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Warum alte Häuser in Dresden verschwinden

Seit der Wende wurden viele alte Gebäude abgerissen. Zurecht? Nein, sagen Kritiker, denn so manches stand vorher unter Denkmalschutz.

Christian Müller ärgert sich über den Abriss eines Gebäudes in Dresden-Wachwitz aus den 1930er-Jahren.
Christian Müller ärgert sich über den Abriss eines Gebäudes in Dresden-Wachwitz aus den 1930er-Jahren. © Marion Doering

Dresden. Hinter Büschen und Bäumen versteckt steht ein altes weißes Gebäude, bröckelnde Steinmauern umgeben das zweistöckige Haus mit Satteldach. Eine mit Moos überwachsene Treppe führt direkt auf das Grundstück, das schon bald nur noch Wiese ist. Mit einer großen Schaufel hebt ein Baggerfahrer eine Menge Schutt in die Luft und lädt ihn in einen großen Container. Das Dach ist bereits abgerissen, Kabel hängen aus der Wand. Die Anwohner wurden per Schreiben informiert.

Nachbar Christian Müller beobachtete Mitte Juni fassungslos die einfahrenden Laster der Bauarbeiter in Wachwitz. „Das Haus war intakt, bis vor anderthalb Jahren haben hier noch welche gewohnt. Mich ärgert, dass so mit den Ressourcen umgegangen wird. Mit Nachhaltigkeit hat das nichts zu tun.“

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"Ich kritisiere nicht den Besitzer, sondern die Behörden. "

Das Wachwitzer Wohnhaus in der Wollnerstraße 6 hat der Architekt Herbert Linke zwischen 1935 und 1936 erbauen lassen. Wer bis wann und wie dort wohnte, kann Nachbar Christian Müller nicht genau sagen.

Dass ein Haus abgerissen wird, sei an sich kein Skandal. Ständig wird ein Haus neugebaut, renoviert, umgebaut. Ihn beschäftigt die Frage, warum das alte Gebäude nicht unter Denkmalschutz steht. „Das ist respektlos, wie mit Dingen umgegangen wird. Ich kritisiere nicht den Besitzer, sondern die Behörden.“

Im Juni stand das Wohnhaus in Wachwitz noch, jetzt wurde es abgerissen.
Im Juni stand das Wohnhaus in Wachwitz noch, jetzt wurde es abgerissen. © René Meinig
Das Abrissgebäude in Wachwitz wurde vor 1,5 Jahren noch bewohnt.
Das Abrissgebäude in Wachwitz wurde vor 1,5 Jahren noch bewohnt. © René Meinig

Tatsächlich hat das sächsische Landesamt für Denkmalpflege das Haus auf seinen Schutzstatus 2019 überprüft. „Es wurde festgestellt, dass das Gebäude die im Sächsischen Denkmalschutzgesetz genannten Kriterien nicht in ausreichendem Maße erfüllt“, erklärt Sprecherin Sabine Webersinke vom Landesdenkmalamt. Es sei in den letzten Jahrzehnten zu stark baulich verändert worden und habe an Substanz verloren. Deshalb kann der Besitzer mit dem Grundstück machen, was er möchte – sofern er alle baulichen Bestimmungen einhält.

„Viele Gebäude haben den Zweiten Weltkrieg und die DDR überlebt, und jetzt werden sie abgerissen.“

Warum alte Dresdner Häuser verschwinden, wird seit Jahren in der Stadt diskutiert. Einer, der sich dem Thema angenommen hat, ist Ray van Zeschau. Seit 2011 dokumentiert der Musiker und Fotograf auf Facebook Orte, wo Gebäude in Dresden abgerissen werden, teilweise standen sie vorher unter Denkmalschutz. Der Fotograf will, dass die alte Architektur in Erinnerung bleibt, während an der Stelle meist ein moderner Neubau hochgezogen wird. Und er möchte Kritik am Denkmalschutzamt und an den Investoren äußern. „Viele Gebäude haben den Zweiten Weltkrieg und die DDR überlebt, und jetzt werden sie abgerissen.“ Mit einem neugebauten Haus könne man eben oft mehr verdienen, wenn man es vermietet.

Dieser Aussage stimmt Architekt Benjamin Grill nur teilweise zu. Der ehemalige Vorsitzende der Architektenkammer Sachsen stellt eine Kosten-Nutzen-Rechnung auf. Demnach sei es nicht immer billiger abzureißen statt zu sanieren, außer man möchte danach das Haus vermieten: So hätten alte große Villen häufig einen Grundriss, der sich schlecht an mehrere Haushalte vermieten lasse. Deshalb rentiere es sich häufig abzureißen und ein Haus mit abgeschlossenen Einheiten zu bauen.

Was noch gegen eine Sanierung spreche, seien die vielen Auflagen und Modernisierungsvorgaben. Auch die Studie „Bestandsersatz 2.0 – Potenziale und Chancen“ der Arbeitsgemeinschaft für Zeitgemäßes Bauen besagt, bei jedem zehnten Haus in Deutschland sei ein Abriss wirtschaftlicher – gerade bei Häusern, die vor 1970 errichtet wurden.

Ein Beispiel zeigt: Es geht auch anders

Vor einem Jahr hat der Künstler van Zeschau wieder ein Foto hochgeladen. Es handelt sich um ein über 150 Jahre altes Wohnhaus in Oberloschwitz, auch als Richter-Villa bekannt, denn dort wohnte zeitweilig der berühmte Maler Ludwig Richter. Der 1803 geborene Künstler verbrachte in dem Gebäude zwischen 1872 und 1883 die Sommermonate. Er lebt nicht nur in diesem Haus, sondern auch in sieben anderen Gebäuden in Loschwitz. Eine Gedenktafel erinnert noch heute an ihn. Seit seinem Tod ist das Haus durch viele Hände gegangen, dann stand es 20 Jahre leer, berichtet der Eigentümer. Der Dresdner möchte nicht beim Namen genannt werden.

Anfang des Jahres wurde das Haus abgerissen. „Aus wieder mal nicht nachvollziehbaren Gründen wurde das unter Denkmalschutz stehende Haus sang- und klanglos zerstört und ein neues Eigenheim wird gerade an selbiger Stelle errichtet“, schreibt van Zeschau. Doch ganz so einfach ist es nicht.

Weshalb alte Gebäude nicht unter Denkmalschutz stehen

Zwar galt das Gebäude seit 1991 als Kulturdenkmal, doch 2017 - ein Jahr, nachdem der Eigentümer wechselte - hat das Denkmalschutzamt das Objekt aus der Liste gestrichen. Der Grund: Das Gebäude habe durch zahlreiche Veränderungen nichts mehr mit dem „stillen, freundlichen Daheim“ zu tun, das der berühmte Maler Ludwig Richter in den Sommermonaten von 1871 bis 1883 hier vorfand, als er zeichnend durch Loschwitz streifte.

„So hatte das 1866 errichtete Haus bereits 1892 einen gravierenden Umbau erfahren, der das Äußere völlig veränderte“, sagt Sabine Webersinke. Sie bezieht sich wohl auf ein Atelier, das der nachfolgende Besitzer, der Maler Julius Bruno Grentsch, dort anbauen ließ. Ein weiterer Umbau erfolgte einige Jahre später. Zu DDR-Zeiten wurde das Gebäude dann stark vereinfacht, weshalb der authentische Charakter des Hauses verloren gegangen sei. Ornamente und Verzierungen waren schon lange nicht mehr am Gebäude zu entdecken.

Deshalb die Streichung aus der Liste. Darüber wacht das sächsische Landesamt für Denkmalpflege. Es bestimmt, welche Gebäude wegen ihrer geschichtlichen, künstlerischen, wissenschaftlichen, städtebaulichen oder landschaftsgestaltenden Bedeutung erhalten bleiben sollen. Insgesamt hat es seit den 1990er-Jahren 580 Denkmale in Dresden aus der Liste gestrichen. Die Gründe dafür seien sehr verschieden, so das Landesamt. Beim Richter-Haus hat es entschieden, dass einzig die Gedenk-Tafel noch unter Schutz steht.

Das neue Richter-Haus ähnelt der alten Villa sehr.
Das neue Richter-Haus ähnelt der alten Villa sehr. © René Meinig

Im Frühjahr 2020 rückten dann die Bagger an und rissen das Haus ab. „Es war nicht einfach für uns, das Haus abzureißen“, erklärt der Eigentümer. „Eine Sanierung wäre sehr teuer und technisch sehr aufwändig gewesen. Aufgrund der angeschlagenen Bausubstanz war ein Erhalt nicht kalkulierbar.“ Die negativen Reaktionen einiger Richter-Verehrer waren zum Teil gravierend, einige haben dem Eigentümer Spekulation vorgeworfen. Dabei hatte er schon vorher mit seiner Frau die Entscheidung gefasst: „Wir bauen die Richter-Villa nach, das fühlt sich besser an.“

Die meisten entscheiden sich lieber für Neubau statt Altbau

Ein Entschluss, den nicht jeder fassen kann, weil es hier schnell am Geld hapert. Alte Fenster, Sandsteinsockel, Natursteine wurden in die neue Richter-Villa eingebaut – trotz der europäischen Energieverbrauchswerte. Die Ausgaben stiegen in die Höhe. Den Eigentümer wundert es deshalb nicht, dass sich viele lieber für einen Neubau statt Altbau entscheiden. Was die Kritik bezüglich der Ressourcen angeht, konnte der Eigentümer einen Teil der alten Sandsteine für die Gartenmauer verwenden. Die Nachbarschaft scheint nun angesichts des villaähnlichen Gebäudes zufrieden zu sein. „Ich glaube, liebe Bauherren, dass sich Ludwig Richter bestimmt auch über das Ergebnis gefreut hätte“, schreibt etwa der Elbhangkurier.

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Ray van Zeschau ist Fotograf und Künstler. In sozialen Netzwerken dokumentiert er den Abriss von Dresdner Kulturdenkmalen.

Wie es in der Wollnerstraße 6 in Wachwitz weitergeht, bleibt abzuwarten. Auf SZ-Nachfrage möchte sich der Eigentümer nicht öffentlich äußern. Laut dem verantwortlichen Architekturbüro sei ein Wohnhaus geplant, das sich äußerlich den Gegebenheiten anpassen soll. Alle Schritte seien ordnungsgemäß mit den Behörden abgestimmt. Für den Künstler Ray van Zeschau bleibt es wie bei allen bisher abgerissenen Gebäuden: Man kommt meist zu spät.

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