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Darum ist der neue Erzgebirgskrimi so mau

Da hilft auch nicht die hübsche Kulisse: Der neue Erzgebirgskrimi "Der Tote im Burggraben" im ZDF ist ein klarer Fall von Landschaftsmissbrauch.

Leichenfund bei Burg Hartenstein: Während zwei KTU-Beamte die Leiche bergen, unterrichtet Maik (Adrian Topol, r.) die Kommissare Winkler (Kai Scheve), und Szabo (Lara Mandoki) über den Fund.
Leichenfund bei Burg Hartenstein: Während zwei KTU-Beamte die Leiche bergen, unterrichtet Maik (Adrian Topol, r.) die Kommissare Winkler (Kai Scheve), und Szabo (Lara Mandoki) über den Fund. © ZDF und Uwe Frauendorf

Kennen Sie Alan Smithee? Sollten Sie: Niemand hat mehr Hollywoodfilme gedreht als er. Das Allerbesonderste an ihm aber ist: Es gibt und gab ihn gar nicht. „Alan Smithee“ war ein Pseudonym. Benutzt haben es zahlreiche Regisseure, die im Nachhinein nicht mehr den Klarnamen für ihre Filme hergeben wollten, weil sie mit deren Endfassung nicht zufrieden waren und sie für verhunzt hielten, etwa von Produzenten oder Cuttern. Auch Autoren wählen Pseudonyme. Meistens deshalb, weil sie eigentlich etwas ganz anderes machen als Romane oder Drehbücher zu schreiben und ihre Ruhe haben wollen, wie etwa die Weltbelletristin Elena Ferrante. Oder wie Leo P. Ard.

Drehbücher vom Fließband

Auch den gibt es wirklich, anders als Alan Smithee. Und anders als bei Elena Ferrante weiß man sogar, wer hinter Leo P. Ard steckt: der Journalist Jürgen Pomorin. Seit Jahrzehnten schreibt der 68-Jährige Kriminalromane und Drehbücher am Fließband. Dutzende Folgen von TV-Serien gehen auf sein Konto, darunter diverse „Tatorte“ und „Marie Brands“. Viele davon sind ziemlich gut. Wie der erste Erzgebirgs-Krimi „Der Tote im Stollen“. Viele davon sind aber maximal mittelmäßig. Wie der neue Erzgebirgs-Krimi „Der Tote im Burggraben“.

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Der ist ein trauriges Beispiel dafür, dass der längst zum Tsunami gewordene Krimiboom im öffentlich-rechtlichen Fernsehen immer stärker zur Verflachung des Genres beiträgt. Gerade im populären Gewässer der beim Publikum extrem beliebten Regionalkrimis. Sah man dem Erzgebirgs-Pilotfilm „Der Tote im Stollen“ vor zwei Jahren noch seinen Anspruch und seine Mühen an, eine neue Reihe mit einem tollen Auftakt an den Start zu bringen, geht bei „Der Tote im Burggraben“ noch mehr daneben als schon im vergangenen Jahr bei dessen Vorläufer „Tödlicher Akkord“. Hauptschuldiger: Jürgen Pomorin alias Leo P. Ard.

Wie ein derart erfahrener Autor sein Drehbuch derart überladen kann, dass der Film zwangsläufig untergehen muss, bliebt genauso rätselhaft wie zunächst die Identität des Titelhelden. Dessen skelettierter Körper wird bei Ausbesserungsarbeiten auf der Burg Hartenstein gefunden. Was die Rechtsmedizinerin vorerst nur sagen kann: Der Mann lag schon mindestens 20 Jahre in der Erde und war zum Zeitpunkt seines Ablebens ungefähr 75. Doch es gibt ja die schöne Försterin Saskia Bergelt (Teresa Weißbach). Dank ihrer Tipps finden Hauptkommissar Robert Winkler (Kai Scheve) und Kollegin Karina Szabo (Lara Mandoki) heraus: Das Skelett hieß einstmals Ernst-Rudolf von Schöneck, ein Nachfahre der Burgbesitzer. Die Schönecks waren 1945 in den Westen geflohen und enteignet, ihre Burg zunächst zum Kinderheim umfunktioniert und später als FDGB-Kulturhaus genutzt worden. Dann kam die „Wende“ und mit ihr die Frage: Quo vadis, Burg? Weiter öffentliches Eigentum und Kulturort? Verkaufen? An wen?

Auf den Plan trat, natürlich: Blaublüter von Schöneck mit der Rückgabeforderung. Doch bevor er länger fordern konnte, verschwand der Alteigentümer. Trotzdem konnten Dauerbürgermeister Steigerwald (Thomas Thieme) und Stellvertreter Fromm (Michael Schenk) nicht verhindern, dass die Burg zum 4-Sterne-Hotel wurde. Wer also brachte von Schöneck wie und vor allem warum unter die Erde? Winkler und Szabo merken bald, dass sie in einem Hornissennest ermitteln aus dunklen persönlichen Verwicklungen unter den Kleinstadtbewohnern. Und dass mehrere Menschen ein Rache- oder gar Mordmotiv gehabt haben könnten.

Wieder einmal fängt die Kamera bezaubernde Bilder vom Erzgebirge ein. Erneut gibt es viel ansehnliches Lokalkolorit. Auch die Musik kann sich hören lassen, und die Handlung schlägt nach einer Stunde einen recht gelungenen Haken. Damit muss sich jedoch zufriedengeben, wer von „Der Tote im Burggraben“ mehr als maues Mittelmaß erwartet. Denn die Geschichte setzt arg auf öde Klischees und mutet sich schlichtweg zu viel zu. Dass der damalige Böse nicht nur adelig war, sondern noch weiter damals auch noch ein fieser SS-Mann, dass er einer jungen Frau ein Kind gemacht, sie dann verlassen und deren Geliebten an die Gestapo verraten hat, dass jener Unglücksrabe auch noch ein guter Antifaschist mit immerhin jüdischem Namen gewesen ist – eine Konstellation wie aus der frühen DDR-Klippschule für Volkserbauungsfilme.

Als wären diese staatsbürgerkundlichen Ursprünge allen Mordübels nicht Zumutung genug, quetscht Jürgen Pomorin noch einen Seitenstrang nach dem anderen in die Geschichte. Da gibt es die Wirtin mit Erziehungsproblemen, eine Brandstiftungsserie, politische Intrigen, eine Krebserkrankung, eine pflichtschuldig wirkende Liebelei zwischen Ermittlerin Karina und Spurensicherer Maik. Obendrauf legt Leo P. Ard noch das tragische Schicksal von Kommissar Winkler, der einst eben in der Mordgegend einen Unfalltod verursacht haben soll und seither anhaltend seelisch porös ist … das Drehbuch als Dederon-Netz.

Die Mühen der Schauspieler

Auch manche Schauspieler haben sichtlich Mühe, sich in dieses Erzgebirger Allerlei einzufügen. Thomas Thieme spielt als Bürgermeister sicherheitshalber so wie immer, Andreas Schmidt-Schaller bleiben eh nur zwei kurze Auftritte, Theresa Weißbach chargiert erstaunlich hölzern, ihr Sächseln kommt angelernt und aufgesetzt daher. Und der mäßig charismatische Kai Scheve verharrt immer noch auf halbem Weg zum vollwertigen Nachfolger von Stephan Luca, den er im zweiten Krimi der Reihe als Hauptkommissar Winkler abgelöst hat.

Selbst das Erzgebirge kann als Kulisse nicht wettmachen, was mangelnde Ideen, mangelnde Sorgfalt, was mangelnder Wille und mangelndes Können hier mehr noch als schon im zweiten Fall verbockt haben. Gäbe es das Delikt „Landschaftsmissbrauch“; bei „Der Tote im Burggraben“ lägen zumindest schwere Verdachtsmomente vor. Vor allem gegen Jürgen Pomorin respektive Leo P. Ard, aber auch gegen Regisseurin Constanze Knoche. Man hätte es verstehen können, wenn nicht ihr Name im Vorspann stehen würde. Sondern der von Alan Smithee.

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