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Elefant, Nashorn, Löwe & Co.

Mit gerade einmal 26 Jahren hat Maximilian Hagstotz eine Tierserie für die Porzellan-Manufaktur Meissen gestaltet. Sein schwerster Job: die Büste für Anneli.

Von Peter Anderson
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Auge in Auge mit drei der fünf gefährlichsten Tiere der afrikanischen Wildnis. Meissen-Plastiker Maximilian Hagstotz bei Vorarbeiten für seine Tierserie.
Auge in Auge mit drei der fünf gefährlichsten Tiere der afrikanischen Wildnis. Meissen-Plastiker Maximilian Hagstotz bei Vorarbeiten für seine Tierserie. © Claudia Hübschmann

Meißen. Vorsicht Schildkröte! Rechts der Tür hockt sie auf dem Boden des Ateliers und würdigt den Besucher keines Blickes. Ruhe und Weisheit strahlt das Reptil aus. Da macht es auch nichts, dass die Plastik aus Gips besteht. Willkommen im Tierreich von Maximilian Hagstotz. Helle Stoff-Rollos filtern das Licht, welches durch die hohe Fensterfront in den Raum einfällt. Die Wände sind über und über mit Skizzen bedeckt. Hier brüllt ein Löwe, dort hat der Künstler einen Torso in verschiedenen Bewegungsstadien festgehalten.

Hausherr und gleichzeitig Zoo-Direktor in dem Atelier in einer der oberen Etagen der Manufaktur Meissen ist Maximilian Hagstotz. Mit gerade einmal 26 Jahren gehört er zusammen mit Maria Walther und Judith Lehnert zu den Absolventen der Meisterklasse des kürzlich verabschiedeten Chefplastikers Jörg Danielczyk. Glück muss man haben. Hagstotz heuerte bereits mit 16 Jahren in dem Traditionsbetrieb an. „Ach, bewirb Dich doch mal“, hatte ihn seine Mutter im heimischen Dippoldiswalde gebeten. Und tatsächlich: Es klappte mit der Lehre als Maler. Wenige Jahre später suchte Danielczyk unter den Manufakturisten nach Talenten, die eines Tages die große figürliche Tradition des Unternehmens weiterführen könnten. Erneut war Fortuna dem jungen Mann gnädig.

Auf dem Arbeitstisch vor ihm dampft eine Tasse Tee vor sich hin. Apfel-Limette gibt es heute. Star-Allüren sind nicht im Ansatz zu beobachten. Trotz des jugendlichen Alters hinterlässt der 26-Jährige einen in sich ruhenden Eindruck. Mit tiefer Stimme formuliert er bedächtig seine Sätze. Wie kam es dazu, dass er ausgerechnet eine Serie mit afrikanischen Wildtieren schuf?

Ein wichtiger Anstoß erfolgte von Geschäftsführer Tillmann Blaschke. Dieser verbrachte seine Kinder- und Jugendjahre in Südafrika. Dort hatte er Gelegenheit, große Wildtiere in freier Wildbahn zu beobachten. In der Tradition von Großwildjägern werden Elefant, Nashorn, Leopard, Löwe und Wasserbüffel bis heute als die Großen Fünf beziehungsweise Big Five bezeichnet. Die Namensgebung bezieht sich dabei weniger auf die Körpergröße der Tiere, sondern vorwiegend auf die Schwierigkeiten und Gefahren bei der Jagd auf sie. Im Gegensatz zu seinem Chef blieb Maximilian Hagstotz allerdings nur übrig, sich seinen Modellen im Dresdner Zoo zu nähern. Eine Safari nach Südafrika sprang bei dem Auftrag nicht heraus.

Der schlanke, hochgewachsene Plastiker öffnet vorsichtig die Türen zu seinem Tresor. So könnte man mit Fug und Recht den hohen, dunklen Feuchtschrank umschreiben, in welchem der Künstler seine wichtigsten Ton-Modelle aufbewahrt. Friedlich hockt dort eng zusammen, wer draußen in der Natur oft lieber weiteren Abstand voneinander hält. Ein Strauß reckt stolz auf langem Hals den Kopf nach oben. Massig und schwer schauen Bulle und Bär aus ihrem Fach heraus. Die beiden stehen im Börsengeschäft symbolisch für einen optimistischen Handelsverlauf beziehungsweise für fallende Kurse. Doch das ist noch Zukunftsmusik.

Zurück zu den Big Five: Ein Vorbild für die jetzt gewählte Gestalt der Tiere seien afrikanische Holzplastiken gewesen, sagt Maximilian Hagstotz. An den Zug des Schnitzmessers erinnert die gewisse Kantigkeit einiger Flächen. Gleichzeitig galt es, an die historische Linie von Meissener Porzellantieren anzuknüpfen. Seit dem 18. Jahrhundert und über alle Epochen und Moden hinweg zählen Elefant, Nashorn und Co. zu den bevorzugten Motiven der für das Unternehmen arbeitenden Plastiker. Letztlich habe er sich dafür entschieden, die typischen Charaktereigenschaften zu betonen, sagt der junge Zoo-Direktor. Majestätisch und über den Dingen stehend blickt der Löwe in die Ferne. Am dynamischsten wirkt der Leopard: Eng über die Bodenplatte geduckt schleicht er sich an seine imaginäre Beute heran.

Die künstlerische Idee ist ein Aspekt bei der Formgabe, gleichzeitig darf ein Porzelliner nie die praktische Umsetzbarkeit außer Acht lassen. Ein massiger Körper darf nicht auf einem zu filigranen Huf ruhen. Sonst droht beim Brand ein Bruch. Der Maler muss mit dem Pinsel die Flächen auch erreichen können, welche er verzieren soll. Im Fall der Großen Fünf betonen feine, geometrische Muster jeweils besonders typische Merkmale: Die Mähne des Löwen, die Hörner des Büffels, die großen Ohren des afrikanischen Elefanten. Das Dekor erinnert an Hennamuster, mit denen vor allem in Ostafrika Frauen gern Hände und andere Körperpartien verzieren.

Preislich versuchen die neuen Stars im Meissener Zoo einen Spagat zwischen Bezahlbarkeit und Wertigkeit. Die Raubkatze ist bereits für 1 290 Euro zu haben. Für den Elefanten mit seinen anspruchsvollen Details werden 4 490 Euro fällig.