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Dieser Mann hilft, wo er kann

Steffen Göhler engagiert sich in der Nachbarschaftshilfe. In Freital wird das Programm koordiniert. Auslöser war für ihn sein ganz persönliches Schicksal.

Nachbarschaftshelfer Steffen Göhler und Koordinatorin Stefanie Baumgart vor dem Familienzentrum "Regenbogen" in Freital
Nachbarschaftshelfer Steffen Göhler und Koordinatorin Stefanie Baumgart vor dem Familienzentrum "Regenbogen" in Freital © Egbert Kamprath

Steffen Göhler sieht aus wie jemand der gern und viel draußen ist. Wenn er redet, schwingt immer ein leichtes Lächeln mit. Schon sein Leben lang hat sich der gebürtige Hartmannsdorfer ehrenamtlich engagiert. Seit einem Jahr greift er nun pflegebedürftigen Menschen und deren Angehörigen unter die Arme. Er ist Nachbarschaftshelfer, koordiniert vom Familienzentrum Regenbogen in Freital.

Nachbarschaftshelfer - das klingt wie jemand, der seinem Nachbarn mal ein Stück Kuchen rüberbringt oder der Nachbarin den Einkauf erledigt. Dass es bei der Nachbarschaftshilfe aber um viel mehr geht, und dass das Programm sogar staatlich finanziert wird, wusste auch Steffen Göhler lange Zeit nicht.

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Dann aber ist seine über 90 Jahre alte Mutter schwer krank geworden und er hat jemanden gesucht, auf den er sich verlassen kann. Jemand, der ihm auch mal eine Auszeit bei der Pflege seiner Mutter gönnt. Eine Person, die mit der Mutter einen Kaffee trinkt, während er einen Spaziergang machen kann, nur für sich. Doch suchen musste er lange.

Später stieß er dann auf das Programm Nachbarschaftshelfer, welches vom Pflegenetz Sachsen erdacht wurde. Dabei geht es nicht um Pflege, sondern um das alltägliche Drumherum. Sich unterhalten, den Einkauf erledigen, gemeinsam spazieren gehen oder Karten spielen.

Nachbarschaftshelfer fehlen im ländlichen Raum

"Bei der Nachbarschaftshilfe geht es aber auch um die Entlastung der Angehörigen", sagt Stefanie Baumgart, die Koordinatorin der Nachbarschaftshilfe für Freital und Umgebung. Genau das, was sich auch Steffen Göhler ab und an bei der Pflege seiner Mutter gewünscht hätte. "Doch viele wussten in meiner Region gar nicht, dass es die Nachbarschaftshilfe gibt", sagt der Rentner. Und auch Stefanie Baumgart erklärt, dass es besonders im ländlichen Raum an Nachbarschaftshelfern fehle. Das heiße aber nicht, dass sich dort weniger Nachbarn unter die Arme greifen würden. Vielmehr sei den Leuten das Programm nicht bekannt.

Dabei wird der ehrenamtliche Helfer sogar finanziell gefördert. Dafür muss er lediglich einen eintägigen Grundkurs besuchen. In dem kostenlosen Kurs geht es besonders um erste Hilfe und rechtliche Rahmenbedingungen. Was darf ich, was darf ich nicht? Wie gehe ich mit Demenz um? Wie bleiben die Pflegebedürftigen lange fit? Alles Fragen, die in dem Kurs zur Nachbarschaftshilfe beantwortet werden.

Anschließend kann es losgehen und dem Pflegebedürftigen geholfen werden. Zehn Euro gibt es pro Stunde. Diese Unterstützung wird über die Pflegekasse des Bedürftigen finanziert. Voraussetzung ist, dass ein Pflegegrad besteht. Der Nachbarschaftshelfer selbst muss volljährig sein und darf nicht mit der Person verwandt sein.

Helfer kann jeder werden

In Hartmannsdorf-Reichenau ist Steffen Göhler der einzige Nachbarschaftshelfer, doch er hofft, das bald mehr Leute an dem Programm teilnehmen. Laut Stefanie Baumgart sei die Nachfrage von Pflegebedürftigen groß. Sie bekomme mehr Anfragen, als es Helfer gebe.

Steffen Göhler selbst macht die Nachbarschaftshilfe große Freude. "Ich geh viel raus mit den Leuten - entweder in den Garten oder auf meine Grünfläche." Denn seit 2017 ist er auch "Jungbauer", wie er augenzwinkernd sagt. Er kümmert sich um eine ein Hektar große Naturschutzfläche. Vor seiner Rente hat er als Industrieunternehmer gearbeitet, aber nach draußen habe es ihn schon immer gezogen, sagt er.

Jede Woche besucht er drei pflegebedürftige Personen. "Zwei Männer und eine Frau - alle um die 80." Zwei haben Demenz. Mit ihnen versucht er viel über die Vergangenheit zu reden. Er geht mit ihnen spazieren und putzt auch mal die Küche. "Ich darf alles machen, was entlastet." Die Pflege jedoch übernimmt der Nachbarschaftshelfer nicht. Er dürfe also kochen, "aber nicht reinlöffeln".

Mit allen komme er gut klar. "Die Chemie muss aber stimmen", erklärt er. Und so musste er in den vergangenen Monaten den Mut zusammennehmen und einer Person absagen. "Das hat einfach nicht gepasst."

Jetzt erst recht: Nachbarschaftshilfe trotz Corona

Auf die Frage, ob er auch in der Corona-Zeit die Nachbarschaftshilfe anbiete, sagt er: "Gerade jetzt ist sie nochmal wichtiger geworden, damit die Leute nicht vereinsamen." Bei der Nachbarschaftshilfe geht es aber nicht nur um alte Menschen:

Eine Nachbarschaftshelferin habe sich auf pflegebedürftige Kinder spezialisiert, sagt Stefanie Baumgart. "Das Programm richtet sich an alle Pflegebedürftigen - egal welchen Alters." Und auch die Nachbarschaftshelfer selbst können ganz unterschiedlich sein. Von jung bis alt - jeder könne teilhaben.

In Freital arbeiten derzeit 26 Menschen in dem Ehrenamt, erklärt die Koordinatorin Stefanie Baumgart vom Familienzentrum "Regenbogen". Dort befindet sich die Anlaufstelle für alle Fragen rund um die Nachbarschaftshilfe. "Mit dem Projekt möchten wir pflegebedürftigen Menschen gezielt die Möglichkeit bieten, noch lange in der eigenen Wohnung leben zu können."

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Steffen Göhler verabschiedet sich derweil, denn er will noch einem Pflegebedürftigen beim Küche ausräumen helfen. "Ich mach es gern, und schreiben Sie, dass die Leute mutig sein sollen", sagt er. Mit Mut meint er dabei zweierlei: erstens Nachbarschaftshelfer zu werden und zweitens die Hilfe auch in Anspruch zu nehmen.

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