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Dresdner Softwarefirma schafft mit VW 100 Jobs

Die Experten von Tracetronic füttern Bordcomputer mit Millionen Daten. VW verlässt sich auf sie. Das hat ihre gemeinsame Firma Neocx vor.

Von Georg Moeritz
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Das neue Logo erinnert an das Zeichen für Unendlichkeit: Tracetronic-Chef Rocco Deutschmann (links) und VW-Manager Axel Heinrich bauen in Dresden eine gemeinsame Firma auf.
Das neue Logo erinnert an das Zeichen für Unendlichkeit: Tracetronic-Chef Rocco Deutschmann (links) und VW-Manager Axel Heinrich bauen in Dresden eine gemeinsame Firma auf. © Jürgen Lösel

Dresden. Zur Probefahrt ins Auto setzen? Das kommt für die rasch wachsende Belegschaft der Dresdner Softwarefirma Tracetronic nicht infrage. Die 300 Experten für Auto-Elektronik testen ihre Entwicklungen sicherheitshalber im Computer. Nur ein autonom fahrender Mähroboter auf dem Rasen vor der Firmenzentrale zeigte am Freitag den Besuchern, dass Fahrzeuge schon heute immer mehr alleine können.

Tracetronic-Chef Rocco Deutschmann nutzte einen Trickfilm mit farbigen Würfeln auf der Leinwand, um seinen Gästen die Zukunft der Automobil-Software zu erläutern. Sein Betrieb arbeite „für die größten Unternehmen der Welt“, die Methoden würden weltweit eingesetzt.

Mit dem Großkunden Volkswagen arbeitet Tracetronic künftig noch enger zusammen: Die beiden Firmen haben jetzt ein Gemeinschaftsunternehmen namens Neocx gegründet. Es gehört zu gleichen Teilen den Dresdnern und dem VW-Konzern.

Die Aufgabe: Die Software-Experten sollen dazu beitragen, Fortschritte schnell und sicher in die Auto-Elektronik der VW-Marken zu integrieren. Da muss alles zusammenpassen.

Liegestühle mit Firmenlogo stehen schon mal im Rohbau des neuen Firmentrakts, den Tracetronic und Neocx in Dresden-Coschütz nutzen werden.
Liegestühle mit Firmenlogo stehen schon mal im Rohbau des neuen Firmentrakts, den Tracetronic und Neocx in Dresden-Coschütz nutzen werden. © Jürgen Lösel

Beachvolleyball vor den Büros

Aus zunächst 25 Beschäftigten der jungen Dresdner Firma Neocx sollen in den nächsten Jahren mindestens 100 werden. Ein vierstöckiger Anbau neben der Tracetronic-Zentrale in Dresden-Coschütz steht schon als Rohbau.

Beim Anlocken des Fachkräftenachwuchses könnte der Beachvolleyballplatz vor dem Haus helfen. Liegestühle mit Firmenlogo gehören ebenso zum Inventar wie Tischkicker – die helfen in aufstrebenden Softwarefirmen den Informatikern, die Finger zu lockern. In der Eingangshalle zeigen Uhren die Zeit von New York, Dresden und Peking.

Der Tracetronic-Chef lobte den „exzellenten Hochschulstandort“ Dresden und das gute Umfeld von Unternehmen der Informationstechnologie. Tatsächlich stehen die Bauten von Robotron und Entiretec gleich in der Nähe.

Tausende automatische Tests über Nacht

Den neuen Firmennamen Neocx (sprich: Neox) haben sich die Marketing-Experten der Dresdner Mutterfirma ausgedacht. Neo steht für neu, CX bedeutetet unter Softwareexperten „continuous everything“, also die kontinuierliche Weiterentwicklung.

Die Dresdner Software-Experten sollen einzelne Fortschritte der Computerprogramme fürs Auto frühzeitig in der Entwicklung zu ganzen Systemen verbinden. Testläufe im Computer sollen Fehler finden, ohne Leib und Leben der Fahrer zu gefährden.

VW-Manager Axel Heinrich, Leiter der Elektrik- und Elektronik-Entwicklung, sprach von „Tausenden Tests“, die über Nacht automatisch ablaufen. Bremsen und Temperaturfühler stehen in Schränken, angesteuert durch Software. Am nächsten Morgen schauen sich die Informatiker die Ergebnisse näher an.

Laut Heinrich wird kein Airbag ausgelöst, wenn ein Unfall simuliert wird – doch es lässt sich erkennen, ob er ausgelöst worden wäre. In Rocco Deutschmanns Firmengaragen standen seit Gründung von Tracetronic im Jahre 2004 vielleicht fünf Prototypen-Fahrzeuge, „der Rest ist Simulation“.

Die Bautafel: Der Neubau von Tracetronic und Neocx bekommt drei volle Etagen sowie eine vierte mit Terrasse.
Die Bautafel: Der Neubau von Tracetronic und Neocx bekommt drei volle Etagen sowie eine vierte mit Terrasse. © Georg Moeritz

VW-Manager: Niemand ist fehlerfrei

Auf die Bitte um ein Beispiel für die Arbeit nannte Deutschmann die Verbesserung der Fahrerassistenzsysteme. Wenn Autos hintereinander herfahren, lässt sich der Abstand automatisch regeln. Tausende Entwickler beschäftigen sich mit Teilschritten um Radarsensoren, Bremsen oder die Anzeigen im Cockpit. Teile-Lieferanten sind nicht immer auf dem gleichen Stand.

Damit alles kompatibel ist, müssen neue Schritte zusammen simuliert werden. Künftige Updates sollen durch die Luft ins Auto kommen, statt womöglich halbjährlich bei einem Werkstattbesuch.

Nicht beantworten wollte Deutschmann die Frage, ob sein Unternehmen mit Volkswagen auch schon bei der Software zusammengearbeitet hat, die den Ruf des Autokonzerns beschädigte. Er gab die Frage an den VW-Manager Heinrich weiter. Der sagte, Software sei niemals fehlerfrei. „Nobody is perfect, auch nicht wir.“ VW habe auf Fehler reagiert und Hinweise an die Kunden gegeben. Entscheidend sei, dass es zu Verbesserungen komme.

Das Auto wird "softwarebasiertes Produkt"

VW-Markenvorstand Thomas Ulbrich, als Teilnehmer der Gründungsfeier in Dresden angekündigt, war per Video zugeschaltet. Er sagte nach technischen Anlaufschwierigkeiten, er habe einen anderen Termin „ums Verrecken nicht canceln“ können.

Laut Ulbrich wird VW als Treiber der Elektromobilität wahrgenommen. Der Konzern wolle „das Automobil zu einem softwarebasierten Produkt“ weiterentwickeln. Dafür gebe es schon das konzerninterne Software-Unternehmen Cariad und die Accelerate-Strategie.

Das neue Gemeinschaftsunternehmen Neocx samt Niederlassung in Wolfsburg soll nun eine „Continuous Integration/Continuous Testing Factory“ aufbauen, also Werkzeuge fürs automatisierte Testen bündeln. Das soll auch den Marken Audi und Porsche helfen.