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Wie gut sind Sachsens Geburtskliniken wirklich?

Kliniken müssen Daten wie Kaiserschnittrate und Babygesundheit dokumentieren. Klingt nach guter Qualitätskontrolle. Die Realität ist anders.

Pro Jahr kommen in Sachsen rund 34.000 Kinder zur Welt. Fast immer geht alles gut.
Pro Jahr kommen in Sachsen rund 34.000 Kinder zur Welt. Fast immer geht alles gut. © mysmasken/123RF

Eine Geburt ist ein besonderes Ereignis für jede Familie. Die werdenden Eltern wünschen sich deshalb die beste Betreuung. Und sie sind zu großen Anstrengungen bereit, um die richtige Klinik zu finden. Pro Jahr kommen in Sachsen rund 34.000 Kinder zur Welt. Fast immer geht alles gut. High-Tech-Medizin und Ärzte werden in diesen Fällen nicht gebraucht. Doch Eltern wollen Sicherheit: Falls es doch zu Komplikationen kommt und innerhalb von Minuten medizinische Entscheidungen getroffen werden müssen, wollen sie eine Klinik, die das gut kann – zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Die Informationen, die Eltern für diese Wahl zur Verfügung stehen, sind dünn. Zwar sind die Kliniken gesetzlich verpflichtet, Angaben zur medizinischen Behandlungsqualität online zu veröffentlichen. Doch die helfen Eltern kaum. Das hat eine mehrmonatige Analyse des Science Media Center Germany, einer unabhängig und gemeinwohlorientiert journalistisch arbeitenden Organisation, ergeben.

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Mangel 1: Geringer Umfang

Für termingerechte Geburten werden in den Qualitätsberichten nur vier Kriterien erfasst: die Kaiserschnittrate der Klinik, die Antibiotikabehandlung bei Kaiserschnittgeburten, die Zeitspanne bis zu einem Notfallkaiserschnitt und der Gesundheitszustand des Neugeborenen. „Diese Kriterien geben die Qualität der Geburtsklinik nur bruchstückhaft wieder“, sagt Professor Holger Stepan, Leiter der Abteilung für Geburtsmedizin am Uniklinikum Leipzig. Stepan gehört zum Gremium für Qualitätssicherung in der Landesärztekammer Sachsen und hat auch das Science Media Center bei seiner Analyse wissenschaftlich beraten. Qualität sei schwer zu messen, wie er sagt. Deshalb könnten nur solche Parameter herangezogen werden, die einfach zu ermitteln seien. Und das seien zunächst die vier.

Mangel 2: Kaum Aussagekraft

Die Qualität wird mit dem Prädikat „unauffällig“ bewertet, wenn sie in der gesetzlichen Norm liegt, also die Mindeststandards erfüllt. Das Urteil „auffällig“ zeigt, dass Mängel nachweisbar waren. Kliniken, bei denen Fehler in der Datenerfassung oder Dokumentation vorlagen, erhalten den Vermerk „keine eindeutige Bewertung möglich“.

Die bundesweite Analyse der Qualitätsberichte hat ergeben, dass kaum einer Klinik „auffällige“ Qualität bescheinigt wurde. 88,5 Prozent der Kliniken in Deutschland erfüllen die Mindestanforderungen. Nur bei sieben Prozent waren Qualitätsmängel festzustellen. „Das suggeriert, dass alle Geburtskliniken gleich gut sind. Doch es gibt selbstverständlich große Unterschiede, aber die werden damit nicht sichtbar“, sagt Dr. Patricia Van de Vondel, Chefärztin der Klinik für Geburtsmedizin am Krankenhaus Porz am Rhein, die ebenfalls bei der Analyse fachlich beraten hat. „Wir haben mit diesen drei Bewertungsstufen keine Möglichkeit, zwischen exzellenten, sehr guten, guten und mittelmäßigen Kliniken zu unterscheiden.“ Auch in Sachsen gelten 32 von 38 Geburtskliniken als „unauffällig“. Das sind 87,5 Prozent. Versorgungsforscher Professor Max Geraedts von der Universität Marburg sagt: „Qualitätskriterien, die keine Unterschiede abbilden können, sind zu überarbeiten.“

© SZ Grafik

Mangel 3: Wenig Verlässlichkeit

„Qualitätsdaten sind auch Planungsdaten. Es ist gesetzlich so geregelt, dass Kliniken, die in der Qualität oft auffallen, irgendwann aus dem Krankenhausplan genommen werden“, sagt Friedrich München, stellvertretender Geschäftsführer der Sächsischen Krankenhausgesellschaft. Für Dr. Björn Misselwitz, der die Landesstelle für Qualitätssicherung in Hessen leitet, ist das ein Motiv für Manipulationen. „Denn Ehrlichkeit von Kliniken wird damit bestraft.“ Ziel der Qualitätsdaten war es ursprünglich, eine offene Fehlerkultur und ein gemeinsames Suchen nach Lösungen zu ermöglichen. Doch wenn der Bestand der Klinik damit gefährdet ist, streben alle Kliniken danach, möglichst unauffällig zu bleiben.

Zudem komme es beim Ausfüllen der Formulare oft zu Fehlern. Das zeigte eine Analyse des Kompetenz-Centrums Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement der Daten von 2011 bis 2014. Für diese vier Jahre wurden in rund 9300 Fällen die Angaben der Kliniken in den Qualitätssicherungsbögen mit den entsprechenden Patientenakten abgeglichen. Rund ein Drittel der 775 untersuchten „unerwünschten Ereignisse“ wurden in den Formularen der Qualitätssicherung nicht angegeben, obwohl sie in den Patientenakten dokumentiert waren. Die Kliniken hätten sich also besser dargestellt, als sie waren, heißt es. Diese Möglichkeit sei gegeben, da sie die Daten ja selbst erheben.

Mangel 4: Die Daten sind alt

Wer derzeit auf den Klinikseiten nach Qualitätsdaten sucht, findet Bewertungen aus dem Jahr 2018. Normalerweise dauert es zwei Jahre, bis die Ergebnisse öffentlich abrufbar sind. Einen aktuellen Einblick erhält man somit in keinem Fall. Durch die Corona-Pandemie hat es zusätzliche Verzögerungen gegeben. Die Daten von 2019 sollen frühestens Mitte dieses Jahres verfügbar sein. Da in einem Zeitraum von drei Jahren Ärzte gewechselt oder Umbaumaßnahmen stattgefunden haben können, sei die Relevanz für die aktuelle Kliniksuche zweifelhaft. Das muss aber nicht immer so sein. Geburtsmediziner Stepan aus Leipzig sieht den Zeitversatz nicht generell kritisch: „Die Kaiserschnittrate zum Beispiel dauert Jahre, bis sie sich verändert. In drei Jahren kann sich zwar einiges ändern, aber nichts so Grundsätzliches.“

Die Analyseergebnisse:

Von den bundesweit 686 Geburtskliniken wiesen im Jahr 2018 48 Kliniken Mängel bei mindestens einem Indikator auf. Beim Qualitätskriterium „E-E-Zeit beim Notfallkaiserschnitt“ zum Beispiel geht es um den Zeitraum zwischen der Entscheidung, einen Notfallkaiserschnitt durchzuführen, und der Geburt des Kindes. Die Zeitspanne darf 20 Minuten nicht überschreiten. Bundesweit zwei Prozent der Kliniken konnten das nicht durchgängig einhalten.

Das Kriterium mit den meisten Mängeln war die „risikoadjustierte Kaiserschnittrate“. Sie zeigt das Verhältnis der tatsächlich erfolgten Kaiserschnitte zu den erwartbaren Kaiserschnitten an. Letzteres wird speziell für jede Klinik abhängig vom Risikoprofil der Schwangeren berechnet. Knapp vier Prozent der Kliniken waren hier bundesweit „auffällig“, mehr als drei Prozent wurden wegen Datenfehlern nicht bewertet.

Beim Qualitätskriterium „kritisches Outcome von Reifgeborenen“ geht es um den Gesundheitszustand des Neugeborenen. Dazu wird der pH-Wert des Nabelschnurblutes ermittelt. Daraus wird ersichtlich, ob das Kind einen Sauerstoffmangel unter der Geburt erlitten hat. Knapp zwei Prozent der Kliniken waren hier bundesweit „auffällig“.

Beim Kriterium „Antibiotikaprophylaxe bei Kaiserschnittentbindungen“ waren alle Kliniken in Deutschland „unauffällig“. Zur Vorbeugung von Infektionen sollen der Mutter kurz vor oder kurz nach einer Kaiserschnittgeburt Antibiotika gegeben werden.

Die Forderungen:

Fachärzte und Qualitätsbeauftragte betonen die große Wichtigkeit der Qualitätssicherung. Sie wünschen sich mehr Qualitätssicherungsmaßnahmen – doch nur, wenn sie auch tatsächlich helfen, im Klinikalltag Fehler aufzuspüren und die Behandlungsqualität für Mütter und Kinder zu verbessern. Sie dürften nicht die Finanzierung oder gar den Bestand der Kliniken gefährden. Denn das würde eine Manipulation der Daten fördern.

Die Fachleute fordern deshalb eine Überarbeitung der Indikatoren. So fehlten solche Kriterien, die die Gebärende in den Blick nehmen. Bislang liege der Fokus auf dem Kind. Versorgungsforscher empfehlen systematische Abfragen der Erfahrungen der Mütter zum Geburtserleben und ihrem Gesundheitszustand. Zudem brauche es einen geschützten Raum für eine offene Fehlerkultur. Ärzte und Wissenschaftler sprechen sich dafür aus, dass es unterschiedliche Sets von Qualitätsindikatoren geben muss: Solche, die mit den Kliniken unter Ausschluss der Öffentlichkeit besprochen werden, um Fehler auch wirklich abstellen zu können. Und solche, die den Eltern zur Verfügung gestellt werden. „Das sollten Aspekte sein, die für Eltern eine große Bedeutung haben“, sagt Björn Misselwitz. Zum Beispiel: Wie oft ist die Eins-zu-Eins-Betreuung durch Hebammen möglich? Welche Fachärzte sind immer vor Ort? Gibt es eine Kinderklinik? „Derartige Daten werden zwar bereits erhoben, doch die Mitarbeit der Kliniken ist freiwillig“, sagt Professor Holger Stepan.

Das Science-Media-Center hat diese Daten gemeinsam mit elf Medienpartnern, zu denen auch die SZ gehört, für die Geburtskliniken in Deutschland erfragt und in einem Online-Tool – dem Kreißsaal-Finder – aufbereitet. Die Ergebnisse speziell für Sachsen lesen Sie diese und nächste Woche.

Unsere Serie zeigt, wo werdende Eltern auch in Corona-Zeiten eine Geburtsklinik finden, die zu ihnen passt. Hier geht es zur Übersicht: So finden Eltern eine gute Geburtsklinik in Sachsen.

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