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Diabetiker mit 14 Jahren

Durst und unendliche Müdigkeit: Vor einem Jahr kommt Daniel aus Dresden mit Typ-1-Diabetes auf die Intensivstation. Wie krank er bereits ist, erkennt zuerst sein Hund.

Daniel Hammerschmidt ist mit nur 14 Jahren an Diabetes erkrankt. Mutter Ana hat viele schlaflose Nächte hinter sich.
Daniel Hammerschmidt ist mit nur 14 Jahren an Diabetes erkrankt. Mutter Ana hat viele schlaflose Nächte hinter sich. © Sven Ellger

Dresden. Der Corona-Blues macht auch vor Teenagern nicht halt. In die Schule darf Daniel nicht gehen. Freunde zu treffen, ist ihm ebenfalls verboten – Kontaktbeschränkungen. Stattdessen schläft der 14-Jährige lange, ist oft müde, manchmal gereizt. In normalen Zeiten wären das vielleicht Alarm-Zeichen gewesen. Doch in einer Pandemie?

Mit dem Lockdown-Frühjahr 2020 gehen die Menschen eben auf sehr unterschiedliche Weise um. Dass Blues nicht hinter Daniels Verhalten steckt, wird erst später klar. Auf der Intensivstation des Neustädter Krankenhauses kämpfen die Ärzte im Sommer um sein Leben.

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Daniel ist an Diabetes erkrankt. Nicht weil er zu viele Schokoriegel gegessen hätte. Beim Typ 1 der Zuckerkrankheit geben die Zellen in der Bauchspeicheldrüse auf, Insulin zu produzieren. Das Hormon verteilt den verzehrten Zucker normalerweise geschickt im Körper, wo er in Energie umgewandelt wird. Energie, die jeder Mensch braucht, nur um einen Fuß vor den anderen zu setzen. Daniel bekommt mangels Insulins aber kaum noch Energie. Der Zucker, den er mit Nahrungsmitteln wie Schwarzbrot zu sich nimmt, sammelt sich stattdessen im Körper an.

Daniel hätte die Erkrankung nicht verhindern können

Schuld ist er daran nicht. Seine Bauchspeicheldrüsen-Zellen sind vom eigenen Immunsystem angegriffen und geschädigt worden. Warum das passiert, ist wissenschaftlich nicht ganz klar. Eine Virusinfektion könnte den Prozess auslösen, bei dem der Körper sich selbst angreift. Diskutiert wird auch eine genetische Veranlagung.

Die hohe Zuckerkonzentration in Daniels Blut ist es, die ihn im vergangenen Frühjahr so müde werden lässt. „Ich bin kaum wach geworden“, erzählt er. „Nach dem Aufstehen hatte ich keine Motivation – zu nichts.“ Dazu kommt der Durst. Vier bis fünf Liter Wasser habe er am Tag getrunken. Eine Menge, die ihn wiederum ständig auf die Toilette zwingt.

Der Familienhund ist es, der die Familie schließlich alarmiert. Als Daniel schläft und wieder einmal nicht wach wird, springt er aufs Bett, um den Jungen zu wecken. Tatsächlich sind Hunde in der Lage, die gefährliche Hormonveränderung bei Typ 1-Diabetikern zu riechen. Aufgeregt rennt er schließlich zur Mutter ins Wohnzimmer-Homeoffice. „Er hat mich regelrecht aufgefordert, mitzukommen“, sagt Ana Hammerschmidt. Sie ruft beim Kinderarzt an. Dieser stellt fest: Daniels Blutzucker ist sechsmal so hoch wie bei einem gesunden Menschen. Noch am selben Tag kommt der Teenager ins Neustädter Krankenhaus. Seine Situation ist lebensbedrohlich.

"Ich hatte überall Geräte an mir"

Durch den gestörten Zuckerhaushalt gerate das Flüssigkeitsgleichgewicht völlig aus den Fugen, erklärt Kinderärztin Maria Philipp vom Städtischen Klinikum in Trachau die gefährliche Lage. Die Patienten trockneten regelrecht aus. Manche kämen bereits wesensverändert in die Klinik, andere komatös.

Es gebe Kinder, die Diabetes Typ 1 erst im Rahmen der Pubertät zeigten, andere erkrankten schon mit zwei oder drei Jahren. Daniel verbringt einige Tage auf der Intensivstation. „Ich hatte überall Geräte an mir, ich konnte mich kaum bewegen“, erinnert er sich.

Danach bleibt er vier Wochen im Krankenhaus. Allerlei Tests finden statt, um herauszufinden, wie schnell sein Blutzuckerspiegel bei Bewegung sinkt und wie stark er nach dem Essen steigt. Das Ziel: Daniel soll seinem Körper per Spritze Insulin zuführen. Nur so viel, dass der Blutzucker Normalwerte erreicht und nicht zu tief sinkt. Denn auch das wäre lebensgefährlich. Das richtige Maß zu finden, ist eine Kunst und Wissenschaft, die der Junge zunächst in sicherer Umgebung und unter Anleitung der Ärzte lernt.

Panische Angst vor einer Unterzuckerung

Der Herbst und der Winter sind von einem neuen Leben geprägt – und von Rückschlägen. „Zu Hause ist alles umgekrempelt worden“, sagt Ana Hammerschmidt. „Zucker wurde aus dem Haushalt entfernt und durch Zuckerersatz getauscht.“ Daniel muss nun auch regelmäßig essen, damit das gespritzte Insulin nie zu wenig und nie zu viel für den Körper ist. Drei nicht allzu üppige Hauptmahlzeiten und drei Zwischenmahlzeiten sind nun Pflicht. „Ich hatte wieder mehr Motivation, was zu machen, mich zu bewegen.“

Trotz alledem: An manchen Tagen rutscht der Schüler in die Unterzuckerung, manchmal schießt der Zuckerspiegel in ungeahnte Höhen. Oft deutet sich das schon vorher an. „Kommt die Unterzuckerung, werde ich nervös und bekomme die Panik meines Lebens, ohnmächtig zu werden.“ Das Gesicht wird fahl, die Hände feucht, der Körper beginnt zu zittern. „Dann esse ich aus Angst schnell viel Süßes, sodass ich danach überzuckert bin. Dadurch habe ich auch zugenommen.“

Die Überzuckerung mache sich ganz anders bemerkbar. „Dann werde ich launisch“, sagt Daniel. Die Mutter kennt weitere Anzeichen: „Er wird erst hyperaktiv, läuft auf und ab, und will reden, reden, reden. Dann wird er müde und legt sich hin.“

Viele Wochen konnte Ana Hammerschmidt kaum schlafen. Die Angst: Ihr Sohn fällt ins Koma, während die Familie träumt. „Immer wieder bin ich nachts heimlich hingegangen und habe seine Messwerte überprüft.“

Mutter macht sich Vorwürfe

Der Alltag stellt darüber hinaus seine eigenen Hürden für Diabetiker auf. „Wir haben im Sommer draußen Eis gegessen. Mein Sohn fragte, wie viel Insulin er spritzen solle. Ich hatte keine Ahnung, wie viel Zucker in dieser Kugel Eis war. Also haben wir erstmal wenig gespritzt, eine Stunde später den Blutzuckerspiegel gemessen und nachgespritzt. Außerhalb zu essen, ist äußerst schwierig.“

Von Machtkämpfen spricht Ana Hammerschmidt, wenn es um Daniels Schule geht. „Seine Mitschüler haben für den Fall der Unterzuckerung immer Gummibärchen dabei. Die sind ausgerüstet.“ Die Lehrer für die Krankheit und einen möglichen Notfall zu sensibilisieren, sei dagegen schwer. Es fange damit an, dass Daniel im Unterricht trinken darf, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Außerdem weigere sich die Schule, ein Notfallmedikament im Kühlschrank zu lagern. „Darüber bin ich enttäuscht. Ich denke mir früh immer: Was passiert jetzt, wenn…“

Nicht, dass sich die Mutter nicht schon selbst Vorwürfe gemacht hätte, weil sie den Diabetes ihres Sohnes zuerst nicht erkannt hat. „Der Lockdown, die Unzufriedenheit: Ich dachte mir, es sei normal, dass er müde wäre. Dazu kam die Sommerhitze, die den Durst erklärte. Ich habe es einfach nicht wahrgenommen.“

Welche Schuld trifft das Coronavirus?

Daniel ist nicht das einzige Kind, das seit Ausbruch der Corona-Pandemie einen Diabetes Typ 1 entwickelt hat. „Die Zunahme ist extrem“, sagt Cornelia Ammer, Oberärztin der Kinder- und Jugendmedizin in Neustadt und Kinderdiabetologin. Bereits 2020 habe es einen deutlichen Anstieg gegeben, der sich in diesem Jahr fortsetze. „Schon jetzt sind es so viele Fälle wie sonst in einem ganzen Jahr“, sagt die Medizinerin.

Ob es einen ursächlichen Zusammenhang zu einer möglicherweise gar nicht erkannten Corona-Infektion gibt, wisse Ammer nicht. Für fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse sei das Phänomen noch zu jung. Allerdings stünden Virusinfektionen nun einmal im Verdacht, diese Autoimmunerkrankung auszulösen. Und eine andere Erklärung habe man bisher nicht.

Normalerweise erkrankten pro 100.000 Kinder und Jugendliche jährlich zwischen 15 und 23 an Diabetes Typ 1. Laut wissenschaftlichem Institut der AOK sind in Dresden sowie den Landkreisen Meißen und Sächsische Schweiz-Osterzgebirge 0,3 Prozent aller Einwohner betroffen – absolut sind das in unserer Region etwa 2.950 Erkrankte unterschiedlichen Alters. Grundlage bilden die Abrechnungsdaten der AOK-Versicherten.

Ein normales Leben kann Daniel mit seiner Krankheit noch nicht führen. Er befindet sich gerade wieder im Krankenhaus, wird abermals neu eingestellt, um Unter- und Überzuckerungen zu Hause zu verhindern. Bei manchen Patienten dauere dieser Prozess ein, zwei Jahre, sagt Maria Philipp, die für die Kinder-Adipositasambulanz in Trachau verantwortlich ist.

Dazu komme Daniels Übergewicht als eine mögliche Folge seiner Erkrankung. Er hat in den vergangenen zehn Monaten über 20 Kilogramm zugenommen und wiegt nun 100 Kilo. Die Pandemie erleichtere es nicht gerade, sich so viel zu bewegen, dass Kilos verlorengehen. So fehlt durch den Wechselunterricht der regelmäßige Weg zur Schule. „Die Motivation, rauszugehen, ist außerdem gleich null“, sagt die Mutter. „Allein deshalb, weil er Angst hat, Corona zu kriegen.“

Die Sorge vor der nächsten Zuckerkrankheit

Dass er nicht weiter zunimmt, sei aber wichtig, so die Kinderärztin. Es müsse alles getan werden, nun auch noch ein Diabetes des Typs 2 zu verhindern. Deshalb wird Daniel im Herbst im Adipositaszentrum des Städtischen Klinikums behandelt. Ernährungsverhalten- und Bewegungstherapie stehen dort über mehrere Wochen auf dem Programm. Dort wird er auch die Möglichkeit haben, sich mit anderen übergewichtigen Kindern und Jugendlichen auszutauschen. Das Programm dauert etwa ein Jahr.

„Ich möchte höchstens 75 Kilogramm wiegen“, sagt Daniel. Wobei das vordergründige Ziel sei, das Gewicht zu stabilisieren, schränkt die Kinderärztin ein. Nicht nur der Diabetes sei eine chronische Erkrankung, sondern auch die Adipositas. Trotz geplanter Umstrukturierung des Städtischen Klinikums werden die an der Industriestraße ansässigen Kliniken noch die nächsten zehn, zwölf Jahre dortbleiben, darunter die Kinder- und Jugendmedizin.

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Die Hammerschmidts haben den Diabetes ihres Kindes mittlerweile akzeptiert, sagen sie. „Ein Prozess, der mehr als ein halbes Jahr gedauert hat und auch durch moralische Tiefen gekennzeichnet war“, so die Mutter. Warum ausgerechnet er Diabetes habe, fragte ihr Sohn. Eine Frage, die sie nicht beantworten konnte. Nach außen hin zeigt sich Daniel stark. „Ich habe die Krankheit zur Kenntnis genommen, sie ist behandelbar und kein Weltuntergang.“ Wenngleich sie unheilbar bleibt und den Teenager sein Leben lang begleiten wird.

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