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Schöner Leben retten

Wie arbeitet es sich in Freitals neuer Rotkreuzwache? Eine Stippvisite als Blaulichtpraktikant.

Zwei für alle Fälle: Die Rettungsassistenten Gina Wustmann und Robert Rudolph warten vor ihrem Einsatzfahrzeug in Freital auf den nächsten Alarm. In der brandneuen Hauptwache macht die Arbeit noch mehr Spaß.
Zwei für alle Fälle: Die Rettungsassistenten Gina Wustmann und Robert Rudolph warten vor ihrem Einsatzfahrzeug in Freital auf den nächsten Alarm. In der brandneuen Hauptwache macht die Arbeit noch mehr Spaß. © Egbert Kamprath

Ist die Kleiderkammer ein Zauberschrank? Als Normalo geht man rein, als Lebensretter kommt man raus. Die orangefarbene Jacke mit dem roten Kreuz drauf passt tadellos. Und doch ist sie mir unbequem. Ein Schmuck aus fremden Federn. Jetzt reicht mir der Chef den Pieper, ein Kästchen im schwarzen Futteral. "Gleich einstecken", sagt er. Wenn das Kästchen losbrummt, habe ich sechzig Sekunden bis zum Rettungswagen.

Rettungseinsätze nehmen weiter zu

Freital hat eine neue Rettungswache. Anfang des Jahres sind die Sanitäter in den flachen Kubus an der Hauptverkehrsader eingezogen. Hier schlägt das Herz der Notfallrettung in der Freitaler Region. Der Puls geht immer schneller. 2019 fielen beim Rettungsdienst Freital beinahe 13.000 Einsätze an. Binnen fünf Jahren haben die Alarme um zehn Prozent zugenommen, die Kreisstadt allein betrachtet, waren es sogar über zwanzig.

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Die neue Hauptwache des DRK-Rettungsdienstes in Freital. Der fünf Millionen Euro teure Bau ist seit Ende Januar in Betrieb.
Die neue Hauptwache des DRK-Rettungsdienstes in Freital. Der fünf Millionen Euro teure Bau ist seit Ende Januar in Betrieb. © Egbert Kamprath

Wie schön rettet es sich im neuen Quartier? Das herauszufinden bin ich "Blaulichtpraktikant" bei Wachenleiter Jan Göbel. Der Chef wirkt noch immer euphorisch. Schluss mit der quetschenden Enge, Schluss mit dem halben Dutzend Umkleidezonen, Schluss mit den Duschen übern Gang, Schluss mit dem Parken von Einsatzfahrzeugen im Freien. "Wir haben jetzt Verhältnisse, die ihresgleichen suchen."

Die Lebensretter sind vergleichsweise jung

Aus dem Fester kann man rüber zur alten Wache aus den 1990ern gucken. Damals gab es nur einen Rettungswagen, der rund um die Uhr besetzt war. Heute sind es drei. Die neue Fahrzeughalle ist doppelt so groß wie die alte. Dazu kommen etwa tausend Quadratmeter Aufenthalts- und Schulungsräume - weit mehr als das Doppelte von einst. Man kommt viel lieber auf Arbeit, sagt Jan Göbel, wenn man nicht den ganzen Tag aufeinanderhocken muss. "Das Arbeitsklima hat sich gewaltig geändert."

Der Praktikant wird eingekleidet: Rettungswachenleiter Jan Göbel verpasst Reporter Jörg Stock die orange Einsatzkluft der Sanitäter.
Der Praktikant wird eingekleidet: Rettungswachenleiter Jan Göbel verpasst Reporter Jörg Stock die orange Einsatzkluft der Sanitäter. © Egbert Kamprath

Meine Praktikumsbetreuer treffe ich in der Halle: die Rettungsassistenten Gina Wustmann und Robert Rudolph. Gina, 27, ist seit sechs Jahren dabei, Robert, 39, sogar seit achtzehn. Zusammen stehen die beiden ziemlich genau für den aktuellen Altersschnitt im Freitaler Rettungsdienst, der bei 34,8 liegt. Um sechs hat die Schicht begonnen. Jetzt ist es halb zehn. Alarm gabs noch keinen. Aber zu tun: Lager aufräumen, Garage fegen. Sitzt man wie auf Kohlen? Eher nicht, sagt Robert. Man ist hier, macht seine Arbeit. "Und wenn was dazwischen kommt, kommt eben was dazwischen."

Fahrt zur blutigen Nase wird gestoppt

Es rappelt am Gürtel. Der Sound des Ernstfalls: Verdacht auf Nasenbeinbruch in der Badehalle vom Hains. Das Duo hat schon die Blaulichter an, da kommt der Reset. Ein anderer Rettungswagen war zufällig in der Nähe. Keine Aufregung, die umsonst gewesen wäre. Das Herz schlägt allenfalls die ersten Wochen schneller, wenn ein Alarm kommt, sagt Robert. "Bei uns ist das nicht mehr der Fall." Zumal es längst nicht bei jedem Einsatz ums Ganze geht. Von zehn Alarmen, schätzt er, ist vielleicht einer dabei, der einen fordert.

Vor jedem Dienstantritt wird der Rettungswagen durchgecheckt. Hier prüft Rettungsassistent Robert Rudolph das tragbare EKG-Gerät auf Einsatzbereitschaft.
Vor jedem Dienstantritt wird der Rettungswagen durchgecheckt. Hier prüft Rettungsassistent Robert Rudolph das tragbare EKG-Gerät auf Einsatzbereitschaft. © Egbert Kamprath

Einsätze wünscht man sich als Notfallretter trotzdem. Als Erster am Patienten zu sein, die Weichen zu stellen für seine Behandlung, das macht für Robert Rudolph den Reiz des Jobs aus. Man denkt es ist Routine, und dann geht es plötzlich um Leben und Tod. "Du musst jederzeit in der Lage sein, umzuschalten und hundert Prozent zu geben."

Vorsicht vor panischen Autofahrern

An der Hüfte brummt es wieder. Einsatzalarm! Jetzt aber wirklich! Rein in die Stiefel, Ladekabel ab und los. Gina sitzt am Steuer, treibt den Rettungswagen, 190 PS, zulässiges Gesamtgewicht 3,8 Tonnen, mit neunzig durch den Verkehr. Ein Ritt auf der Rasierklinge. Man muss extrem aufmerksam sein, sagt sie, ständig mit Panikreaktionen der anderen rechnen, auch mal mit einer Vollbremsung. "Einfach rechts blinken und zügig anhalten, damit wäre uns am meisten geholfen."

In der neuen Küche: Die Notfallretter bekochen sich jeden Tag selbst. Hier schnippelt Azubi Lina Döring die Tomaten für den Salat.
In der neuen Küche: Die Notfallretter bekochen sich jeden Tag selbst. Hier schnippelt Azubi Lina Döring die Tomaten für den Salat. © Egbert Kamprath

Der Einsatzort ist ein Kindergarten. Eine Erzieherin sitzt mit stechendem Bauchschmerz neben dem Buddelkasten. Es reißt, zieht und beißt. Die Sanitäter tasten, messen Fieber, Blutdruck, fragen nach Vorerkrankungen. Woher der Schmerz kommt, ist unklar. Vielleicht ein Darmproblem. Oder ein geklemmter Nerv? Das müssen die Ärzte herausfinden. Die Frau kommt auf die Liege. Neuer Kurs: Helios-Klinikum. Das Blaulicht kann aus bleiben.

Täglich Betrieb in der neuen Küche

Übergabe, Protokoll, desinfizieren, Rückmarsch - schon ist Mittag. In der Wache wurde bereits der Salat geschnippelt. Hähnchen und Shrimps brutzeln auf dem Induktionsherd. Ich darf den Hirtenkäse würfeln. Die Sanitäter kochen jeden Tag. Einer kauft ein, alle zahlen, alle essen. Und alle passen jetzt an einen Tisch, sagt Gina. Das Miteinander auf der Wache mag sie sehr. "Das ist wie eine große Familie."

Raum für Rückzug: Die Lounge neben dem Küchen- und Esszimmer bietet Gelegenheit für vertrautere Gespräche oder zum Filmgucken bei langen Nachtschichten.
Raum für Rückzug: Die Lounge neben dem Küchen- und Esszimmer bietet Gelegenheit für vertrautere Gespräche oder zum Filmgucken bei langen Nachtschichten. © Egbert Kamprath

Doch der Pieper dünnt die Familie aus. Kaum ist der Käse über den Salat gekrümelt, trifft es auch uns. Herr S. ist in seiner Wohnung hingefallen. Die Sanis kennen den Namen schon. Für gewöhnlich ist Alkohol im Spiel. So auch diesmal. Die Nachbarin zeigt drei Finger als Zeichen für die heute schon geleerten Bierpullen. Robert Rudolph leuchtet dem Patienten in die Augen. Pupillen normal. Der Kopf scheint auch heil, tut aber weh. Was wenn sich doch Hirnbluten einstellt? Der alte Herr muss ins Krankenhaus. Am Abend wird er wohl wieder daheim sein, so wie immer.

Rettungsdienst wird zum Transportunternehmen

Wieder kein echter Notfall. Und auch der nächste Alarm wird vor allem deshalb zustande kommen, weil der Hausarzt zu hat. Der Rettungsdienst ist oft ein Transportunternehmen. Oder einfach Adressat zum Reden. Robert und Gina helfen, egal, wer sie am Einsatzort erwartet. Blumensträuße kommen dafür zwar nicht an auf der Wache, sagt Robert. Aber er spürt, wenn die Leute dankbar sind. "Das ist die schönste Bezahlung, die es gibt."

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