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Einbruch mit Handschuhen und Sturmhauben

Die Täter verwüsten das Haus in Radebeul und nehmen alles, was sie greifen können. Gestellt werden sie durch einen Zufall.

Von Jürgen Müller
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So ähnlich wie auf diesem nachgestellten Foto sind die Täter vorgegangen: Mit Handschuhen und Sturmhauben bekleidet, schlugen sie ein Fenster des Hauses ein, verwüsteten die Wohnung und stahlen, was das Zeug hielt.
So ähnlich wie auf diesem nachgestellten Foto sind die Täter vorgegangen: Mit Handschuhen und Sturmhauben bekleidet, schlugen sie ein Fenster des Hauses ein, verwüsteten die Wohnung und stahlen, was das Zeug hielt.

Radebeul. Das war ein Schock für die Radebeuler Familie: Als der Sohn als Erster an jenem Märztag nach Hause kommt, ist nicht nur ein Fenster eingeschlagen, sondern die ganze Wohnung total verwüstet. Es sieht aus wie auf einem Trümmerfeld, Griffe von Scheiben und Türen von Schränken sind abgerissen worden.

Der oder die Täter haben jeden Schrank, jede Kommode durchwühlt. Sie nehmen alles mit, was nicht niet- und nagelfest ist und sie irgendwie gebrauchen können: Schmuck, Münzen, ein Handy, Video- und Fotokameras, zwei EC-Karten, eine Bose-Soundbox, norwegische Münzen. Sie plündern die Urlaubskasse und stehlen das zurückgelegte Geld für Geburtstagsgeschenke, insgesamt 1 250 Euro. Es entsteht der Familie ein Stehlschaden von 6 350 Euro und außerdem rund 900 Euro Sachschaden. Hinzu kommen psychische Auswirkungen. „Die Kinder waren lange Zeit traumatisiert, auch meine Frau hat das schwer mitgenommen“, sagt der 52-jährige Vater.

Einer der beiden Täter sitzt nun vor dem Meißner Amtsgericht. Dass er gefasst wurde, ist einem Zufall zu verdanken. Denn mit seinem Opel Vectra gerät er in Dresden in eine Polizeikontrolle. Das Fahrzeug, das angeblich dem Ex-Schwager des Angeklagten gehört, ist nicht zugelassen und nicht versichert. Die Kennzeichen gehören zu einem Citroen. Der 34-jährige Meißner hatte sie tags zuvor in Radebeul gestohlen und an den Opel montiert. Auch eine Fahrerlaubnis besitzt er nicht.

Mit der Polizei liefert er sich in Dresden eine wahre Verfolgungsjagd. Mit bis zu 140 Sachen donnert er durch die Stadt, einmal zieht er auch auf ein entgegenkommendes Polizeiauto zu. Schließlich gelingt es der Polizei, das Fahrzeug zu stoppen und den Fahrer festzunehmen. In dem Auto finden sich nicht nur ein Teil des Diebesgutes, sondern auch Einbruchswerkzeug, Handschuhe und Sturmhauben, welche die Täter bei dem Einbruch trugen.

Er habe damals aus Verzweiflung gehandelt, sagt der Meißner, sei arbeits- und obdachlos geworden, habe zwei Jahre auf der Straße gelebt. „Ich wusste nicht weiter, habe aus der Mülltonne gefressen“, sagt er. Dass ihn seine Frau samt Sohn bei Nacht und Nebel verließ, habe ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Zudem sei ihm seine Geldbörse samt Ausweis gestohlen worden. Ohne Ausweis habe er kein Arbeitslosengeld II beantragen können, ohne Geld aber keinen neuen Ausweis. „Jahrelang habe ich deshalb kein Geld gekriegt, das mir zustand“, sagt er.

Angeblich habe er es bei dem Einbruch nur auf Geld abgesehen. „Die anderen Sachen wollte ich wegschmeißen“, behauptet er. Er habe 600 Euro für die Kaution einer Wohnung gebraucht, will er dem Richter weismachen. Tatsächlich hat er die 700 Euro, seinen Bargeldanteil an der Beute, innerhalb kürzester Zeit verbraucht. Mit seinem Mittäter, dessen Namen er nicht nennen will, sei er in einem Schnellrestaurant essen gewesen. Dann haben sie einen großen Teil des Geldes in einer Spielothek gelassen. Außerdem hat er sich Zigaretten und Crystal gekauft, denn er ist schwer drogenabhängig. Als die Polizei ihn in Dresden stellt, ist das Geld jedenfalls schon verbraucht.

Möglicherweise kommt der Mann für weitere Straftaten in Betracht. Jedenfalls gibt es identische Spuren von den Schuhen, die er in Radebeul trug, auch bei 25 anderen Einbrüchen, unter anderem in einem Vereinsheim in Stauchitz, einer Wohnung und einem Betrieb in Riesa, einer Baustelle in Meißen, einer Gaststätte in Glaubitz, Verkaufsstellen in Meißen, Käbschütztal und Stauchitz. Er streitet diese Taten ab. Ob er sie begangen hat, ermittelt derzeit die Staatsanwaltschaft. Durchaus möglich ist aber, dass ein anderer Täter identische Schuhe anhatte.

Der Mann hat eine ganz normale Entwicklung genommen. Er schaffte den Realschulabschluss, lernte einen Beruf, heiratete, hat ein Kind. Mit den Drogen kamen die Probleme und die Straftaten, die ihn vor Gericht brachten: Drogenbesitz, Verletzung der Unterhaltspflicht, Körperverletzung und Widerstand gegen Polizisten bei einem Fußballspiel, er zeigt auch den Hitlergruß.

Erst in diesem Jahr wird er wegen Gefährdung des Straßenverkehrs verurteilt. Dass ihn seine Frau verließ, dürfte mit der Drogensucht zusammenhängen. Inzwischen hat er eine neue Freundin, doch eine große Hilfe ist sie ihm nicht: Auch sie ist schwer drogenabhängig.

Der Richter verurteilt den Angeklagten zu einer Haftstrafe von zehn Monaten, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wird. Dabei bleibt er deutlich unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die ein Jahr und zwei Monate gefordert hatte. Dem Angeklagten kommen zwei Dinge zugute. Zum einen eine Gesetzesänderung. Die Mindeststrafe für diese Taten beträgt seit Kurzem ein Jahr. Zur Tatzeit – und das ist entscheidend – waren es noch sechs Monate. Zum anderen nannte er doch noch den Namen seines Mittäters. Das brachte ihm wohl zwei Monate Strafrabatt.

Außerdem ordnet der Richter 700 Euro Wertersatz an. Dieses Geld wird die Staatsanwaltschaft bei dem Angeklagten versuchen einzutreiben und dann an die Geschädigten zahlen.

Als Bewährungsauflage muss der Meißner zur Suchtberatungsstelle und sich um eine Drogentherapie bemühen. Wegen der Verfolgungsjagd mit der Polizei muss er sich demnächst am Amtsgericht Dresden verantworten. Dann droht mindestens ein weiteres Jahr Gefängnis. Sollten ihm einige der 25 anderen Einbrüche nachgewiesen werden können, kommen weitere Verfahren auf ihn zu.

Die Radebeuler Familie hat inzwischen aufgerüstet, ein selbstschließendes Tor eingebaut, die Fenster mit einbruchsicherem Glas ausgestattet. Auch eine Videoüberwachung soll noch installiert werden. „Insgesamt 10 000 Euro haben wir dafür ausgegeben, mussten einen Kredit aufnehmen“, sagt der Hauseigentümer.