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Gefährlicher Partner

Magier André Sarrasani hat sich einen schwarzen Leoparden zugelegt, der auch in seiner Show zu sehen ist. Wie lebt das Wildtier eigentlich?

© Sven Ellger

Von Juliane Richter

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Akrobatik auf dem Eis

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Die Couchgarnitur ist hinüber. Mal wieder. Wenn das Sofa als Spielplatz für ein Raubtier freigegeben ist, bleibt davon nicht mehr viel übrig. „Aber irgendwo muss sie sich ja auch mal austoben“, sagt Magier André Sarrasani mit Blick auf Jada. Seit November gehört die schwarze Leopardin zur Familie. Im Alter von etwa sechs Wochen kam sie zu Sarrasani und hat knapp zwei Monate mit ihm, seiner Frau Edith, der 13-jährigen Tochter und dem zweijährigen Sohn in deren Dresdner Wohnung gelebt.

Ein Leopard ist aber eben keine Hauskatze, auch wenn sie schnell den Gang aufs Katzenklo gelernt hat. Vor rund drei Wochen wurde Jada ins Büro des Magiers ausquartiert. Der schmale Raum grenzt an das Trocadero-Zelt im Elbepark. Platz ist lediglich für den Schreibtisch, eine schwarze Zweisitzer-Couch und einen geschätzt 1,5 mal 2,5-Meter, deckenhohen Metallkäfig. Ein kleiner Kratzbaum und ein abgenagter Knochen lassen auf den wilden Bewohner schließen. Momentan sitzt Jada auf dem Schoss von Sarrasanis Frau Edith Slavova. Vielmehr sie sollte sitzen. Während Slavova die Leine des Tieres kurzhält, rollt Jada über ihre Beine, springt unerwartet auf den Boden und holt mit der Vorderpfote zum Hieb gegen das Fotografenobjektiv aus. „Das tut jetzt schon richtig weh, wenn sie zwickt oder kratzt“, sagt Tierarzt Gerd-Michael Klemm.

Der Dresdner hat Erfahrung mit Wildtieren und behandelt schon seit Jahren Sarrasanis drei weiße Tiger. Er ist zu Besuch, um Jada zu impfen. Slavova hält das Tier mit rohem Hackfleisch bei Laune. „Guck mal, was die Mama hat“, sagt sie. Der kleine Piks wird mit einem kurzen Maunzen quittiert. Anerkennend spricht Tierarzt Klemm über Slavova. „Sie hat richtig Katzenahnung und mehr Kontakt zu den Tieren.“ Sarrasani bestätigt, dass seine Frau bisher die Hauptbezugsperson ist. Das sei aber kein Problem, weil Jada auch an ihn und einen weiteren Betreuer gewöhnt wird. Experten sprechen hier von „Fehlprägung“. In der Natur sind die Jungtiere allein auf die Mutter geprägt, erst die Fehlprägung auf den Menschen in den ersten Lebensmonaten ermöglicht die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Tier.

Der Zeitpunkt war günstig. Nach seiner Insolvenz hat André Sarrasani zum Neustart im November nicht nur seine neue Show präsentiert, sondern auch gleich das neue Raubtier. Seine drei weißen Tiger spielen in dieser Show keine Rolle, weil er bisher bei allen Problemen nicht den Kopf frei hatte, um mit ihnen zu trainieren. Mittlerweile hat er mit deren Training aber wieder begonnen und will sie in die neue Show im November integrieren.

Kalkül sei Jadas plötzliches Auftauchen im Hause Sarrasani aber nicht gewesen. „Das hat sich ganz kurzfristig ergeben. Eine befreundete Familie hat uns gefragt, ob wir sie nehmen wollen“, sagt der Magier. Die Familie betreibt ihm zufolge einen Tierpark nahe Paris und hatte parallel einen Tiger- sowie einen Löwenwurf. „Das wird denen zuviel.“ Seine Frau hat die Leopardin mit der besonderen Färbung kurzerhand mit dem Auto abgeholt. Bisher sei es Jadas Job, in der Show anwesend und schön zu sein und sich an das Publikum zu gewöhnen. Tierschützer fordern schon lange ein Verbot von Wildtieren in Zirkussen. Der Debatte will sich Sarrasani nicht verschließen. „Ich finde aber, sie wird zu emotional geführt.“ Er sieht seine Tiere auch als Botschafter für die bedrohten Tierarten. Hinweise darauf gibt es in seiner Show bisher nicht. Er überlege aber, Vorträge unabhängig von der Show zu organisieren.

Zunächst plant er jedoch ein eigenes Außengehege für Jada. Die abgegrenzte Ecke im Büro erfüllt nicht die Anforderungen des Säugetiergutachtens, das die Haltung von Wildtieren regelt. Dort werden, allerdings für ein erwachsenes Tier, mindestens 15 Quadratmeter Fläche gefordert. Ein Außengehege muss mindestens 100 Quadratmeter groß sein. Seiner Aussage nach ist er im engen Austausch mit dem städtischen Veterinäramt. Bei Haltern von Wildtieren prüft die Stadt die Herkunft und Unterbringung des Tieres sowie die Sachkunde des Halters. Sarrasani und seine Frau berichten, dass ihre jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit Wildtieren der Stadt wohl Nachweis genug ist. Eine Prüfung mussten sie nie ablegen.

Sarrasani arbeitet seit 24 Jahren mit Großkatzen, die ersten Jahre mit einem erfahrenen Dompteur an seiner Seite. Seine Frau, Mitglied einer bulgarischen Zirkusfamilie, ist mit Tigern aufgewachsen. Ihr Patenonkel war der bekannte Dompteur Charly Baumann. Beiden sei noch nie etwas bei der Arbeit passiert. Zeitgleich klopfen sie auf das Holz ihrer Stuhllehne.