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Einsatz im Käferwald

Stürme, Hitze und Dürre treten eine historische Borkenkäferplage los. Forstfirmen arbeiten am Limit. Ein Frontbesuch.

Von Jörg Stock
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Mit Säge und Kraft: Firmenchef Jörg Klinder mit Tom Klinder, Björn Mühle und Ron Fischer (v. l.) kurz vor dem Einsatz im Wald bei Dorfhain.
Mit Säge und Kraft: Firmenchef Jörg Klinder mit Tom Klinder, Björn Mühle und Ron Fischer (v. l.) kurz vor dem Einsatz im Wald bei Dorfhain. © Karl-Ludwig Oberthür

Matthias und Jack regen sich auf. Der Jagdhund Jack, weil es hier nach Reh riecht, und der Förster Matthias Hänel, sein Herr, weil seine Fichten tot sind. Als das Jahr anfing, haben sie den Sturm Friederike überlebt, waren im Frühling noch grasgrün. Jetzt sind sie braun. Der Borkenkäfer hat sie geholt. In der Nähe klopft ein Specht. Sicher nach Käfern. Die Schädlinge krabbeln noch immer unter der Rinde herum. Dabei müssten sie längst Winterruhe halten. Doch dieser Tag fühlt sich fast noch an wie Sommer. „Ein Scheißjahr“, flucht der Förster. „Es ist einfach zum Piepen.“

Der sächsische Wald kämpft mit dem stärksten Käferangriff seit Beginn der Aufzeichnungen. Beim Sachsenforst rechnet man damit, dass bis zum Frühling etwa 700 000 Kubikmeter Käferholz zusammenkommen. Das wäre mehr als das Doppelte des bisherigen Rekords von 1947. Befallene Bäume kann man nicht retten. Fällen und wegschaffen ist das Einzige, was hilft. Nur wenn es gelingt, die Insekten aus dem Wald zu befördern, bevor sie neues Futter besiedeln, kann man sie in Schach halten.

Baum fällt! Ron Fischer hat eine tote Fichte gekappt. Schwieriger als das Käferholz zu ernten ist der Verkauf. Der Preis für Fichte hat sich binnen Jahresfrist nahezu halbiert. Foto: Karl-Ludwig Oberthür
Baum fällt! Ron Fischer hat eine tote Fichte gekappt. Schwieriger als das Käferholz zu ernten ist der Verkauf. Der Preis für Fichte hat sich binnen Jahresfrist nahezu halbiert. Foto: Karl-Ludwig Oberthür
Vermehrungswunder: Aus einem Borkenkäfer können im Jahr 100 000 werden. Foto: Mike Jäger
Vermehrungswunder: Aus einem Borkenkäfer können im Jahr 100 000 werden. Foto: Mike Jäger
„Hier sieht man den Klimawandel.“ Revierförster Matthias Hänel im dezimierten Wald. Foto: Karl-Ludwig Oberthür
„Hier sieht man den Klimawandel.“ Revierförster Matthias Hänel im dezimierten Wald. Foto: Karl-Ludwig Oberthür

Männer mit Kettensägen sind jetzt die gefragtesten Menschen bei den Waldbesitzern. Männer wie die von der Grillenburger Firma GKNZ Waldpflege. Matthias Hänel, der beim Forstbezirk Bärenfels nichtstaatliche Wälder betreut, ist es gelungen, das Unternehmen anzuheuern. Etwa seit September ist der Betrieb in diesem Wald zwischen Klingenberg und Dorfhain, genannt Obercunnersdorfer Schweiz, zugange. Das betroffene Waldstück, das der Stadt Dresden gehört, ist rund einen Hektar groß. Etwa dreihundert Kubikmeter Käferholz werden anfallen, schätzt der Förster.

Ron Fischer macht seine Säge klar. Seit acht Jahren ist der junge Forstwirt schon bei der Waldpflege. Bäume hat er seither fast täglich gefällt. Doch dieser Sommer war auch für ihn eine neue Erfahrung, vor allem die Hitze, die in der dicken Schutzkleidung noch viel mehr Schweiß trieb als ohnehin. Schon früh um acht, sagt er, hätte man gleich wieder duschen können. Und dann all die Stämme, die der Sturm übereinander warf, gespannt wie ein Flitzebogen. „Da musst du bei jedem Schnitt voll konzentriert sein“, sagt der Waldarbeiter.

Damit verglichen ist seine Aufgabe heute Routine. Die Bäume, an die 80 Jahre alt, sind zwar tot, stehen aber kerzengerade in der Botanik. Platz genug ist auch. Nur ein paar Augenblicke, und schon fällt ein Riese mit sattem Krachen ins Kraut. Sogleich wird das Maßband angelegt, der Stamm zerteilt, und zwar so, dass sich die Stücke möglichst gut verkaufen lassen. Ron denkt indes schon weiter, schärft mit der Rundfeile die Sägekette nach. Stumpfe Zähne kosten Kraft und Sprit. „Das macht keinen Spaß“, sagt er.

Das Holz ist gut gewachsen, könnte tadelloses Baumaterial sein. Problem: Der Käferfraß schafft Eintrittspforten für Pilze, die Teile des Stammes blau färben und das Holz optisch entwerten. Auf die Pilze kann Fäulnis folgen. Deshalb wird für Käferholz weniger bezahlt, als für gesunde Stämme. Wenn es denn überhaupt Käufer gibt. Der Markt ist übersättigt mit billigem Holz, sagt Förster Hänel. Die Sägewerke haben sich bis zur Oberkante vollgesaugt. Selbst was verkauft ist, wird noch lange nicht abgeholt. Der Wald ist ein großer Lagerplatz geworden, sagt Hänel. Einige Stapel in seinem Revier warten seit dem letzten Winter auf ihren Abtransport.

Möglichst niemanden vertrösten

Während zig Tausend Kubikmeter Holz aus dem Staatswald dringend vermarktet werden müssen, schwemmt es nun auch aus privaten Wäldern massenweise Stämme in den Holzstrom. Etwa ein Viertel des Waldes im Landkreis ist in Privathand. Die Besitzer sind oft nur hobbymäßige Waldbauern, fällen mal einen Baum, wenn sie Feuerholz brauchen. Jahrelang sei es ein hartes Brot gewesen, sagt Förster Hänel, im Privatwald Holz mobil zu machen. Doch jetzt, nach den Stürmen und den Käferattacken, müssen auch die Privaten Holz loswerden. Und das bringt noch mehr Arbeit für die ohnehin schon ausgelasteten Forstunternehmen.

Das merkt auch Jörg Klinder, einer der Chefs von GKNZ. Er hat mehrere Aufträge absagen und mehrere Ausschreibungen sausenlassen müssen, erzählt er. Seine Firma ist ausgebucht bis zum Frühling. „Dieses Jahr ist extrem!“ Dabei mag er es gar nicht, Kunden zu vertrösten. Wo immer es geht, schiebt er was dazwischen, fällt mal einen Baum, der im Garten zu groß geworden ist oder der einen Wanderweg bedroht. Wie aufs Stichwort klingelt Klinders Handy. Ein anderer Förster ist dran. Es geht um gefährliches Geäst an einer Straße bei Saalhausen. Auch darum wird sich die GKNZ schleunigst kümmern.

Förster Matthias Hänel hat eigentlich kein Problem damit, Jörg Klinders Telefonnummer an andere Waldbesitzer weiterzugeben. Dieser Tage aber tut er es nicht so gern. Er braucht den Unternehmer selbst ganz dringend, sagt er. Und wer weiß, vielleicht kommt der nächste Sturm schon morgen um die Ecke.