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Wer waren die Toten am Waldrand?

Lange waren die Unbekannten ein Rätsel. Ein Fund nahe dem Lungkwitzer Soldatengrab hat dann Hoffnungen geweckt.

Im Lockwitztal bei Lungkwitz ruhten 74 Jahre lang zwei unbekannte Soldaten. Das Bild entstand im Sommer 2019.
Im Lockwitztal bei Lungkwitz ruhten 74 Jahre lang zwei unbekannte Soldaten. Das Bild entstand im Sommer 2019. © Egbert Kamprath

Ein schlichtes Holzkreuz ist alles, was derzeit am Wanderweg zwischen Lungkwitz und der Teufelsmühle noch an zwei Männer erinnert, die nahe dieser Stelle den Tod fanden. Die beiden Soldaten, die hier im Mai 1945 bestattet wurden, ruhen schon seit Längerem auf dem Kreischaer Friedhof. Im Sommer 2019 wurden sie umgebettet. Als "Unbekannt" stehen sie in den Akten der Friedhofsverwaltung.

Doch zuletzt gab es Hoffnung, dass das Rätsel um die Namen und die Herkunft der beiden Toten noch gelöst werden könnte. Ein Sondengänger hatte bereits 2018 nahe des Grabes im Bett des Hausdorfer Baches Erkennungsmarken und Patronenhülsen gefunden.

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Wie der Mann bei Facebook berichtete, meldete er damals seinen Fund an die Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht (WASt).

Soldaten wurden bei Kreischa hingerichtet

Denn bisher ist unklar, was genau an jenen Tagen im Mai genau geschah. Überliefert ist, dass Anwohner aus Lungkwitz die Männer tot am Waldesrand fanden. Sie waren regelrecht hingerichtet worden, denn ihre Köpfe wiesen Einschusslöcher auf.

Man vermutete, dass es sich um Wehrmachtsdesserteure handelte, weil die beiden Toten keine Papiere bei sich trugen. Sie hatten wohl Rast gemacht - einer hatte noch ein Stück Brot in der Hand. In der Nähe befand sich zudem eine frische Feuerstelle. Höchstwahrscheinlich waren sie von einer SS- oder Wehrmachtspatrouille entdeckt worden, vielleicht auch einer Werwolf-Truppe aufgefallen.

Einheimische bestatteten die Toten nahe des Fundortes. Viele Jahrzehnte wurde das Grab von Anwohnern gepflegt. Sie bepflanzten es mit Blumen und beseitigten den Unrat im Umfeld. Eine Bank unweit der Begräbnisstätte diente Wanderern als Rastplatz. So mancher dürfte sich dabei seine Gedanken über das Thema Krieg, Gewalt und Willkür gemacht haben. Das Grab war somit auch ein Mahnmal.

Kritik an Umbettung von toten Soldaten

2019 veranlasste die Gemeinde Kreischa eine Umbettung. Der Grund: Angeblich mangelte es an der Grabpflege. Zudem hätten Wanderer dort wiederholt ihre Notdurft verrichtet und Müll liegen lassen. Ein Stahlhelm, der zu Mahnung am Holzkreuz hing, sei geklaut worden. Und in Sichtweite des Grabes wurde auf einem kleinen Platz an der Straße wiederholt Schutt abgeladen. Im Rathaus wollte man eine würdige Begräbnisstätte.

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge schaltete sich ein. Anfang Juni 2019 wurden die Gebeine der Getöteten von Helfern im Auftrag der Kriegsgräberfürsorge aus dem Boden geholt, vermessen, dokumentiert und anschließend auf dem Kreischaer Friedhof beigesetzt.

Sehr zum Ärger etlicher Einheimischer. Man warf der Gemeinde Störung der Totenruhe vor. Das Grab sei immer gepflegt gewesen und ein Müllproblem habe es nicht gegeben, kritisierten etliche die Umbettungsaktion bei Facebook.

Viele bedauerten auch, dass mit der Umbettung die Wirkung des Grabes als Mahnmal verloren ginge. "Auf dem Friedhof wird es untergehen und in Vergessenheit geraten", postete ein User und bekam Zustimmung von anderen. Im Kreischaer Rathaus wies man die Kritik zurück.

Das Soldatengrab auf dem Kreischaer Friedhof soll demnächst neu bepflanzt werden und ein Holzkreuz bekommen.
Das Soldatengrab auf dem Kreischaer Friedhof soll demnächst neu bepflanzt werden und ein Holzkreuz bekommen. © Norbert Millauer

Für Kriegsgräber gilt ewige Liegezeit

Warum man sich so viel Mühe mit den toten Soldaten gibt, hat einen Hintergrund. Während Gräber auf einem Friedhof nach der bestimmten Liegezeit - in der Regel 20 oder 25 Jahre - aufgelöst werden, gilt für Kriegsgräber nach den Genfer Konventionen ewige Ruhe. Sie dürfen also nicht beseitigt und müssen gepflegt werden. Dies bezieht sich nicht nur auf Gräber von Soldaten, sondern auch auf die Ruhestätten zivile Kriegsopfer.

In der Region gibt es einige solche Kriegsgräber. So befindet sich am Wanderweg von Freital-Somsdorf in Richtung Edle Krone ein Soldatengrab, ein weiteres liegt etwas abseits ganz in der Nähe. Am Landberg im Tharandter Wald fanden ebenfalls Soldaten ihren Tod und wurden dort begraben. Auf dem Friedhof Freital-Döhlen ruhen mehr als 100 Menschen, die bei Luftangriffen auf die Stadt im Sommer 1944 ums Leben kamen.

Auf dem Kreischaer Friedhof herrscht nach einem langen Winter noch Stille. Das Grab der beiden Soldaten ist mit Schmuckreisig abgedeckt, längst abgebrannte Grablichter stecken zwischen den Zweigen. Bürgermeister Frank Schöning (Freie Bürgervertretung) versicherte jüngst auf Nachfrage im Gemeinderat, man werde selbstverständlich das Grab pflegen. Die frische Bepflanzung erfolge demnächst, auch ein Holzkreuz werde aufgestellt.

Erkennungsmarken waren lesbar

Die spannende Frage ist nur, was auf dem Holzkreuz stehen wird. Bleiben die Namen der Toten unbekannt oder kann man nach 76 Jahren noch herausfinden, wer die Männer waren und warum sie ihr Leben lassen mussten? Der Finder der Erkennungsmarken berichtete auf Facebook, er habe die kleinen Metallplättchen gewissenhaft gereinigt, lesbar gemacht und die Daten weitergeleitet.

Eine solche Marke musste jeder Wehrmachtssoldat bei sich tragen. Eingeprägt waren darin unter anderem seine Armeeeinheit, die Blutgruppe und eine Markennummer. Damit war jeder Soldat identifizierbar. Die Marken hatten in der Mitte ein Sollbruchstelle. Fiel ein Mann, verblieb eine Hälfte der Marke beim Toten, die andere identische Hälfte konnte ein Finder für spätere Dokumentationszwecke an sich nehmen.

Allerdings wurden bei den toten Männern der Überlieferung nach keine Erkennungsmarken oder auch nur Teile davon gefunden. Hatten die zwei Soldaten ihre Marken vorher weggeworfen oder gar zerstört? Oder wurden sie von den Mördern an sich genommen?

Viele Spekulationen, keine Fakten

Alles Spekulation, heißt es seitens der Kriegsgräberfürsorge. "Solange die Marken nicht direkt bei den Toten liegen, kann keine Zuordnung erfolgen", erklärt Pressesprecherin Diane Tempel-Bornett. Denn denkbar ist auch, dass die gefundenen Marken von unbeteiligten Soldaten stammen und viel später oder viel früher im Bach entsorgt wurden.

Es ist noch nicht einmal klar, ob sie überhaupt an der Fundstelle ins Gewässer gelangten. Vielleicht wurden die Plättchen erst an die Stelle gespült. Das wäre ein großer Zufall, aber nicht ausgeschlossen.

Man müsste deshalb den umgekehrten Weg gehen, so die Pressesprecherin weiter. Die Marken sollte man zunächst ihren ehemaligen Besitzern zuordnen und dann im nächsten Schritt herausfinden, was mit den Soldaten, denen die Marken gehörten, geschah. Zu welcher Einheit gehörten sie? Wurden sie nach Kriegsende vermisst? Wo? "Im Bundesarchiv lassen sich mit den Daten der Marken bestimmt weitere Informationen finden, aber das sind auch aufwendige Recherchen", weiß Tempel-Bornett.

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Die beiden toten Männer vom Waldrand bleiben vorerst anonym. "Unbekannt" wird auf dem Holzkreuz ihres Grabes stehen. Zumindest so lange, bis es neue Erkenntnisse gibt.

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