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Co-Working: Wo Freiberufler sich wie Kollegen fühlen

Im Kolabor auf der Görlitzer Hospitalstraße kann man seit 2016 einzelne Arbeitsplätze mieten. Das wird immer beliebter, auch wegen der guten Atmosphäre.

Luise Träger und Katrin Treffkorn sind Gründungsmitglieder des Vereins Kolaboracja und betreuen den Görlitzer Coworking Space ehrenamtlich.
Luise Träger und Katrin Treffkorn sind Gründungsmitglieder des Vereins Kolaboracja und betreuen den Görlitzer Coworking Space ehrenamtlich. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Als mit dem Kolabor vor fünf Jahren der erste Görlitzer "Coworking Space" eröffnete, war dieses Modell des gemeinsamen Arbeitens in großen Städten längst etabliert. In kleinen aber noch nicht.

Inzwischen hat der Verein Kolaboracja, der seine Räume Anfang 2016 auf der Hospitalstraße 29 eröffnete, bereits an über 100 Nutzer Arbeitsplätze vermietet. Manche von ihnen kommen jede Woche, andere seltener, und manchmal mieten sich Reisende, die unterwegs arbeiten, für mehrere Tage am Stück ein, bevor sie weiterziehen.

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Arbeiten ohne festes Büro

Einer der Nutzer ist Steve Grundig. Für ihn war ein Coworking Space eine Voraussetzung dafür, Anfang 2019 nach Görlitz zu ziehen, er ist fast jede Woche für einen Tag hier. Der 32-Jährige kommt ursprünglich von der Ostsee, hat in Zittau studiert, bietet zusammen mit einem jungen Team eine Nachhaltigkeitsberatung für Firmen im ganzen Bundesgebiet an und arbeitet ortsunabhängig.

"Wir begleiten Unternehmen auf dem Weg, ökologischer oder sozial verantwortlicher zu werden, und haben gar kein festes Büro", sagt er. "Unsere Geschäftsadresse ist die eines Coworking Spaces in Dresden." Dort treffe sich das Team regelmäßig für mehrere Tage am Stück, die überwiegende Zeit arbeitet jeder an seinem Wohnort, überwiegend im Homeoffice und an einigen Tagen an Orten wie dem Kolabor. "So können wir Arbeit und Leben gut verbinden, ohne viel reisen zu müssen."

Jörg Winterbauer, Steve Grundig und Jolanta Steciuk (v. l. n. r.) gehören zu den Nutzern des Kolabors.
Jörg Winterbauer, Steve Grundig und Jolanta Steciuk (v. l. n. r.) gehören zu den Nutzern des Kolabors. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Der Vorteil eines solchen Arbeitsortes sei die gute Atmosphäre, die zum Arbeiten einlade. "Man wird nie von Kollegen empfangen, die mit schlechter Laune zur Arbeit kommen", sagt Steve Grundig. Er selbst habe früher eine Banklehre gemacht und wisse, wie es ist, wenn einen "die Arbeit nicht anlacht". In einem Coworking Space aber begegne man niemandem, der "innerlich schon gekündigt" hat. "Außerdem ist man hier nicht so abgelenkt, wie es im Homeoffice passieren kann."

Arbeit von Freiberuflern sichtbar machen

Genau das war der Gedanke, den Luise Träger, Katrin Treffkorn, Julia Gabler und vier weitere Frauen hatten, als sie 2015 den Verein Kolaboracja gründeten. "Wir wollten einen Ort schaffen, an dem Freiberufler außerhalb des häuslichen Umfelds arbeiten können", sagt Luise Träger. "Eine Art Gemeinschaftsbüro, dessen Kosten sich die Nutzer teilen." Mit einer Starthilfe von 3.000 Euro aus dem Jugendstadtlabor-Topf der Rabryka richteten sie damals das Ladenlokal auf der Hospitalstraße her, seitdem trägt sich das Kolabor selbst und wird ehrenamtlich betreut. Im ersten Jahr nutzten die Vereinsmitglieder die Arbeitsplätze weitgehend selbst, dann öffneten sie sie stärker für die Vermietung an andere.

"Es ging uns auch darum, unsere Arbeit und die anderer Einzelkämpfer sichtbarer zu machen", sagt Luise Träger. Wenn zum Beispiel ein Übersetzer im Schaufenster des Kolabor arbeite, wüssten bald mehr Menschen über seine Tätigkeit, als wenn er allein zu Hause sitze. "Außerdem", sagt Katrin Treffkorn, "ist das Kolabor auch ein Ort, an dem sich Leute vernetzen und für gemeinsame Projekte zusammenfinden können." Der polnische Titel "Kolaboracja" – deutsch "Zusammenarbeit" – legt das nahe. Für Treffen und Beratungen bietet sich der Seminarraum im hinteren Teil des Ladens an, der auch zunehmend für Videokonferenzen genutzt wird. Von hier aus haben im Lockdown zum Beispiel Görlitzer Lehrer Videounterricht gegeben.

Anlaufstelle für "Probewohner" und Neugörlitzer

Von Beginn an war der Verein Partner von "Stadt auf Probe". Damit ist das Kolabor Anlaufstelle für Görlitzer auf Zeit, die den Raum wegen des schnellen Internets und dem entspannten Austausch mit anderen schätzen, und für Neugörlitzer, die das Kolabor ebenfalls nutzen, um andere so kennenzulernen, als wären es Kollegen bei einem neuen Arbeitgeber.

So kommt Jolanta Steciuk, eine der aktuellen Teilnehmerinnen von "Stadt der Zukunft auf Probe", fast täglich mit ihrem Laptop auf die Hospitalstraße 29, sie bereitet unter anderem Workshops für Demokratiebildung und Jugendbegegnungen für die Stiftung Kreisau vor. Oder der Journalist und Filmemacher Jörg Winterbauer, der im Dezember von Berlin nach Görlitz gezogen ist. "Weil ich nicht ausschließlich zu Hause arbeiten möchte, bin ich schon manchmal hier gewesen", sagt der 36-Jährige. Als junger Familienvater wisse er, dass man sich manchmal abgrenzen und "mal raus" müsse. Mit einem kleinen Kind daheim könne man sich oftmals nicht gut konzentrieren. Außerdem biete das Arbeiten im Kolabor die Chance, mögliche Partner zum Beispiel für gemeinsame Filmprojekte kennenzulernen, auch im Umfeld des Kolabors.

Am Freitag, 15. Oktober, lädt das Kolabor-Team alle Interessierten von 10 bis 12 Uhr zu einem Coworking Day zum Kennenlernen ein. Danach kann im Kolabor probegearbeitet werden. "Und falls jemand in unserem Verein mittun möchte", sagt Luise Träger, "Mitstreiter sind herzlich willkommen."

Weitere Infos: kolaboracja.eu

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