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Männchen unter Druck

Die natürliche Auslese in der Tierwelt könnte helfen, den Folgen des Klimawandels zu begegnen. Das legt eine Studie der TU Dresden nahe.

Von Jana Mundus
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Ein Kampf gegen den Konkurrenten, der auch die Damen beeindrucken soll. Nicht nur diese beiden Rothirsche stehen in einem ganz besonderen Wettbewerb miteinander.
Ein Kampf gegen den Konkurrenten, der auch die Damen beeindrucken soll. Nicht nur diese beiden Rothirsche stehen in einem ganz besonderen Wettbewerb miteinander. © blickwinkel

Der Kampf um die Frauen ist hart. Giraffenbullen verteilen mit ihrem Kopf harte Schläge gegen den Konkurrenten. Männliche Hirsche verkeilen sich im Ringen um die Hirschkuh mit ihren Geweihen ineinander. Nur der Pinguin lässt es ruhiger angehen und schenkt der Angebeteten lieber ein paar Steinchen, um sie zu umgarnen. Die Männer im Tierreich sind im Zugzwang. Das zeigt jetzt auch eine Studie, die Wissenschaftler der TU Dresden zusammen mit Kollegen aus Frankreich und Schweden veröffentlichten. Demnach lastet im Tierreich auf den Männchen ein viel stärkerer Selektionsdruck als auf den Weibchen. Das könnte in Zeiten des Klimawandels jedoch Hoffnung für vom Aussterben bedrohte Tierarten bedeuten.

Sexuelle Selektion meint die Auslese, die durch den Wettbewerb um Paarungspartner und deren Fortpflanzungszellen, also Eier oder Spermien, entsteht. Seit fast einem Jahrhundert gehen Forscher davon aus, dass die sexuelle Selektion im Tierreich die ultimative bestimmende Kraft ist. Sie ist verantwortlich für die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Tieren. Sie bestimmt die Art der Färbung oder die Körpergröße, aber auch gewisse Verhaltensunterschiede.

Mutationen nachteilig bei der Partnersuche

Bereits seit Langem bestand in der Evolutionsbiologie die Annahme, dass sexuelle Selektion nicht nur erstaunliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern in vielen Tierarten hervorgerufen hat, sondern auch die demografische Struktur einer Population sowie deren Anpassung an Umweltveränderungen beeinflusst. Lennart Winkler von der Professur Angewandte Zoologie der TU Dresden belegte nun gemeinsam mit Kollegen aus Schweden und Frankreich diese Annahme. Dafür werteten die Wissenschaftler insgesamt Daten aus 55 Studien aus, in deren Fokus unterschiedliche Tierarten standen.

Die DNA aller Lebewesen entwickelt im Laufe der Zeit zufällige Mutationen – einige davon helfen dem Träger beim Überleben, andere wiederum bringen keinen Nutzen und können sogar einen Nachteil verursachen. Evolutionsbiologen gehen davon aus, dass die sexuelle Selektion die evolutionäre Anpassung einer Tierart unterstützen könnte, wenn sie zu einer stärkeren Gesamtselektion gegen schädliche Mutationen führt. So könnten beispielsweise Männchen, die solch eine negative Mutation tragen, Nachteile bei der Partnersuche haben. Auf diesem Weg würde die Veränderung nicht in die nächste Generation weitergegeben werden.

Rettung bedrohter Tierarten

Die Ergebnisse der aktuellen Studie zeigen, dass die Gesamtselektion typischerweise stärker auf Männchen als auf Weibchen wirkt. „Das könnte evolutionäre Anpassungen beschleunigen, weil für gewöhnlich die Produktivität einer Population vor allem von der Fertilität der Weibchen und nicht der der Männchen abhängig ist“, erklärt Lennart Winkler. Deshalb würde eine stärkere Selektion auf Männchen schädliche Veränderungen aus dem Genpool entfernen, ohne negative demografische Effekte zu haben. „Unsere Ergebnisse unterstützen daher die Idee, dass die sexuelle Selektion eine zentrale Rolle bei der evolutionären Rettung spielt.“ Das wäre beispielsweise entscheidend für die Anpassung bedrohter Tierarten an die aktuelle Klimakrise.