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Die Wein-Kolumne: Wildes Techtelmechtel

Beim Wein ist es zuweilen wie im richtigen Leben: Wenn sich zwei zusammentun, entsteht etwas Neues. Und nicht immer ist das Ergebnis so wie erhofft.

Silvio Nitzsche ist Sommelier und betreibt in Dresden die WeinKulturBar.
Silvio Nitzsche ist Sommelier und betreibt in Dresden die WeinKulturBar. © Thomas Kretschel

Von Silvio Nitzsche

Scheurebe ist eine, Dornfelder ist eine, der Zweigelt ebenso und, na logisch, auch Deutschlands verbreiteteste Rebsorte, der Müller-Thurgau. Sie alle sind eine Kreuzung aus zweierlei Rebsorten. Zwei starke Eltern werden „gebraucht“, um die Vorteile beider in einem neuen Kind zu implantieren und eine komplett neue Rebsorte zu erschaffen. Und manchmal sind sie noch bekannter als ihre Eltern. Kreuzung ist die Bezeichnung für eine geschlechtliche Vermehrung mit der Elternschaft von zwei oder mehr verschiedenen Rebsorten.

Warum? Weil man zum Beispiel versucht, die Vorteile zweier Rebsorten in einer neuen Interpretation zu vereinen oder eine prominente Rebsorte zu verbessern. So wie Georg Scheue vor über hundert Jahren versuchte, den Silvaner noch besser und stärker zu gestalten. Entstanden ist dabei auf vielen Umwegen die Scheurebe. Hermann Müller aus dem Schweizer Kanton Thurgau meinte, er müsse den Riesling ein wenig harmonischer gestalten und erschuf in Geisenheim den Müller-Thurgau.

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Meist gehen die wissenschaftlich agierenden Botaniker sehr zielgerichtet vor. So wie im richtigen Leben wünschen sie sich, dass die Rebe die Schönheit der Mutter und die Intelligenz des Vaters erhält – oder umgekehrt. In den Wirren der Natur entstehen in oft dreistelligen Versuchen Exemplare, die dann aussehen wie der Vater – na ja, und nicht ganz so schlau sind. Oder umgekehrt.

Die eine Sorte fungiert dabei als Mutterpflanze, an der die Beeren mit den befruchteten Samen ausreifen. Die andere Sorte liefert als Vatersorte den Pollen zur Bestäubung der Narben und Befruchtung der mütterlichen Samenanlagen. Eine neue Rebsorte wird in der Regel durch Fremdbefruchtung mit Pollen einer anderen Rebsorte kreiert. Dabei wird eine weibliche Blütenknospe der Sorte A mit den männlichen Pollen der Sorte B bestäubt. Wer nicht mehr so genau weiß oder genauer wissen möchte, wie das geht, kann auf den nächsten Frühling warten oder sich das Biologiebuch eines Fünftklässlers zurate ziehen.

Schwarze Johannisbeere, Grapefruit, Pfirsich, Mango, Passionsfrucht: Die Scheurebe verführt mit einer Fülle an Aromen. Die verdankt sie auch einem wilden Techtelmechtel, wie man heute weiß.
Schwarze Johannisbeere, Grapefruit, Pfirsich, Mango, Passionsfrucht: Die Scheurebe verführt mit einer Fülle an Aromen. Die verdankt sie auch einem wilden Techtelmechtel, wie man heute weiß. © Deutsches Weininstitut

Gefühlte zweitausend Jahre war dieser Vorgang sehr stark dem Zufall überlassen. Zuletzt kamen die wildesten Sachen dabei heraus, die aber nach wie vor Bestand haben. Hätten Sie gewusst, dass der Cabernet Sauvignon vom Cabernet Franc und Sauvignon Blanc abstammt? Klar, wenn man die Namen sieht, ist es logisch. Wild gekreuzt. Der Grüne Veltliner hat sein Fundament im Traminer, der Tempranillo wurde von Mutter Natur nachträglich erschaffen und nennt Albillo Major und den Benedicto seine Eltern. Oder auch der Riesling findet seine Elternschaft wahrscheinlich im Traminer und der Gouais Blanc. Allerdings weiß man das noch nicht genau. Es wollte noch niemand wirklich die Vaterschaft anerkennen. Das waren wilde Zeiten.

Aber auch in der gezielten Kreuzung läuft, wie im richtigen Leben, nicht immer alles so wie gewollt. Warum ist der Silvaner nicht mit dem vorbestimmten Riesling in die Kiste gehüpft, sondern hatte eine Affäre mit der Buketttraube? Ergebnis des wilden Techtelmechtels ist der Sämling 88, uns besser bekannt als Scheurebe. Offensichtlich war der unadlige Nachkomme wirklich allen Protagonisten, also dem Silvaner, dem Riesling, der Buketttraube und dem guten Georg Scheu, so unangenehm, dass sie die gesamte Weinwelt im Glauben gelassen haben, Silvaner und Riesling seien die Eltern.

Natürlich hat sich jeder gewundert, dass die Weine der Scheurebe so duftig sind. Bis die DNA-Analytik Mitte der 90er-Jahre aufkam. Inzwischen ist es zum weltweiten Standard geworden, die Abstammung von Rebsorten durch DNA-Analysen zu bestimmen. Dabei ist es auch möglich, die Kreuzungsrichtung und die Eltern festzustellen. Bei der Angabe der Kreuzungseltern wird in den Zuchtlisten die Muttersorte immer an erster Stelle genannt. Das verantwortete genauso Gregor Mendel unter anderem in seiner Vererbungslehre. Die aus befruchteten Samenanlagen resultierenden Abkömmlinge würden je zur Hälfte die zufällig neu kombinierten Eigenschaften beider Elternteile aufweisen. Tja, eben fast wie im richtigen Leben.

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