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Front gegen Hochhaus-Pläne

© Visualisierung: WID

Nicht nur der alte SPD-Baubürgermeister Gunter Just kritisiert die Stadt scharf. Auch ein Hochhausplaner empfiehlt Dresden, erst einmal ein Konzept zu machen.

Sandro Rahrisch

Auf das Gewitter haben viele gewartet. Es deutet es sich mit einem leichten Grollen an. „Wir sind einmal angetreten, um Dresden zur attraktivsten deutschen kriegszerstörten Stadt zu machen“, sagt Gunter Just, Baubürgermeister von 1994 bis 2001. „Heute wird das keiner mehr laut aussprechen.“ Ja, ein paar wenige Attraktivitätsinseln gebe es in Dresden. Den Neumarkt zählt Just dazu und holt langsam zum Donner aus. Denn ansonsten, findet er, sei das Zentrum kein Ruhmesblatt für die Stadtplaner. Und es sei für ihn unverständlich, dass es Entscheidungsträger gebe, die meinten, sie könnten einfach so Hochhäuser in die Stadt setzen. „Was mich stört: Wir sprechen heute wieder über Hochhäuser und es gibt kein Konzept. Das ist verwerflich bis aufs Äußerste.“

So soll das Hochhaus am Pirnaischen Platz nach dem geplanten Umbau durch die Heftol Group aussehen, wie sie es auf ihrer Internetseite zeigt. © Heftol Group
Nicht unumstritten: Der Entwurf für das neue Verwaltungszentrum am Ferdinandplatz- © Visualisierung: Barcode Architekten

Fast 150 Menschen sitzen im Stadtmuseum, als das Gewitter wieder abzieht. Aber war es reinigend? „Braucht Dresden Hochhäuser“, hatte die Gesellschaft Historischer Neumarkt am Montagabend gefragt und eigentlich mehr Antworten dazu bekommen, ob man überhaupt welche will. „Wofür“, fragt „Welt“-Korrespondent und Architekturkritiker Dankwart Guratzsch zurück. „Dresden sollte erst mal fertig gebaut werden.“ Es sei doch völlig absurd, in einer Stadt über Hochhäuser zu diskutieren, die noch so viel Baufläche habe. Die elf geplanten Türme im Zentrum nennt Guratzsch „im höchsten Maße banal“. Denn die Erhöhung der Baumasse führe letztlich zu einer „Einsumpfung“ der gesamten Stadtsilhouette. Das Markenzeichen der Stadt, das Jahr für Jahr so viele Touristen anziehe, drohe verloren zu gehen. Kunstwerke könne man eben auch zerstören, ohne sie anrühren zu müssen, zitiert der Journalist den alten Dresdner Stadtbauer Hans Erlwein. Worte, die Dresdens aktueller Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain (Grüne) nicht hören kann. Er hat sich krankgemeldet. Eine Vertretung kommt nicht.

Und das, obwohl das Hochhaus der neuen Wohnungsbaugesellschaft am Käthe-Kollwitz-Ufer an diesem Abend ebenso in der Kritik steht wie das neue Verwaltungszentrum auf dem Ferdinandplatz. Und es wird klar, dass sich selbst die Denkmalpfleger uneinig sind, was in die City passt und was nicht. Das neue Rathaus soll einen bis zu 60 Meter hohen Turm erhalten. „Wir sind zu der Überzeugung gekommen, dass dieses Gebäude keinen Hochpunkt braucht“, verkündet Sachsens Landeskonservatorin Rosemarie Pohlack eher überraschend, als sie im Publikum sitzend das Mikrofon in die Hand nimmt. Das Neue Rathaus habe bereits einen Turm. Ein zweites „Symbol“ sei unnötig. Bislang seien die Stadtplaner der Altstadt-Silhouette nie zu nah getreten und hätten diese geschätzt. Dies sieht Pohlack nun offenbar in Gefahr. „Es täte uns allen gut, einen respektvollen, bewahrenden Abstand zur Altstadt zu lassen.“

Keine fünf Minuten vorher hat schon einmal ein Denkmalpfleger gesprochen. Bernhard Sterra aus dem städtischen Denkmalschutzamt hat die DDR-Hochhäuser am Käthe-Kollwitz-Ufer gerade zum Sündenfall erklärt, da sich die Riesen bereits in die Blickachse von den Hängen auf die Altstadt schieben. „Aus denkmalpflegerischer Sicht braucht Dresden keine weiteren Hochhäuer, es hat schon genug.“ Umso mehr müssen die Zuschauer zweimal, wenn nicht gar dreimal darüber nachdenken, was Sterra meint, als er plötzlich sagt, er erachte das Projekt am Ferdinandplatz „als nicht dauerhaft beeinträchtigend“. Hat er nicht gerade festgestellt, Dresden brauche keine neuen Türme? Der Ferdinandplatz ist offenbar etwas Besonderes. „Eine Nahtstelle zur Prager Straße, wo es schon Zeit- und Formatsprünge gibt“, sagt er. Das neue Verwaltungszentrum sei kein klassisches Hochhaus, da es ja nur an der Ecke in die Höhe wächst.

Ein Hochhaus-Verfechter ist Matthias Lerm zwar nicht. Doch der Stadtarchitekt, der schon für Jena einen Hochhausplan entwickelt hat, wirkt zunächst wie ein Außerirdischer im Saal, als er davon spricht, man solle Hochhäuser nicht generell verdammen. Solche Gebäude könnten die Stadtsilhouette bereichern. „Blickt man heute über Dresden, sieht man die historische Silhouette kaum noch“, gibt er zu bedenken. 60 Hochhäuser seien – vor allem zu DDR-Zeiten – über die gesamte Stadt verteilt worden. „Das ist die Realität und die kann man nicht wegdiskutieren.“ Selbst wenn man die Sichtbeziehungen zwischen Innenstadt und Hängen frei halten wolle, so schließe das nicht aus, Hochhäuser an den Rändern zu bauen. „Dresden braucht einen Hochhaus-Rahmenplan“, gibt er der Stadtverwaltung mit auf den Weg. Konkret heißt das: Dresden soll passende Standorte ausfindig machen und dabei unter anderem die Sichtachsen, Kaltluftschneisen, die aktuelle Bebauung und die Verkehrsknotenpunkte berücksichtigen.

Das Ergebnis der gut dreistündigen Diskussion? Gunter Just sowie der Publizist Dieter Hoffmann-Axthelm sprechen sich dafür aus, erst einmal die freien, innenstadtnahen Flächen zu bebauen. Hochhäuser könne man dann, sofern man das unbedingt will, weit weg vom Zentrum hochziehen und dann möglichst auf einer begrenzten Fläche bündeln, so Just. Die Stadträte der rot-grün-roten Kooperation verweisen auf ihren Antrag, wonach die Stadtverwaltung zunächst einmal einen Hochhausplan erarbeiten soll. Dabei kann sich Tilo Wirtz (Linke) auf dem Ferdinandplatz keinen Turm vorstellen und Hendrik Stalmann-Fischer (SPD) ein Zentrum-Hochhaus am ehesten auf dem Wiener Platz. CDU-Stadtrat Gunter Thiele betont, die Altstadtsilhouette stünde für seine Fraktion an erster Stelle. Gleichzeitig wünsche er sich für das neue Rathaus ein repräsentatives Erscheinungsbild, ohne dass das Gebäude dominant hoch werden müsse. Stefan Vogel (AfD) meint, einige wenige Hochhäuser könnten die Bebauung in einzelnen Stadtteilen außerhalb der City ergänzen, zum Beispiel in Zschertnitz oder Gompitz.

Ob Dresden Hochhäuser braucht, versucht dann immerhin Dankwart Guratzsch mit Zahlen zu beantworten. Lebten bis 1945 zwischen 630 000 und 700 000 Menschen auf 119 Quadratkilometern, so sind es heute knapp 550 000 Einwohner auf 328 Quadratkilometern. „Das Argument, Dresden brauche Hochhäuser, hat also keine Grundlage.“ Seine Antwort: „Nein!“