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Corona: Drei Stunden Warten bis zur Impfung

Bei einem Impftermin in Görlitz standen sich Hunderte die Beine in den Bauch. Nicht alle mit Erfolg.

Von Susanne Sodan
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Schlange vor dem Corona-Impfzentrum in der Cafeteria des Görlitzer Klinikums.
Schlange vor dem Corona-Impfzentrum in der Cafeteria des Görlitzer Klinikums. © Martin Schneider

Es ist kurz vor halb sechs am Mittwochabend. Steffen Herrmann vom ASB-Impfteam verlässt die Cafeteria auf dem Klinikums-Gelände, bahnt sich seinen Weg durch die Wartenden am Eingang, bis er die Reihe im Blick hat. Er hört sich gestresst an, als er die Leute aufruft, zu gehen. Die Schlange ist zu lang, es wird nicht möglich sein, alle zu impfen. Denn 18 Uhr soll der Impftermin enden. Manche gehen. Viele bleiben, still. Vielleicht klappt es ja doch noch, vielleicht machen ASB und Impfärzte länger?

"Mir tut es ja leid", sagt Steffen Herrmann. Er ist von Beginn an, seit Frühjahr 2021, beim Impfen im Landkreis Görlitz dabei. Und vor nur zwei Wochen sah es bei den mobilen Impfterminen noch ganz anders aus. Vereinzelt im wahrsten Sinne kamen Menschen zum Impfen.

Manche geben es auf

Das Klinikum Görlitz stellt die Räume für die Impfungen zur Verfügung - jetzt ein Stück weiter vom Hauptgebäude entfernt. In der Cafeteria. Denn im Klinikum selbst musste wieder Besucherstopp eingelegt werden. Auch hier spitzt sich die Lage zu. 13 Corona-
Das Klinikum Görlitz stellt die Räume für die Impfungen zur Verfügung - jetzt ein Stück weiter vom Hauptgebäude entfernt. In der Cafeteria. Denn im Klinikum selbst musste wieder Besucherstopp eingelegt werden. Auch hier spitzt sich die Lage zu. 13 Corona- © Martin Schneider

Und jetzt: Gegen 16.30 Uhr stehen mindestens 120 Menschen in der Schlange. "Ich habe gezählt", erzählt ein Mann, der das Gelände wieder verlässt. Weil er sich auch ausgerechnet hat, wie lange er warten würde. Viele andere dagegen laufen in Richtung Cafeteria, stellen sich an.

Frank nimmt es locker. Ihre vollen Namen oder überhaupt einen Namen wollen die wenigsten nennen. "Ich bin alter DDR-Bürger", sagt Frank. "Wir haben für Silvester-Knaller angestanden." Die Ausdauer sollte jetzt auch reichen für seine Zweitimpfung, für die er ansteht. "Es geht nicht nur darum, sich selber zu schützen." Um sich selbst habe er weniger Sorgen, "sondern es geht ja vor allem darum andere, die Älteren zu schützen." Sein Vater sei Veterinär gewesen. Der, so mutmaßt Frank, hätte ihm was gehustet, würde er sich nicht impfen lassen.

Optimismus um halb fünf auch noch bei Kira, eine junge Frau, die im Pflegebereich tätig ist. Sie steht für die erste Impfung an. Sie und ihr Begleiter haben Zeit mitgebracht. "Open end", sagt der junge Mann. Als Pflegekraft hätte sie sich schon vor Langem impfen lassen können. "Ich habe mich nicht getraut. Es gibt so viele Meinungen zu der Impfung." Auch Gegenstimmen, mitunter sehr laute. "Die Menschen sind halt leicht zu beeinflussen", sagt sie. Vor einer Woche sei die Entscheidung gefallen, den dieswöchigen Impftermin beim Klinikum wahrzunehmen. "Es ist ja das einzige Angebot um diese Uhrzeit in Görlitz", sagt sie.

Dasselbe hatte kürzlich der Görlitzer Impfarzt Hans-Christian Gottschalk kritisiert und ein temporäres Impfzentrum in Görlitz vorgeschlagen. Es brauche einen Ort, an dem die Menschen täglich von morgens bis abends einen Anlaufpunkt haben. "Eine große, zu große Anzahl von Menschen ist in Sachsen nicht gegen Covid-19 geimpft. Alle Bemühungen der mobilen Impfteams und der Hausärzte diese Zahl wesentlich zu verringern, gehen zwar weiter, haben aber zu keinem großen Erfolg geführt", so Gottschalk. Umso wichtiger seien die Booster-Impfungen. "Das ist für uns nun leider als einzige Möglichkeit übriggeblieben, ein erneutes folgenreiches Ausmaß an Krankheit und Sterben durch die Pandemie zu begrenzen."

Lage "konterkariert den Impfgedanken nun völlig"

Das sei auch länger schon klar gewesen, dennoch sei keine klare Strategie entwickelt worden. Alles laste auf den Schultern der Hausärzte, die für die Booster-Impfungen eigentlich zuständig sind. Dazu komme noch, dass sich im Kreis Görlitz nicht genügend Ärzte am Impfen beteiligen. Dass nun die mobilen Impfteams völlig überlaufen werden, Menschen stundenlang warten müssen oder gar weggeschickt werden, "konterkariert den Impfgedanken nun völlig."

Unter den Wartenden steht Jana, ebenfalls Pflegerin. Sie ist schon lange doppelt geimpft, möchte sich - wie die meisten - ihre Booster-Impfung abholen. "Für mich und auch für die Sicherheit anderer." Dass das dauern würde, damit habe sie gerechnet. "Das hat man ja jetzt von allen Ecken mitbekommen. Und es ist ja in Görlitz die einzige Möglichkeit", sagt auch sie. Sie hatte damals Astra-Zeneca erhalten, "für mich ist das halbe Jahr locker rum." Auch in ihrer "Firma" gebe es einen Impftermin, den kann sie zeitlich aber nicht wahrnehmen. Deshalb steht sie am Mittwochabend in der langen Reihe. "Es geht ja um was."

Eine dritte Pflegerin, Elisa, kommt zur Erstimpfung. Damals, zu Beginn der Impfkampagne wollte sie sich noch nicht impfen lassen. Zu schnell, zu zeitig sei ihr das alles gewesen. Ganz so glücklich wirkt sie nicht, jetzt auch noch stundenlang auf die Impfung warten zu müssen. Nicht zu wissen, ob es klappt oder nicht. Und auch sie fragt: "Warum gibt es solch ein Angebot nicht von früh bis abends?"

Wie schwierig die Lage bei den mobilen Terminen wahrgenommen wird, zeigt eine Nebensache: Das Klinikum macht es kurzfristig noch möglich, dass der SZ-Fotograf auf dem Gelände Bilder machen darf. Mit der Bitte, dass aus dem Beitrag klar hervorgeht, dass das Klinikum die Räumlichkeiten stellt, um die Impfungen zu unterstützen, aber nicht für die Organisation zuständig ist.

Manche sind nicht wirklich überzeugt. Ein Paar kam extra aus Rothenburg. Ob Schwimmbad- oder Restaurantbesuch, "mit drei Kindern ist man ohne Impfung halt doch ein bisschen eingeschränkt", erzählt der Mann. Nein, "richtig überzeugt bin ich nicht", es gehe ihm eher um die sozialen Aspekte.

Impfskeptiker in der Impfreihe

Geht einem Görlitzer Bürgerratsmitglied nicht anders. In welchem Bürgerrat er sich engagiert, will er nicht verraten. Jedenfalls sei kürzlich ein Treffen in einer Gastronomie ins Wasser gefallen, weil dort bereits 2-G galt, aber nicht alle Mitglieder geimpft oder genesen waren. In der Hochschule sei er aktiv und als DJ. Alles Dinge, bei denen er sich jetzt eingeschränkt fühle. "Meine Mutter kommt zu Besuch, ich habe keine Möglichkeit, mit ihr essen zu gehen", sagt er. "So richtig Vertrauen in die Pharmaindustrie habe ich nicht", er verweist auf Pharma-Skandale in der Vergangenheit, etwa die Opioid-Krise in den USA vor zwei Jahren. "Und ich lebe gesund, ich ernähre mich gesund, mache Sport."

Immerhin ein Vorteil der Wartezeit: Man macht neue Bekanntschaften. Bei dem Bürgerratsmitglied steht ein weiterer junger Mann. "Sie als Geimpfte würden bestimmt sagen, wir hätten ja früher kommen können", fragt er. Nun, immerhin wurden den kompletten Sommer über Impftermine im Kreis angeboten. "Jetzt gilt aber 2-G", ruft eine Frau einen Warteplatz weiter hinten. Allerdings, räumt sie freimütig ein, gebe es in Görlitz ja Restaurants, wo man anrufen könne und die einen dann auch mit Test hereinlassen würden. Aber diese Restaurants, behauptet die Frau, würden ja dann von Geimpften "angezinkt". Und dann soll es jetzt auch noch verstärkte Kontrollen geben.

Auch in dieser Reihe bei einem Impftermin merkt man, wie angespannt die Lage ist. Wie sich Ungeimpfte unter Druck gesetzt fühlen. Nicht so ganz glücklich sind, hier zu stehen. Die Frage allerdings, wie es denn überhaupt zu dem neuerlichen, extremen Anstieg der Infektionszahlen im Kreis Görlitz kommen konnte - sie schwebt darüber. Letztlich aber - aus welchen Gründen auch immer - hat das Grüppchen sich zur Impfung entschieden. Und müssen nun stundenlang warten. "Ehrlich, wenn Leute ohnehin schon skeptisch sind, jetzt hier stehen, am Ende weggeschickt werde, weiß ich nicht, ob ich wiederkommen werde", sagt der junge Mann.

Drei Stunden Wartezeit - aber geschafft

Erleichterung derweil vorne in der Reihe. Eine Frau in gelber Daunenjacke steht kurz vor dem Ziel, kurz vor der Cafeteria. Je weiter man nach vorne rückt, umso geringer werden Sicherheitsabstände. Fast geschafft. "Wir sind froh", sagt die Frau. Dass es länger dauern würde, damit habe sie gerechnet, aber nicht mit drei Stunden. Hier vorne scheint es den meisten um die Booster-Impfung zu gehen. Der Hausarzt habe erst in einem Monat einen Termin, erzählt eine Frau. Ihr Hausarzt lehne die Impfung komplett ab, sagt eine andere. Wer hier vorne steht, steht inzwischen seit halb oder um zwei. Macht jetzt drei oder dreieinhalb Stunden. Viele, die jetzt schon durch sind, müssen noch früher dagewesen sein.

Monika und Dieter Krausche sitzen endlich im Warmen, in der Cafeteria. Vorn links gibt das ASB-Team die Schriftstücke aus, auch zur Booster-Impfung muss man alle drei Formulare, die es auch zur Erst- und Zweit-Impfung gab, ausfüllen. Nein, deshalb dauere es nicht so lange, sagt Monika Krausche. "Das geht eigentlich schnell." Im vorderen Bereich stehen Tische und Stühle, um die Formulare auszufüllen und dann zu warten, bis man dran ist. Vier Boxen sind durch Trennwände aufgebaut, in denen Aufklärung und Impfung stattfinden. "Wir hatten zwar gehofft, dass wir es nicht brauchen", sagt Monika Krausche mit Blick auf ihre Booster-Impfung, "aber es ist besser, als sich anzustecken." Auch beim Ehepaar Krausche war ein mobiler Termin die einzige Möglichkeit.

Eine Frau hat gemerkt, dass die SZ anwesend ist, sie will sich Luft machen. "Es ist eine Zumutung Waltraud Zimmermann. "Drei Stunden Wartezeit", auch sie ist seit halb zwei da. "Hier sind Gehbehinderte dabei, für sie ist das noch viel schwerer." Dem Impfteam sei kein Vorwurf zu machen. Das sagen einige. "Warum gibt es so wenige Einrichtungen für die Booster-Impfung?" Auch das sagen einige: Es sei doch aufgerufen worden, sich jetzt boostern zu lassen. Dass es so lange dauert, sieht Waltraud Zimmermann schon in dem "Schriftkram" begründet. "Wir waren zur Erst- und Zweitimpfung in Löbau." Dort habe man die Dinge doch schon abgegeben, "wir sind doch schon registriert."

"Wir sind einfach zu wenige"

Die Dokumente seien nicht das Problem, sagt Steffen Herrmann. "Wir sind einfach zu wenige. Wir sind zwei Impfteams, die im ganzen Landkreis unterwegs sind". Herrmann war auch dabei, als solche Wartezeiten bei Impfterminen nicht für die Patienten, sondern das Personal anfielen. Wie es ihm damit geht, dass plötzlich das komplette Gegenbild herrscht. "Wir sind erschöpft", sagt Herrmann.

Er habe Kolleginnen, die mehrere Kinder haben. "Ehrlich gesagt, arbeitsrechtlich ist das hier nicht mehr zu vertreten." Das Team ist seit 7 Uhr auf den Beinen. Nicht nur heute. "Wir hatten jetzt einen Termin in Spitzkunnersdorf, den mussten wir auch irgendwann abbrechen, weil es zu viele waren."

Er weiß, es wird in den kommenden Tagen nicht anders sein. "Die meisten Patienten kommen für ihre Boosterimpfung. Sie hatten ihre Zweitimpfung also etwa im Mai. Das war die Zeit, als wir die höchsten Impfzahlen hatten, bis zu 2.000 pro Tag. Wir hatten das Impfzentrum und drei mobile Teams." Am Mittwoch waren vier Stunden angesetzt. "Ich denke, wir werden jetzt bei 250 Impfungen rauskommen", sagt Herrmann. Das sei eine sehr gute Zahl. "Wir sind heute gut aufgestellt, haben drei Impfärzte." Und trotzdem: "Wir bauen jetzt einen Stau vor uns auf, weil wir zu wenige sind."

Leute wegschicken, gerade nach der Flaute über den Sommer. "Mir tut es leid", sagt Herrmann. "Die Leute, die jetzt hierherkommen, haben alle ihr Recht auf die Impfung." Aber auch morgen steht das Team wieder sieben Uhr auf den Beinen. Am Mittwoch wurde noch bis 20.30 Uhr geimpft.