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Gesinnungskorridor oder Polarisierung?

In Dresden debattierten Christa Wolfs Enkelin und der Sohn von Botho Strauß darüber, ob Literatur politisch sein kann.

Verstanden sich ein wenig zu gut, um einen spannenden Abend im Societaetstheater zu garantieren: Jana Simon (r.) und Simon Strauß. Fotos: © Frank Rothe /Martin Walz

Von Michael Bittner

Auch Wut ermüdet. Nach Jahren der Kraftproben auf den Straßen sind inzwischen die meisten Bürger der Unversöhnlichkeit überdrüssig. Viele wünschen sich, dass sachliche Streitgespräche an die Stelle der eintönigen Brüllwettbewerbe treten. Den Versuchen solcher Art wurde am Montag im Dresdner Societaetstheater unter dem Titel „Wortwechsel“ ein weiterer hinzugefügt. Veranstaltet wurde der Abend, der womöglich den Auftakt einer Reihe bilden soll, durch ein gleichnamiges „Literaturnetzwerk“. Es verbindet vor allem jene literarischen Akteure Dresdens, die sich von der Clique absetzen wollen, die sich am rechten Elbhang in den vergangenen Jahren um das Kulturhaus Loschwitz und Uwe Tellkamp geschart hat. Der Meinungskorridor im Societaetstheater stand jedoch allen Besuchern offen. Der Saal füllte sich auch gut, wenngleich eher mit Vertretern der Dresdner Kulturszene als mit Durchschnittsbürgern.

Die Wut in Ostdeutschland

Ein Duell vom Kaliber Tellkamp versus Grünbein konnte der „Wortwechsel“ nicht bieten. Aber der Moderator Torsten König, Romanist an der Technischen Universität, versicherte ohnehin gleich zu Beginn, Zweck des Abends sei kein „Bühnenschaukampf“, sondern ein Gespräch zum Verhältnis von Literatur und Politik. Die beiden Gäste, die renommierte Reporterin Jana Simon von der Wochenzeitung Die Zeit und der Kulturjournalist Simon Strauß von der FAZ, rechtfertigten ihre Einladung durch kluge, bisweilen auch heitere Wortbeiträge. Die Veranstalter hätten ihnen den Gefallen tun sollen, nicht durch die Zusammenstellung den Eindruck zu erwecken, es sei vor allem darum gegangen, die Enkelin Christa Wolfs und den Sohn von Botho Strauß auf die Bühne zu bekommen.

Zu der schon mehr als einmal diskutierten Frage, ob Literatur politisch sein könne, solle oder müsse, war – wenig überraschend – nichts wirklich Neues zu hören. Beide Gäste stellten eine Rückkehr des politisch engagierten Schriftstellers fest. Beide äußersten zugleich aber auch, die Zeit, in der Großschriftsteller als moralische Instanzen amtierten, sei wohl abgelaufen. Er jedenfalls, so Strauß, warte nicht auf einen „neuen Grass“ und halte auch Dichter für anmaßend, die als bessere Politiker aufträten. Jana Simon erinnerte sich, ihre Großmutter habe in ihren letzten Jahren geradezu daran gelitten, nicht mehr das frühere Gehör zu finden.

Mitreißend wurde das Gespräch, sobald es um die Frage ging, ob der politische Furor unserer Tage die Freiheit des Schriftstellers tatsächlich einschränkt. Simon Strauß wusste dazu einiges zu berichten, war er doch selbst nach dem Erscheinen seines Erstlings „Sieben Nächte“ verdächtigt worden, ein literarischer Parteigänger der „Neuen Rechten“ zu sein. Als Indizien galten: einiges kulturpessimistische Geraune in seinem Buch, ein Treffen mit dem völkischen Aktivisten Götz Kubitschek, die große Bedeutung seines Vaters als Ideengeber für die intellektuelle Rechte. Simon Strauß hatte keine Mühe, diese „politisierte Kritik“ an seinem Buch zurückzuweisen, beharrte auf der Freiheit der Literatur, sich politischer Eindeutigkeit zu entziehen. Dabei warf Strauß sich jedoch nicht wehleidig in die Opferpose. Es sei ganz in Ordnung, wenn Schriftsteller auch „ab und zu eins auf den Deckel bekommen“. Von Übel sei nicht der Streit, sondern die Ausgrenzung von Unbequemen aus dem Diskurs, vorangetrieben durch ein überempfindliches Kulturmilieu, in dem die Angst vor einer „Kontaktinfektion“ mit unbotmäßigen Meinungen umgehe.

Jana Simon argumentierte durchaus ähnlich. Für ihre Reportagen gehe sie zunächst einmal offen und unvoreingenommen auf jeden Menschen zu, auch auf Menschen in Wut, wie man sie besonders in Ostdeutschland so häufig treffe. Einzig Gewalt sei nicht hinnehmbar. Allerdings bedeute Gesprächsbereitschaft nicht immer auch Verständigung. Im Dialog etwa mit dem von ihr porträtierten AfD-Chef Alexander Gauland sei es bei unüberwindlichen Gegensätzen geblieben. Nicht ein eingebildeter „Gesinnungskorridor“ behindere die öffentliche Auseinandersetzung, sondern eine extreme „Polarisierung“, die nur noch Freund und Feind kenne. In diesem Punkt stimmte wiederum Strauß zu und plädierte sogar – seinem Image als Provokateur so gar nicht entsprechend – für die Literatur als Medium zur „Vermittlung“ zwischen verschieden Denkenden.

Wo blieb denn bloß die Antifa?

Der „Wortwechsel“ selbst wurde diesem Aufruf zur produktiven Auseinandersetzung am ersten Abend noch nicht voll gerecht. Die Zuhörer blieben von der Diskussion ausgeschlossen, ein anschließender Gesprächssalon in der Villa Augustin blieb geladenen Gästen vorbehalten. Auf der Bühne wurde verständnisvoll genickt und gelächelt, gestritten aber nicht. Auch Moderator Torsten König konnte mit seinen wenig pointierten Fragen („Was lehrt uns politische Tiere die Literatur?“) die beiden Gäste nicht aus der Reserve locken.

So ruhig und harmonisch verlief der Abend, man wünschte sich irgendwann fast, von der Decke würde sich eine Gruppe rechtsextremer Identitärer abseilen und durch die Tür die Antifa brechen.

Selbst Menschen, die Saalschlachten abgeneigt sind, dürften sich gefragt haben: Zivilisierte Debatte, schön und gut – aber muss es dabei wirklich gleich so kreuzbrav zugehen?

Osterüberraschung