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Wird auch in Görlitz mehr gestohlen?

Eine Handelsstudie sagt: Deutschlandweit wurde voriges Jahr erneut mehr geklaut. Görlitzer Händler sehen es anders.

Marco Zahn leitet die S18-Filiale auf der Berliner Straße. Zum Glück werde nicht viel gestohlen. Wenn, dann sind T-Shirts bei Langfingern beliebt.
Marco Zahn leitet die S18-Filiale auf der Berliner Straße. Zum Glück werde nicht viel gestohlen. Wenn, dann sind T-Shirts bei Langfingern beliebt. © Nikolai Schmidt

Irgendwie hat man ein Gespür dafür, sagt Marco Zahn, Filialleiter von S18 auf der Berliner Straße in Görlitz. Wenn jemand mit keinen guten Absichten in das Modegeschäft kommt - "man merkt das irgendwie am Verhalten". Zum Glück komme es aber nicht häufig vor, dass im S18 etwas gestohlen wird.

Zwei Drittel der Diebstähle begehen Kunden

Laut dem Handelsforschungsinstitut EHI in Köln ist im vorigen Jahr aber erneut mehr im Einzelhandel gestohlen worden: deutschlandweit Waren im Wert von 3,75 Milliarden Euro. Rechnet man organisatorische Mängel, etwa durch falsche Preisauszeichnung, mit ein, ist es noch deutlich mehr: „4,4 Milliarden Euro entgingen 2019 dem Handel durch Diebstahl und organisationsbedingte Verluste – das sind rund 5 Prozent mehr als im Vorjahr“, schreibt das EHI. Rund zwei Drittel der Diebstähle begehen laut der Studie die Kunden, für ein Drittel der Verluste seien Servicemitarbeiter oder auch Lieferanten verantwortlich.

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Mehr Diebstähle - das bestätigt Marco Zahn für das S18 nicht. "Es ist relativ konstant geblieben." Wenn, dann geht es um Oberbekleidung. T-Shirts, manchmal Pullover. Meistens seien es dann geplante Diebstähle - zu merken daran, dass der Täter Werkzeug dabei hat, um die Sicherungen an der Kleidung zu entfernen. "Wir rufen dann generell die Polizei", sagt Marco Zahn. 

Beliebtes Diebesgut: Tabak, Alkohol, Parfüm

So hält es in der Regel auch Hendrik Förster, Inhaber des City-Shops, der eine Filiale in Görlitz am Obermarkt hat. Alkohol, Tabak, Parfüm, hochwertigere Waren. Das seien am häufigsten die Dinge, die ohne Bezahlung verschwinden. Manchmal dagegen auch ganz anderes. "Wir haben mehrere Schulen im Umfeld", erklärt Förster. Und manchmal erwischt das Personal auch Jugendliche beim Diebstahl, "vielleicht, um sich das Taschengeld aufzubessern oder als Mutprobe", vermutet Förster. "Dann versuchen wir es erstmal im guten über die Eltern", erzählt er. 

Bei Wiederholungstätern und Erwachsenen rufe aber auch er die Polizei. Häufiger seien Diebstähle nicht unbedingt geworden, schätzt er ein, kleinreden will er das Problem aber auch nicht: "Was man merkt: Es wird aggressiver",  so Försters Eindruck, gerade in seiner Görlitzer Filiale. So hat er es schon erlebt, dass sehr geplante Diebstähle begangen werden, teils organisiert durch mehrere Leute. Er vermutet Beschaffungskriminalität dahinter. Bei einem Fall kürzlich hatte sich beispielsweise herausgestellt, dass eine Person, die im City-Shop erwischt wurde, auch schon in diversen anderen Görlitzer Geschäfte gestohlen hatte. Ein Problem für die Händler: Häufig würden solche Fälle vor Gericht letztlich wegen Geringfügigkeit eingestellt, erzählt Förster. Was ihm dann bleibt, ist das Hausverbot, "aber das stört manche auch nicht". 

Immer mehr Diebstahl in Görlitz? Was die Polizei sagt

Laut der Polizei ist zumindest in Görlitz die Zahl der angezeigten Ladendiebstähle im Einzelhandel recht konstant geblieben, über mehrere Jahre sogar rückläufig. So sank die Zahl seit 2015 von 696 registrierten Ladendiebstählen auf 416 im Jahr 2018. Im Jahr 2019 zeigt die Kriminalstatistik einen leichten Trend nach oben:  443 Ladendiebstähle. Ähnlich ist die Entwicklung kreisweit. 

Die Einschätzung der Polizei decke sich etwa mit seinen Beobachtungen, sagt Sascha Krause, Leiter der Expert-Filiale im Görlitzer City-Center. Wie viel tatsächlich gestohlen wurde, weiß er letztlich erst über die Inventur, erklärt er. Eine merkliche Steigerung sei voriges Jahr aber nicht festzustellen gewesen. Zum einen, erklärt Krause, sind viele der Produkte bei Expert schlichtweg kaum unbemerkt aus dem Geschäft zu transportieren. Anderes, wie die ausgestellten Produkte, sind gesichert. Wenn, dann treffe es Kleinprodukte wie Spiele oder Handyhüllen. "Aber das hält sich Gott sei Dank in Grenzen." 

Sogar weniger Diebstähle bei dm

Heike Hentschke, Gebietsverantwortliche beim Drogeriemarkt dm kann für die drei Görlitzer Filialen ebenfalls keine gesteigerte Diebstahlshäufigkeit feststellen, teilt sie mit. Im Gegenteil: "Unsere Inventurverlustquote ist im Laufe der letzten Jahre sogar gesunken und konstant niedrig", so Heike Hentschke. "Die steigende Kundenfrequenz bei dm, die aufmerksamen Kollegen vor Ort sowie die heutzutage besseren technischen Möglichkeiten haben hierzu sicherlich beigetragen.“

Andere größere von der SZ angefragte Ketten halten sich dagegen bedeckt. So teilt Lidl mit, dass das Unternehmen grundsätzlich keine Angaben zur Häufigkeit von Diebstählen in seinen Filialen macht. "In unseren Supermärkten gibt es verschiedene Kontrollmechanismen gegen Ladendiebstahl, der grundsätzlich zur Anzeige gebracht wird", erklärt eine Sprecherin der Rewe-Gruppe. Genaue Zahlen würden aber zu den Unternehmens-Interna gehören. 

Hohe Dunkelziffer

Auf die eher sinkenden Zahlen in der Kriminalstatistik geht auch die EHI-Studie ein. Tatsächlich seien bundesweit die Zahl der angezeigten sogenannten einfachen Ladendiebstähle seit 1997 zurückgegangen, auch voriges Jahr. Allerdings habe sich in der gleichen Zeit die Zahl der schweren Ladendiebstähle deutlich erhöht. Heißt, die Zahl der einzelnen Diebstähle sinkt, aber nicht der verlorene Wert. Dazu komme auch eine hohe Dunkelziffer. 

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