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Debatte um gefährliche Wanderwege

Die Stadt Tharandt will Kosten für das Wegenetz entlang ihrer Talhänge sparen. Ein Pfad wurde kurzerhand gesperrt. Im Stadtrat regt sich nun Widerstand.

Hier, am Tharandter Rathaus, beginnt einer der Wanderwege, die nun zur Disposition stehen.
Hier, am Tharandter Rathaus, beginnt einer der Wanderwege, die nun zur Disposition stehen. © Daniel Schäfer

Die Warnung ist unmissverständlich: "Waldsperrung!", steht in dicken roten Buchstaben auf dem laminierten Ausdruck, der am Geländer hängt. Seit Monaten ist der Johannis-Haupt-Weg, der sich hinter dem Tharandter Rathaus den Hang hoch schlängelt, nun schon gesperrt. Der Grund: Entlang des Bergpfades stehen mehrere alte Bäume, die umzubrechen drohen. Aufgefallen war das bereits im Juli 2020 bei einer turnusmäßigen Kontrolle.

Damit niemand zu Schaden kommt, blieb der Stadt Tharandt erst einmal nichts anderes übrig, als das Wandern auf dem Steig zu unterbinden. Und es betrifft nicht nur den Johannis-Haupt-Weg. An etlichen Stellen entlang der Talhänge rund um Tharandt ist die Situation ähnlich. Im Blick hat die Stadt zum Beispiel auch die sogenannte "Holze", der Aufstieg zur Johannishöhe und Richtung Opitzhöhe bei Freital-Weißig.

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Doch eine Sperrung kann nicht die Lösung sein, heißt es seitens des Ortschaftsrates. "Wir wissen, das hier immer viele Spaziergänger und Wanderer unterwegs sind. Das Gebiet erfüllt eine wichtige Erholungsfunktion", sagt Ortsvorsteherin und Stadträtin Milana Müller (Grün der Zeit).

Sie befürchtet, dass die Stadt nun einen schleichenden Prozess in Gang setzt und am Ende viele Wege verfallen, verwildern und ganz verschwinden.

Tharandts Verwaltung will Wege streichen

Schon 2017 gab es ähnliche Bestrebungen. Damals ging es um dringend notwendige Reparaturarbeiten, die dann nach langer Debatte auch erfolgten. Nun legte die Verwaltung abermals den Räten einen Beschluss vor, der letztendlich erst einmal vertagt wurde, aber die Alarmglocken bei einigen Abgeordneten quer durch alle Fraktionen schrillen ließ.

Die Idee der Verwaltung: Die Wege könnten doch aus der öffentlichen Widmung gestrichen werden. Beginnen wollte man mit besagtem Johannis-Haupt-Weg und der Holze. Hinter dem Plan steckt vor allem ein Kostenfaktor.

Sind Wege und Straßen öffentlich gewidmet, obliegt dem Eigentümer - in dem Falle die Stadt Tharandt - auch die sogenannte Verkehrssicherungspflicht. Dabei muss in einem Korridor rechts und links der Verbindung für die Sicherheit aller Passanten gesorgt werden.

Hohe Kosten für Pflegearbeiten

Absterbende Bäume, die umzufallen drohen, stellen da ein gewaltiges Problem dar - auch im juristischen Sinn. Denn passiert wirklich etwas, kann ein Geschädigter klagen. Mit guten Erfolgsaussichten.

Die Tharandter wollten deshalb die Gefahr am Johannis-Haupt- Weg beseitigen und holten mehrere Angebote von Fachfirmen ein. Das Ergebnis: Mindestens 43.000 Euro würden die Baumpflegearbeiten kosten.

Vorerst, denn schon jetzt ist absehbar, dass in den nächsten Jahren noch mehr Kosten dazu kommen. "Angesichts des Alters der Bestockung und einer deutlichen Vitalitätsabnahme ist kurzfristig von weiteren umfangreichen Verkehrssicherungsmaßnahmen auszugehen", heißt es in der Vorlage an die Stadträte. Und das ist nicht das einzige Problem.

Naturschutz contra Sicherheit

Die Landschaft ist geprägt von Buchenbeständen. Kommen die großen, gewaltigen Bäume ins Alter oder werden von Krankheiten befallen, setzt ein Zerfallsprozess ein, der sich oft im Verborgenen abspielt. Pilze, Insekten und Mikroorganismen zersetzen - für Laien kaum sichtbar - den Baum innerlich. Mitunter braucht es dann nicht mal einen Sturm, um die Bäume wie aus dem Nichts zusammenfallen zu lassen.

Was für Wanderer gefährlich ist, ist aus Sicht von Naturschützern und Förstern nur gut: Das zersetzte Material bereitet den Boden für neues Leben. Deshalb wurden die buchenbestandenen Weißeritztalhänge auch in einem sogenannten Fauna-Flora-Habitat unter strengen Schutz gestellt. Außerdem führen die Wanderwege auch durch ein Vogelschutzgebiet.

Das hat Auswirkungen auf sämtliche Arbeiten in Gelände. Diese müssen im einzelnen von der Unteren Naturschutzbehörde genehmigt werden. Im Sinne der Umwelt wäre allerdings, den Wald so natürlich wie möglich zu belassen. Das wiederum beißt sich mit der Verkehrssicherungspflicht, weshalb Tharandt sich daraus gerne zurückziehen würde.

"Mit Wegfall der öffentlichen Widmung reduzieren sich die Anforderungen an den Umfang der Verkehrssicherungsmaßnahmen deutlich", schreibt die Stadt. Der Eingriff in das Schutzgebiet könne somit deutlich minimiert werden.

Stadträte gründen Arbeitsgruppe

Die Stadträte wollen aber dazu nicht einfach die Hand heben. "Es muss erst einmal ein Gesamtkonzept auf den Tisch, welche Wege im öffentlichen Interesse unbedingt gesichert und bewirtschaftet sein müssen. Und welche Wege als reine Wald- und Wanderwege eben nicht dieser Pflicht unterliegen", fordert Manuel Wächter (CDU).

Denn es sei ja letztendlich so: Im Wald und abseits von öffentlich gewidmeten Wegen besteht Begehen auf eigene Gefahr.

Das sieht auch André Kaiser (Freie Wählergemeinschaft) so. Kaiser ist Wanderwegewart und unterstützt die Idee von einer Wege-Inventur. "Einfach so öffentlich gewidmete Wege zu streichen, ist nicht sinnvoll. Denn man braucht einige Wege als Alternative und Rettungswege, zum Beispiel bei einem Hochwasser", gibt er zu bedenken.

Der Stadtrat entschied, dass nun eine Arbeitsgruppe gebildet werden soll, um Vorschläge zu entwickeln. Bereits im Mai will man ein Ergebnis vorlegen und dann erneut im Stadtrat beraten.

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