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Eine Frage des Respekts

Wieder droht deutschen Gräbern in Tschechien die Beseitigung. Dabei ist ihr Schutz vertraglich vereinbart.

© Steffen Neumann

Von Steffen Neumann

Chomutov. Für die Stadt Chomutov (Komotau) war der 14. September 1915 ein wichtiger Tag. Gut ein Jahr nach Beginn des Ersten Weltkriegs eröffnete das erste Kino der Stadt. Der Mann, der den Film nach Chomutov brachte, war Karl Leidl. Er nannte das Kino „Zentral“, nach 1945 wurde es in „Praha“ umbenannt. Fast 100 Jahre, bis 2008, liefen dort Filme, ehe es wegen zu geringer Einnahmen schließen musste.

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Mit Zetteln fordert die Verwaltung zur Entrichtung der Friedhofsgebühr auf. Die wurde oft Jahrzehnte nicht gezahlt. © Steffen Neumann
An Platz mangelt es dem Friedhof Chomutov nicht. Viele deutsche Grabstellen wurden schon beseitigt. © Steffen Neumann

Konkrete Bespiele

Der Begründer des ersten Kinos der Stadt hätte andernorts womöglich eine Gedenkplatte oder wenigstens eine würdige Grabstelle. Nicht so in Chomutov. Das Grab war zwar einst würdig. Doch es ist verblasst und nun droht sogar die Beseitigung. Auf der Grabanlage, wo noch Leidls Frau Marie, sein Sohn, der Kaufmann Otto Leidl, sowie die früh verstorbene Enkelin begraben sind, klebt ein kleiner Zettel. Was unscheinbar aussieht, dürfte der Anfang vom Ende dieses Grabes sein. „Für diese Grabstelle wurden keine Gebühren entrichtet. Melden Sie sich im Büro der Friedhofsverwaltung“, fordern die vier Zeilen kurz und bündig. Zur Verwaltung sind es nur wenige Schritte. „Solche Zettel kleben wir auf alle Gräber, die nicht bezahlt wurden“, beschreibt eine Mitarbeiterin das übliche Vorgehen und verweist auf ihren Chef, der ein Gespräch aber ablehnt.

Was mit Gräbern passiert, auf denen Zettel aufgeklebt wurden, lässt sich jedoch in den Schaukästen an der Friedhofsmauer nachlesen. Kommt innerhalb von drei Monaten niemand der Aufforderung nach, sich in der Verwaltung zu melden, um die Gebühren zu entrichten, wird das Grab als verlassen erachtet und kann beseitigt werden. Die Mahnliste im Schaukasten ist sehr lang. Sie umfasst rund 200 Gräber, unter ihnen auch solche mit tschechischen Namen. Die meisten sind aber deutsch. Warum ausgerechnet an 13 von ihnen noch ein Zettel klebt, bleibt von der Friedhofsverwaltung ebenfalls unbeantwortet.

„Mir ist dieses Vorgehen auch neu. Aber immerhin haben die Zettel dafür gesorgt, dass wir auf die Gräber aufmerksam geworden sind“, sagt Stanislav Ded, der sich lange Jahre als Direktor des Chomutover Gebietsmuseums für den Erhalt der deutschen Gräber eingesetzt hat und diese Arbeit nach seiner Kündigung zum Ende des Jahres als Privatmann fortsetzt.

Verwahrlost oder ausgeraubt

Denn, wie mit deutschen Gräbern in Chomutov und an vielen anderen Orten umgegangen wird, weiß er nur zu gut. „Die Gräber sind verwahrlost, oft auch ausgeraubt und verfallen.“ Der Friedhof in Chomutov macht zwar einen gepflegten Eindruck. Der Zustand der deutschen Gräber ist es nicht. Der Kontrast zu den tschechischen Gräbern kann größer nicht sein. Von vielen Grabstellen ist nur noch die Umfassung zu sehen. Bei manchen nicht einmal die.

„Der Friedhof argumentierte in der Vergangenheit immer, zu wenig Platz zu haben. Dabei ist ein Drittel des Friedhofs frei. Nämlich dort, wo einmal deutsche Gräber standen“, fährt Ded fort. Diese Gräber sind längst unwiederbringlich verloren, wie wohl jenes von Ernst Storch, der 26 Jahre als Bürgermeister die Geschicke der Stadt prägte. „In seine Zeit fallen alle wichtigen Bauten wie das Gymnasium oder das Theater.“ Storch hat auf dem Friedhof keine Grabstelle. Viele Gräber wurden bereits in der Zeit bis 1989 zerstört. Dass die Beseitigung auch heute weitergeht, ist für Ded besonders beklemmend.

Schwierige Verhältnisse

Die sonst übliche Praxis, dass, wo Grabgebühren nicht gezahlt werden, die Anlage geräumt wird, könne bei den deutschen Gräbern nicht angewendet werden. Ded bezweifelt, dass sich irgendjemand wegen der Zettel in der Friedhofsverwaltung meldet. „Die Nachkommen wurden vertrieben und deren Nachkommen leben weit weg.“

Die Gräber gerade der deutschen Einwohner, die vor 1945 in Chomutov die Mehrheit stellten, gelte es schon allein aus historischer Sicht zu bewahren. Ein Friedhof sei ja auch immer Sozialgeschichte. „Von nicht wenigen Persönlichkeiten habe ich während meiner Forschungen als Museumsleiter erst auf dem Friedhof erfahren“, so Stanislav Ded.

Dabei dürften die Gräber gar nicht abgerissen, sondern müssten gepflegt werden. Das sieht der Nachbarschaftsvertrag vor, den Deutschland und die Tschechoslowakei 1992 abgeschlossen haben und der bis heute gilt. „Die Vertragsparteien erklären, dass deutsche und tschechoslowakische Gräber auf ihrem Gebiet in gleicher Weise geachtet und geschützt werden; ihre Pflege wird ermöglicht“, heißt es da in Artikel 30, Absatz 1.

Immerhin hat der Rat der Minderheiten bei der tschechischen Regierung im vergangenen Jahr ein Handbuch für Gemeinden herausgebracht. Es ist ein Leitfaden, wie bei der Pflege der Gräber vorgegangen werden soll. Zumindest deutet der Sprecher des Magistrats Tomas Branda an, dass der Stadt die Gräber nicht völlig egal sind: „Wir arbeiten mit dem Gebietsmuseum zusammen, das uns empfiehlt, welche Gräber für die Stadt historischen Wert haben und erhalten werden sollen“, sagt Branda.

Ded zweifelt allerdings an der Ernsthaftigkeit der Verlautbarung: „Wie ist es sonst zu erklären, dass das Museum noch in meiner Zeit das Grab der Familie Leidl als erhaltenswert eingestuft hat und es nun beseitigt werden soll“, fragt er. Er hält auch das Vorgehen für falsch, nur die Gräber der berühmtesten Persönlichkeiten zu erhalten.

Und keinesfalls ist das Schicksal der deutschen Gräber in Tschechien eine Frage der Geschichte. Die noch bestehende deutsche Minderheit in Tschechien, die heute knapp 20 000 Mitglieder zählt, fordert endlich einen anderen Umgang mit den Gräbern: „Das ist auch eine Frage des Respekts gegenüber den Verstorbenen und dem Ort ihrer letzten Ruhe“, sagt der Präsident der Landesversammlung der deutschen Vereine, Martin Dzingel.

Eine Petition (auf Tschechisch) im Internet fordert die Stadt Chomutov zum Schutz der Gräber auf.

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