettkampfgelände dürfen, müssen sie sich erneut testen lassen. Alle Mitarbeiter werden jeden Tag getestet. Das ist eine Verschärfung, die gar nicht notwendig, uns aber sehr wichtig ist. Wir wollen den sichersten Weltcup, den es überhaupt geben kann. Dafür haben wir ein Labor verpflichtet, dass hier alle Schnelltests abwickelt und sich im Februar auch um die Ski-WM in Oberstdorf kümmert.

Sie haben von mehreren Hygiene-Konzepten gesprochen. Wie sehen die aus?

Wir hatten im Vorfeld zum einen das Glück, dass der Weltverband ein umfassendes Hygiene-Konzept für die Weltcups und seine Athleten aufgestellt hat – zusammen mit dem Mann, der auch das Hygiene-Konzept für die Tour de France entwickelt hat. Zum anderen haben auch der Deutsche Ski-Verband und der Deutsche Olympische Sportbund Konzepte für den deutschen Sport gebaut. Das sind perfekte Grundlagen, auf die wir aufsetzen konnten mit den Dingen, die jetzt speziell für Dresden dazukommen.

Ab Mittwoch beginnt die Präparierung der 650 Meter langen Wettkampfstrecke direkt am Elbufer. Der Weltcup findet dann am Samstag und Sonntag statt.
Ab Mittwoch beginnt die Präparierung der 650 Meter langen Wettkampfstrecke direkt am Elbufer. Der Weltcup findet dann am Samstag und Sonntag statt. © Archiv: xcitepress/Christian Essler

Welche sind das?

Das sind zum Beispiel Laufwege, Eingangskontrollen, Testungen. Um es kurz zu machen: Das Gelände des Ski-Weltcups betritt keiner, der nicht getestet ist. Pro Tag sind das 100, 120 Tests. Und die Athleten müssen einen maximal 48 Stunden alten negativen PCR-Test vorlegen, um auf das Gelände zu kommen. Haben sie den nicht, wird der Test bei uns gemacht. Bis das Ergebnis vorliegt, kommen sie in dafür vorgesehene Quarantäne-Zimmer. Im Bilderberg-Hotel haben wir zudem ein Hotel-im-Hotel-System erarbeitet mit eigener Lobby, eigenen Zugängen zu den Zimmern, eigenem Personal, eigenem Frühstücksraum. Und wir haben mit Raiko Morales als Gefahrenmanager den Mann verpflichtet, der im Sommer erstmals wieder Boxkämpfe mit Zuschauern möglich gemacht hat. Er wird das alles kontrollieren.

Es wird immer wieder über den Nutzen des Weltcups diskutiert, über den Marketing-Wert. Wie stellt sich das diesmal mit den veränderten Bedingungen dar?

Es gibt noch mehr TV-Stationen und noch mehr Sendezeit. Das liegt daran, dass 24 statt wie zuletzt 18 Nationen am Start sind. Damit erschließen sich neue Märkte, China und Nordamerika sind ganz stark vertreten. Das ist ja auch ein Trugschluss der Norweger: Der Weltcup verliert nicht an Bedeutung, wenn sie nicht am Start sind. Der Großteil der norwegischen Fernsehzuschauer guckt trotzdem zu, weil es sich um Skilanglauf handelt. Und selbst wenn sie alle wegbleiben würden, wären das lediglich rund 800.000 Menschen – bei insgesamt rund 80 Millionen TV-Zuschauern nicht wirklich relevant. Der Werbewert für die Stadt wird sich also kaum unterscheiden von dem der letzten Jahre. Ich persönlich glaube sogar, dass er diesmal noch höher sein wird. Das zeigen die Einschaltquoten der Winter-Weltcups in den vergangenen Wochen – weil einfach viele Menschen auf der ganzen Welt derzeit zu Hause sind.

Macht der Weltcup diesmal Minus?

Nein, das Minus der fehlenden Zuschauereinnahmen wird über den Sporthilfefonds des Bundesinnenministeriums ausgeglichen, das hat der Skiverband für uns beantragt. So wie es viele andere Profiteams und Profiveranstaltungen derzeit tun. Das Geld ist auch schon genehmigt, insofern kommen wir zum Glück wieder auf eine schwarze Null in der Bilanz.

Nächste Saison findet die fünfte und laut Vertrag vorerst letzte Auflage des Ski-Weltcups in Dresden statt. Wie geht es dann weiter?

Das wird sich zeigen. Ministerpräsident Michael Kretschmer hat ein sehr schönes Vorwort für unser Programmheft, das jetzt online verfügbar ist, geschrieben und darin betont, dass mit dem Wintersport am Elbufer eine schöne Weihnachtstradition entstanden ist. Dass der Weltcup zu Dresden gehört wie der Christstollen und das Weihnachtsoratorium des Kreuzchors. Mal gucken, wie ernst er es gemeint hat und wie wichtig es dem Freistaat ist, den Weltcup zu behalten. Und auch, ob die Stadt Dresden das will. Wir könnten weitermachen, weil wir sehr viel Know-how gesammelt haben und auch ganz viel Renommee in der Welt. Ich bin da ganz entspannt und schon jetzt ganz zufrieden. Ob es weitergeht, liegt gar nicht in meiner Hand, das müssen andere entscheiden. Aber ich glaube, da wird es gute Entscheidungen geben.

Was treibt Sie persönlich an?

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Mich treibt an, dass es in jeder Krise eine große Chance zur Veränderung gibt. Ich habe viele schwierige Momente erlebt, im Fernsehen genauso wie im privaten Bereich. Und ich habe gelernt, dass Krisen ein Katalysator für Veränderungen sind – weil Sachen ganz schnell gehen. Auch für den Weltcup haben wir viele Dinge auf den Prüfstand gestellt. Es sind neue Ideen entstanden, doch darüber werden wir im nächsten Jahr reden, das ließ sich dieses Mal coronabedingt nicht umsetzen. So viel vorweg: Es wird bahnbrechend sein im Weihnachtsland Dresden, eine wunderbare Ergänzung zu dem, was es in Dresden in Sachen Weihnachtsmärkten schon gibt.

Das Interview führte Fabian Deicke.

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