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Kreis Meißen: Ärzte zögern bei elektronischer Patientenakte

Eigentlich wäre das zentrale Speichern medizinischer Daten für Patienten, Ärzte, Kliniken von Vorteil. Doch es geht kaum voran. Die Kassen machen jetzt Druck.

Die eigenen Patientendaten einfach übers Handy verwalten: Das soll die elektronische Patientenakte ermöglichen. Doch die Kassen im Kreis Meißen haben bei der Einführung mit viel Widerstand zu kämpfen.
Die eigenen Patientendaten einfach übers Handy verwalten: Das soll die elektronische Patientenakte ermöglichen. Doch die Kassen im Kreis Meißen haben bei der Einführung mit viel Widerstand zu kämpfen. © dpa-tmn

Meißen. Barmer-Mitarbeiter Michael Golbs ist eine Art Versuchskaninchen in der Meißner Geschäftsstelle der Gesundheitskasse. Aber er spielt seine Rolle gern und mit Einsatz. Sein wichtigstes Experimentiergerät: das Smartphone. Auf diesem leistet er Pionierarbeit. Golbs hat sie nämlich schon – die eCare-App der Gesundheitskasse Barmer. Ähnliche Software bieten alle großen Kassen wie AOK, Techniker Kasse oder DAK an.

Flink auf dem Handy die PIN eingegeben, schon erscheint eine übersichtlich gestaltete und in den Farben grün-weiß gehaltene Oberfläche, die sich letztlich nicht von ähnlichen Angeboten der Banken oder Versicherungen unterscheidet: Sie alle haben eine gemeinsame Funktion: Der Kunde kann über die Portale auf seine Daten und Verträge zugreifen. Er kann Geld überweisen, eine Auslandskrankenversicherung abschließen oder eben über die elektronische Patientenakte und weitere Gesundheitsdaten verfügen. Die Möglichkeiten hierbei reichen vom Mediplaner für die Einnahme der Medikamente über das Hochladen von Impfausweis oder Brillenpass bis hin zu Gesundheitsnachrichten.

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Speziell die Arbeit mit der elektronischen Patientenakte ist seit Anfang dieses Jahres möglich. Das Problem: Kaum jemand weiß etwas davon. Dabei liegen die Vorteile auf der Hand. Vom Röntgenbild über den Arztbrief bis hin zu dem Entlassungsschreiben nach einer Operation ließen sich alle Daten über die App auf einen zentralen Server laden oder auf dem Chip der jeweiligen Gesundheitskarte speichern, erläutert der Regionalgeschäftsführer der Barmer in Meißen Frank Dutschke.

Auf diese Weise könnte die Weitergabe der Patientendaten von Arzt zu Arzt wesentlich direkter und einfacher laufen. Auch Apotheker oder andere Gesundheitsdienstleister würden profitieren. Oft auftretenden Lücken in der Informationskette wären so geschlossen. Am Ende sollten sich für die Kassen die Kosten reduzieren und die Patienten besser behandelt werden. Die Einsparungen könnten sich vielleicht sogar auf Beiträge auswirken.

Patient behält immer die Kontrolle über seine Daten

Was in der Theorie verlockend klingt, gestaltet sich in der Praxis schwierig. Seit Anfang Juli sind alle Arztpraxen in Deutschland eingeladen, sich in das System rund um die elektronische Patientenakte zu integrieren. Vorreiter Michael Golbs sollte jetzt mithin eigentlich die Möglichkeit haben, dem Arzt oder den Ärzten seiner Wahl Zugriff auf bestimmte Teile seiner elektronischen Patientenakte zu gewähren; so er dies für vorteilhaft hält. Das geschieht immer zeitlich begrenzt, muss nochmals durch die PIN bestätigt werden und lässt sich jederzeit rückgängig machen. An den Datenschutz wurden allerhöchste Ansprüche gestellt.

Tatsächlich jedoch sind die meisten der Meißner Ärzte, welche Golbs in der entsprechenden Liste seiner App findet, nur Karteileichen. "Wenn ich dann anrufe, heißt es oft, die Software fehle, das Personal müsse geschult werden oder das Thema ist gänzlich unbekannt", sagt der Barmer-Mitarbeiter. Ihn ärgert das, da er als Berater für diesen Bereich seinen Kunden nicht wirklich einen Mehrwert bieten kann.

Vonseiten der niedergelassenen Ärzte gibt es unterdessen Kritik an der Art und Weise des Einführungsprozesses der elektronischen Patientenakte. Die Hardware sei zwar bereits angeschafft, sagt der Geschäftsführer der Elblandpolikliniken Ralph Schibbe. Der Praxissoftware-Anbieter könne jedoch das notwendige Update für die Systeme der Praxen des Unternehmens nicht liefern. Gleichzeitig sei die Einführung ungenügend kommuniziert worden. Seit 2004 gebe es die Chipkarte bereits. Sehr langsam wurde seitdem eine Anwendungsmöglichkeit nach der anderen hinzugefügt. Nun solle alles plötzlich ganz schnell gehen.

In Großenhain wiederum befürchtet Hausärztin Ulrike Philipp Kinderkrankheiten beim Anlaufen der elektronischen Patientenakte. Zudem seien die technischen Voraussetzungen nicht gegeben. Das Führen der E-Akte ist in ihren Augen aufwendig, uferlos teuer und bedeute eine doppelte Buchführung. Ein solcher Einsatz müsse ordentlich honoriert werden. Bestimmte Komponenten, wie den Stammdatenabgleich nutze sie allerdings schon.

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Frank Dutschke und sein Kollege Michael Golbs kennen diese Vorurteile. "Die Kassenärztliche Vereinigung, wir Kassen und alle Beteiligten müssen jetzt zusammen an einem Strang ziehen, damit die elektronische Patientenakte ein Erfolg wird", sagt er. Er hoffe, dass bis spätestens Ende des Jahres alle ambulanten Partnerärzte in der Region an das System angeschlossen sind.

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