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Freital: Der Schrank des Bashar Ali Al Shame

Der Freitaler hat zum Abschluss seiner Tischlerlehre einen Fernsehschrank mit Geheimfächern und Intarsien gebaut. Jetzt zeigt er sein Gesellenstück im Elbepark.

Von Maik Brückner
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Der Freitaler Bashar Ali Al Shame zeigt sein Gesellenstück im Elbepark Dresden. Zu sehen ist der TV-Schrank im Rahmen der Ausstellung "Die Gute Form".
Der Freitaler Bashar Ali Al Shame zeigt sein Gesellenstück im Elbepark Dresden. Zu sehen ist der TV-Schrank im Rahmen der Ausstellung "Die Gute Form". © Karl-Ludwig Oberthür

Immer wieder bleiben Besucher des Elbeparks stehen, um sich den großen TV-Schrank anzusehen. Das ist kein herkömmlicher, sondern einer mit Intarsien. Angefertigt wurde der Schrank von Bashar Ali Al Shame, der Interessierten auf Wunsch mehr zeigt. Denn sein Schrank ist sein Gesellenstück und ein kleines Wunder aus Holz.

100 Stunden hat der 26-Jährige gebraucht, um diesen TV-Schrank hauptsächlich aus Esche und Nussbaum zu bauen. Kaum zu glauben, bei den Raffinessen. Denn nicht nur die Außentüren sind mit Intarsien verziert, sondern auch die Böden der zehn Schubladen und deren Unterseiten. "Ich hatte Zeit, das zu machen. Man baut nur einmal im Leben ein Gesellenstück", sagt Bashar Ali Al Shame und öffnet die mittleren Türen.

In den Schubladen hat er aufwendig verarbeitete Boxen aus Nussbaum eingebaut. In der einen können Zigarren gelagert werden, sagt er und zeigt auf die kleinen Löcher in der Platte. Außerdem verfügt der Schrank noch über Geheimfächer.

TV kann im Schrank verschwinden

Eigentlich wollte er über 100 unterbringen, sagt er. Doch dazu habe die Zeit nicht gereicht. So sind es zehn geworden. Sie befinden sich unter den Schubfächern und sind mit kleinen Magneten angebracht. Auch etwas Technik hat der junge Mann eingebaut. Mit ihr kann er die Höhe des Fernsehers und der Spielkonsole bewegen und sie letztlich so weit herunterfahren, dass diese im Inneren des Schrankes verschwinden.

An dieser Schublade hat der Tischler das Kürzel seines Ausbildungsbetriebes, die Deutschen Werkstätten Hellerau - DWH - angebracht.
An dieser Schublade hat der Tischler das Kürzel seines Ausbildungsbetriebes, die Deutschen Werkstätten Hellerau - DWH - angebracht. © Karl-Ludwig Oberthür

Wenn Bashar Ali Al Shame über sein Handwerk spricht, kommt er ins Schwärmen. Stolz ist er auf die aufwendig gestalteten Zierzinken, die dem Schrank zusätzlichen Pfiff geben.

Erlernt hat der gebürtige Syrer seine Fertigkeiten im Libanon und in Sachsen. In seinem Heimatland habe es nicht geklappt, den Beruf zu ergreifen, erzählt er. Und dann gab es noch private Probleme. Deshalb ging er 2009 in den Libanon. Dort konnte er sich seinen Berufswunsch erfüllen. Eine klassische Lehre wie in Deutschland gebe es dort nicht. Man beginnt als Helfer, lernt von den älteren Kollegen und arbeitet sich hoch. Nach fünf Jahren hatte er es zum Betriebsleiter geschafft. Im August 2015 musste er den Libanon verlassen. Über den Grund möchte er nicht sprechen.

Bashar Ali Al Shame kam nach Deutschland und landete in Sachsen. In Freital fand er eine bezahlbare Wohnung, in den Deutschen Werkstätten Hellerau den passenden Ausbildungsbetrieb, in dem 2018 anfing. Denn Bashar Ali Al Shame hat noch einiges vor in seinem Beruf. Und dazu muss er eine klassische Lehre absolviert haben. Diese hat er im Sommer mit diesem Gesellenstück abgeschlossen. Die Ausbildung war für ihn eine der schönsten Zeiten seines Lebens, für die er von ganzem Herzen danken möchte.

In Syrien hat die Arbeit mit Intarsien eine lange Tradition. Die ersten wurden vor rund 1.200 Jahren angefertigt. Damals hat man Gold und Muscheln auf Holz aufgebracht. Der Freitaler hat an den Schubläden insgesamt zwanzig Sterne eingearbeitet.
In Syrien hat die Arbeit mit Intarsien eine lange Tradition. Die ersten wurden vor rund 1.200 Jahren angefertigt. Damals hat man Gold und Muscheln auf Holz aufgebracht. Der Freitaler hat an den Schubläden insgesamt zwanzig Sterne eingearbeitet. © Karl-Ludwig Oberthür

Jan Eckoldt, Geschäftsführer des Landesinnungsverbandes des Tischlerhandwerks, hat die Ausstellung der Gesellenstücke im Elbepark mit mehreren Partnern organisiert. Er ist ebenfalls vom TV-Schrank begeistert. "Die Arbeit ist sehr komplex, durchdacht und hochqualitativ. Herr Shame hat sehr sauber und akkurat gearbeitet."

Bisher gibt es nur ganz wenige, die als Flüchtling nach Sachsen kamen und im Tischlerhandwerk so erfolgreich sind. "Es gibt vereinzelt Erfolgsgeschichten", sagt Eckoldt. Oft scheitert der Erfolg an der Sprachbarriere. Denn auch in seinem Handwerk benutzt man spezielle Fachausdrücke, die man lernen muss. "Die Sprache, die ich an der Maschine verwende, ist eine andere als die, die ich beim Einkaufen brauche."

Tischlerberuf ist wieder sehr beliebt

Generell sei der Tischlerberuf wieder sehr beliebt. Die Zahl derer, die sich ganz bewusst für den Beruf entscheiden und gute Noten mitbringen, habe erfreulicherweise zugenommen. Allerdings bildet von den rund 2.000 Tischlereien im Freistaat nur etwa ein Viertel aus. Bei angehenden Lehrlingen sind vor allem die beliebt, die sich in oder unweit der drei Großstädte Dresden, Leipzig und Chemnitz befinden. "Für die gibt es viele Bewerber." Und leider fehle es dort an Ausbildungsplätzen.

Je weiter weg eine Tischlerei von einer Großstadt entfernt ist - also im Erzgebirge, in der Lausitz, in Nordsachsen und selbst in Städten wie Neustadt in Sachsen -, desto schwerer habe sie es, Lehrlinge zu finden. Denn viele angehende Lehrlinge besitzen kein Auto und sind auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen. Lehrlingswohnungen könnten helfen. "Das könnte ein Punkt von vielen sein, Lehrlinge aufs Land zu locken", meint Eckoldt.

Auf dem zwei Meter langen, 86 Zentimeter hohen und 70 Centimeter tiefen Fernsehschrank stehen zwei Holzskulpturen, die der Freitaler selbst angefertigt hat.
Auf dem zwei Meter langen, 86 Zentimeter hohen und 70 Centimeter tiefen Fernsehschrank stehen zwei Holzskulpturen, die der Freitaler selbst angefertigt hat. © Karl-Ludwig Oberthür

Etwas komplizierter sei es, die Erwartungen von beiden Seiten - also von den Ausbildern und den Lehrlingen - auf einen Nenner zu bringen. Viele Ausbilder, vor allem gestandene Handwerksmeister, haben ein Leben lang gearbeitet und dabei nicht auf die Uhr geschaut. Sie erwarten Lehrlinge, die gut rechnen und schreiben können und Tugenden wie Pünktlichkeit mitbringen. Und da hapert es.

Vielen Lehrlingen ist wiederum ein ausgewogenes Verhältnis von Arbeit und Freizeit wichtig. "Für sie ist die Arbeit nicht mehr ihr Lebensmittelpunkt, sondern Mittel zum Zweck." Eckoldt hält es dennoch für machbar, dass sich beide Seiten finden. Denn gerade die Tischlerei sei ein Handwerk, bei dem durch das Erlernen verschiedener Fähigkeiten die Begeisterung für den Beruf mit der Zeit wächst.

Bashar Ali Al Shame ist es offenbar eine Ausnahme. Er brennt schon lange für den Beruf und geht konsequent seinen Weg. Da es bei den Deutschen Werkstätten beruflich nicht weiterging, suchte er sich ein Unternehmen in Bayern, um weiter als Tischler arbeiten zu können. Seine Wohnung in Freital hat er behalten. Denn er plant fest damit, seinen Meister zu machen. Und das soll - sagt er heute - später mal in Sachsen passieren.

Dass er einen Fernsehschrank gebaut hat, ist kein Zufall. "Ich hatte während der Ausbildung keine Zeit zum Fernsehen und zum Spielen mit einer Playstation", sagt er. Diese Zeit möchte er sich nun nehmen. Und dazu hat er sich den Schrank gebaut.

Tischler zeigen ihre Gesellenstücke

  • Die 17 Tischlerinnungen Sachsens präsentieren noch bis zum 13. November im Rahmen des Wettbewerbes "Die Gute Form" Gesellenprüfungsarbeiten des aktuellen Jahrgangs im Elbepark Dresden.
  • Zu sehen sind knapp 50 Gesellenstücke – zehn mehr als im vergangenen Jahr.
  • Der Sieger darf seine Leistung beim Bundesausscheid unter Beweis stellen.
  • Parallel zum Wettbewerb "Die Gute Form" können alle Besucher der Ausstellung vor Ort per QR-Code abstimmen, welche Arbeiten ihnen am besten gefallen.
  • Unter den Teilnehmern der Abstimmung werden Einkaufsgutscheine verlost.
  • Während der Ausstellung fertigen Auszubildende live verschiedene Holzarbeiten an.