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Agentin der kleinen Landwirte

Anne Ritter-Hahn hat als Erste in der Lausitz die "Marktschwärmerei" etabliert. Der Kundenstamm ihres Vertriebs regionaler Lebensmittel wächst stetig.

Anne Ritter-Hahn betreibt seit einem Jahr die "Görlitzer Marktschwärmerei".
Anne Ritter-Hahn betreibt seit einem Jahr die "Görlitzer Marktschwärmerei". © Nikolai Schmidt

Auf den Markt zu gehen, um Obst, Gemüse und andere regionale Produkte zu kaufen, gehört für viele Görlitzer zum Wocheneinkauf dazu. Andere lassen sich von Gärtnereien oder Landwirten "Gemüsekisten" nach Hause liefern, wieder andere haben Anteile an einer Solidarischen Landwirtschaft und holen sich ihr Gemüse dort ab.

Anne Ritter-Hahn hat vor einem Jahr die Idee der "Markschwärmer" entdeckt und als Erste in der Lausitz umgesetzt. Es folgten die Schwärmereien in Zittau, Bautzen und Hoyerswerda. Die Bewegung begann 2011 in Frankreich, ist inzwischen in den meisten Ländern Westeuropas etabliert und findet auch in Deutschland immer mehr Anhänger. 

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Regionale Produkte zum Abholen in der Stadt

Das Konzept: Man findet regionale Erzeuger von Lebensmitteln, listet deren Produkte in einem Onlineshop, und jeder bestellt, was er braucht: Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch, Backwaren, Käse, Honig, Saft, Kaffee, Schokolade und vieles mehr. Einmal pro Woche machen sich die Erzeuger mit der bestellten Ware zu einem festen Ort auf, wo die Kunden sie zu einer festgelegten Zeit abholen. 

In Görlitz ist dieser Ort das Nostromo-Gelände an der Cottbuser Straße. Jeden Donnerstag reisen die Erzeuger aus einem Umkreis von bis zu 50 Kilometern an und sortieren die Bestellungen in Kisten, die Anne Ritter-Hahn vorbereitet hat. Die Verbraucher – oder "Schwärmer", wie sie in diesem Zusammenhang heißen – holen sie zwischen 17 und 18.30 Uhr ab. "Das ist allerdings die Coronavariante", sagt Anne Ritter-Hahn, "bei der sich Erzeuger und Schwärmer nicht begegnen." 

Ohne Pandemie wären die Erzeuger an Ständen präsent, übergäben ihre Produkte selbst den Verbrauchern und freuten sich, Tipps zur Verwendung geben oder anderes aus ihrem Sortiment empfehlen zu können. Im Moment hat die Görlitzer Marktschwärmerei 730 Mitglieder, von denen rund 80 jede Woche eine Bestellung aufgeben. Beim Start vor einem Jahr waren es 200 Mitglieder, im Februar rund 450. Das Interesse der Görlitzer wächst also. 

Auf einem Hof in Melaune großgeworden

Wie schon manch andere, die in der neuen SZ-Serie "Junge Macher" in diesem Monat vorgestellt werden, kam auch Anne Ritter-Hahn über Umwege dazu, einen Vertrieb für regional erzeugte Lebensmittel aufzubauen. Auch sie gehört zu den jungen Frauen und Männern unter 40, die gerade mit oftmals neuen Ideen Unternehmen gründen, erfolgreich werden oder Positionen übernehmen, die bis vor wenigen Jahren noch die Generation ihrer Eltern innehatte. 

Anne Ritter-Hahn wollte ursprünglich Tourismusmanagerin werden. Geboren wurde sie 1986 in Melaune und wuchs auf dem Hof ihrer Eltern und Großeltern auf, wo immer eine kleine Landwirtschaft für den privaten Verbrauch dazugehörte. Heute lebt sie hier mit ihrer eigenen Familie, von hier aus betreibt sie auch die Görlitzer Marktschwärmerei. In Reichenbach ging sie zur Schule, in der Görlitzer Stadtbibliothek wurde sie Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste, danach arbeitete sie ein halbes Jahr im Görlitzer Ratsarchiv und sortierte dessen Fachbibliothek neu. 

Obwohl sie diese Arbeit mochte, hatte sie den Traum, irgendwann im Tourismus zu arbeiten. Ein halbes Jahr reiste und arbeitete sie in Neuseeland, half bei der Weinlese und der Pflege von Weinreben, bei der Honigverarbeitung und beim Sortieren von Blumenzwiebeln. "Ich wollte das Land und die Menschen kennenlernen, um später vielleicht einmal Reisen dorthin organisieren zu können." 

Traum vom Job im Tourismus

Nach ihrer Rückkehr holte sie das einjährige Wirtschaftsabitur am Görlitzer Berufsschulzentrum nach und begann Tourismus zu studieren, Bachelor und Master. 2013 bekam sie ihr erstes Kind. Nach der Elternzeit arbeitete sie in einem kleinen Reisebüro bei Weißenberg. Doch in der Realität sah der Tourismusvertrieb anders aus als im Traum. "Ich stellte Reisen für Länder zusammen, in denen ich noch nie war, und erzählte von Orten, die ich noch nie gesehen hatte." 

Deshalb wechselte sie zum Görlitzer Tourismusbüro i-vent: "In Görlitz kannte ich mich wenigstens aus und wusste, was ich empfehlen kann." Als das Amt für Kreisentwicklung am Landratsamt Görlitz sie für eine Elternzeitvertretung anfragte, wechselte sie dahin und lernte nach kurzer Zeit die Dresdnerin Fanny Schiel kennen, die in der Landeshauptstadt drei Marktschwärmereien betreibt. Als diese ihr Konzept in Görlitz vorstellte und um Mitstreiter warb, war es Matthias Mütze von der Pfaffendorfer Landwirtschaft Lindenhof, der spürte, dass Anne Ritter-Hahn die Idee toll fand, und sie darin bestärkte, "Gastgeberin" für Marktschwärmer zu werden. 

Anbieter überzeugt, wenn das Baby schlief

Anne Ritter-Hahn war da gerade zum dritten Mal in Elternzeit, ihr Vertrag beim Landratsamt war ausgelaufen. Also sagte sie sich: "Warum nicht?" Zunächst sei es mühsam gewesen, Lebensmittelproduzenten zu finden und zu überzeugen. "Manche waren interessiert", sagt Anne Ritter-Hahn, "brauchten aber Unterstützung dabei, einen Produktkatalog zu erstellen, Fotos davon zu machen, mit der Technik umzugehen." Denn die Plattform im Internet wird von den Anbietern selbst bestückt. Sie stellen die Preise ein, geben an, wenn ein Produkt im Angebot ist oder erst im Frühjahr wieder wächst. 

Ein paar Monate gingen ins Land, in denen Anne Ritter-Hahn vor allem viel telefonierte, wenn ihr Baby schlief, mailte oder unterwegs war, um Erzeuger für ihr Vorhaben zu gewinnen. "Für sie ist es eine gut kalkulierbare zusätzliche Einnahmequelle", sagt sie, "weil sie alles, was sie mitbringen, bestellt und bezahlt ist, und sie nichts wieder mit heim zu nehmen brauchen. 

Genauso warb sie aber auch die ersten 150 Verbraucher, für die sie den ersten Verkauf startete. Für sie würde es bequemer sein, immer donnerstags in der Innenstadt ihre Bestellung abzuholen als die einzelnen Hofläden am Stadtrand abzufahren. Im September 2019 war Anne Ritter-Hahn dann zum ersten Mal im Nostromo, glücklich, dass ihre Bemühungen endlich ein Ergebnis hatten, und froh über das Gefühl, ihr Plan könnte aufgehen.

Erfüllender Einsatz für lokale Landwirte

Inzwischen hat sie 21 regionale Lebensmittelerzeuger - vor allem aus dem südlichen Landkreis - gewonnen, deren Produkte man als Marktschwärmer kaufen kann. Zwar kann sie im Moment noch nicht von der Marktschwärmerei leben, dafür brauchte sie etwa doppelt so viele Abnehmer wie jetzt. 

Aber das Bewusstsein der Menschen für gesunde, fair produzierte und gehandelte Lebensmittel wachse überall, sagt sie. Auch im Görlitzer Norden gebe es viele, die an einer Marktschwärmerei interessiert seien. Deshalb wünscht sie sich für die nächste Zukunft, ihr Unternehmen weiter Richtung Norden auszubauen.

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Der Wunsch, im Tourismus zu arbeiten, ist für Anne Ritter-Hahn in den vergangenen beiden Jahren verblasst. "Ich fühle mich in diesem Vorhaben, den lokalen und regionalen Anbietern eine Plattform zu bieten, rundum wohl", sagt sie. "Es erfüllt mich und ist genau das, womit ich mein Leben in unserer schönen Region verbringen möchte."

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