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Fukushima: Sie blieben, als die Erde bebte

Die Reaktorkatastrophe von Fukushima vor zehn Jahren ist das Thema gleich mehrerer neuer Filme.

Während der Katastrophe: Aufräumarbeiter müssen sich gefährlichen Strahlen aussetzen und in „Fukushima“ bang auf die nächste anrauschende Katastrophe blicken.
Während der Katastrophe: Aufräumarbeiter müssen sich gefährlichen Strahlen aussetzen und in „Fukushima“ bang auf die nächste anrauschende Katastrophe blicken. © Capelight

Von Andreas Körner

Eine junge Frau mit Maske im Ganzkörperschutzanzug läuft schweigend durch verwüstete Klassenzimmer und ruinierte Straßenzüge. Es sieht so aus, als sei das Terrain erst kürzlich von einem Unglück heimgesucht worden, doch es ist Jahre her. Später am Strand von Fukushima bricht die deutsche Philosophin Janina Loh ihr Schweigen. Das Ungeheuerlichste, sagt sie, sei der Mensch. Ungeheuerlich nicht nur in einem zerstörerischen, erbärmlichen Sinne, auch im positiven. Weil er unglaublich vieles schaffen und über sich selbst hinauswachsen kann. In Fukushima komme das alles zusammen.

Janina Loh ist eine Protagonistin im neuen Dokfilm von Marc Bauder, aufgeführt zur Online-Berlinale. „Wer wir waren“ kommt bald auch ins Kino, denn er gehört dorthin. Kluge Menschen sprechen übers Menschsein, eindrückliche Bilder aus der Tiefsee sind zu sehen, vom Weltall, aus Afrika, Tibet – Fukushima.

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Schon die Regisseurin und bekennende Japan-Sympathisantin Doris Dörrie war für ihren 2016er Spielfilm „Grüße aus Fukushima“ dorthin gegangen. Anregungen dafür hatte sie bei einem Besuch in einem jener Containerdörfer gefunden, die die japanische Regierung vor allem für ältere Evakuierte aus der kontaminierten Region errichten ließ. Übergangsweise, hieß es. Einige leben noch heute dort.

Eine Allegorie des Weiterlebens

Dörrie schickt eine Deutsche nach Fukushima. Maries Hochzeit war geplatzt, sie hatte das Rumheulen satt, wollte helfen, wo ihr gerade selbst nicht zu helfen war. Jetzt bespaßt sie als Clown die Rentner. Rote Nase, große Schuhe, Hula-Hoop für steife Rücken – eine bizarre Idee, die Satomi, die stolze letzte Geisha der Präfektur, mit „Bullshit!“ kommentieren wird. Und doch gibt es die Annäherung zwischen Marie und Satomi, beide gehen ans Aufräumen in Satomis ruiniertem Haus.

„Grüße aus Fukushima“ mit Kaori Momoi und Rosalie Thomass ist ein zärtliches schwarzweißes Filmstück. In diesen Tagen, da sich das Reaktorunglück zum zehnten Mal jährt, lohnt ein weiteres oder erstes Ansehen, denn es ist eine Allegorie des Weiterlebens der Menschen dort.

Offensichtlicher in der Mahnung wird Regisseur Setsuro Wakamatsu mit seinem Film „Fukushima“. Der beruht auf dem Sachbuch „On the Brink: The Inside Story of Fukushima Daiichi“ des Journalisten Ryusho Kadota und hatte seine Premiere noch im März 2020, also vor einem nächsten, diesmal viralen Unheil, im Koriyama-Theater von Fukushima. Als stilechtes Katastrophendrama rekonstruieren die zwei Stunden faktisch und fiktional den Kampf von Frauen und Männern, die später als „Fukushima 50“ in die Geschichte eingehen sollten. Denn sie blieben vor Ort. Als die Erde bebte, der Tsunami kam, Wasser in die Kammern drang, der Strom ausfiel, Druck und Temperaturen stiegen, Brennstäbe schmolzen. Als man in der Zentrale des Kraftwerksbetreibers Tepco und im Regierungspulk in Tokio nicht minder heiß lief und zum Teil wahnwitzige Entscheidungen traf.

Haarsträubend gestrige Methoden

Mit Koichi Sato als Schichtleiter Izaki und Ken Watanabe als Betriebsdirektor Masao Yoshida spielen zwei international bekannte Darsteller zentrale Charaktere. „Fukushima“ bringt nur marginal Aufnahmen aus Hallen mit Evakuierten, unter denen Familien sind, die mit ihren Angehörigen nahe der Blöcke hoffen und bangen. Der dezente Einsatz vermeidet das Abdriften in nicht selten anzutreffenden Kitsch im GAU-Kino. Emotional ist es trotzdem.

Auf dem AKW-Gelände werden derweil haarsträubend gestrige Methoden benutzt, um das ganz große Fiasko für Japan und die Welt abzuwenden. Angestellte setzen sich enorm erhöhter Strahlung aus, um Druckbehälter zu checken, deren Anzeigen mit ihren eigenen Autobatterien notbetrieben werden. Abläufe werden aus der Theorie mühsam in die Praxis gehoben, immer wieder gibt es Explosionen und – mit Verlaub – dumme Sprüche aus der Hauptstadt. Interessant wäre es zu erfahren, ob Diensthabender Yoshida als höflicher und traditionell kulturvoller Japaner in Wahrheit den Vorgesetzten gegenüber seinen nackten Hintern in die Standleitung gehalten hat. Kommentierend.

Janina Loh, die Philosophin aus „Wer wir waren“, blieb in Japan und ging weiter dem Ungeheuerlichen nach, sie forschte dabei auch zu ethischen Grundsätzen im Umgang der Menschen mit Robotern. „Ich möchte fest daran glauben“, sagt sie, „dass es möglich ist, einer Welt zumindest nahe zu kommen, in der die Unterschiede zwischen dem, was wir Mensch nennen und was nicht, keine so große Rolle mehr spielt wie jetzt.“

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  • „Grüße aus Fukushima“ ist als DVD und digital verfügbar, u. a. in der ZDF-Mediathek bis 16. März
  • „Fukushima“ erscheint am 11. März als DVD/Blu-ray bei Capelight und ist streambar.
  • Der Kinostart von „Wer wir waren“ ist derzeit für den 22. April geplant.

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