merken
PLUS Görlitz

Alte Liebe lebt wieder auf

Hilmar Börsing gehört zu den Wiesbadenern, die Görlitz 1989/90 halfen. Der frühere Journalist war am Sonnabend in der Stadt und erinnert sich.

Hilmar Börsing begleitete als Chefredakteur des Wiesbadener Kuriers
die Gründung der Städtepartnerschaft Görlitz-Wiesbaden. Seit Sonnabend ist er Mitglied im Partnerschaftsverein.
Hilmar Börsing begleitete als Chefredakteur des Wiesbadener Kuriers die Gründung der Städtepartnerschaft Görlitz-Wiesbaden. Seit Sonnabend ist er Mitglied im Partnerschaftsverein. © Nikolai Schmidt

Der 3. Oktober ist für Hilmar Börsing schon immer ein besonderer Tag. Nicht nur weil sich da die beiden deutschen Staaten wieder vereinigten, es ist auch sein Geburtstag. 

Den hat der ehemalige Chefredakteur des Wiesbadener Kuriers diesmal in Görlitz verbracht – als einer der Abgesandten aus der hessischen Landeshauptstadt, die sich am Sonnabend mit Görlitzern in der Altstadt trafen, um an 30 Jahre Städtepartnerschaft zu erinnern und einen Partnerschaftsverein gründeten. Auch Wiesbadens früherer Oberbürgermeister Achim Exner war da und Matthias Schneider, der die Görlitzer Stadthalle bis zu ihrer Schließung leitete.

TOP Jobs
TOP Jobs
TOP Jobs

Finden Sie bei Top Jobs jetzt Ihren Traumjob in der Region!

30 Jahre deutsche Einheit und 30 Jahre Städtepartnerschaft Görlitz-Wiesbaden wurden am 3. Oktober auf dem Görlitzer Untermarkt gefeiert, unter anderem mit der Band Play.
30 Jahre deutsche Einheit und 30 Jahre Städtepartnerschaft Görlitz-Wiesbaden wurden am 3. Oktober auf dem Görlitzer Untermarkt gefeiert, unter anderem mit der Band Play. © Nikolai Schmidt

Görlitz und Wiesbaden – das war eine große Liebe. Und vielleicht das Wichtigste, womit die Görlitzer die Deutsche Einheit am eigenen Leibe spürten. Viele, die vor 30 Jahren in Wiesbaden waren, ob mit Chor, Orchester, Sportverein oder mit Kollegen, erinnern sich an die glücklichen Begegnungen, aus denen manchmal echte Freundschaften wurden. 

"Auch bei uns in der Tageszeitung spielte Görlitz eine wesentliche Rolle", sagt Hilmar Börsing. "Es war ja eine regelrechte Völkerwanderung in dieser Zeit, darüber haben wir als Journalisten natürlich gern berichtet." Eine Städtepartnerschaft sei immer ideal dafür, dass die Menschen persönliche Kontakte knüpfen. Wiesbaden kenne sich damit aus, die Stadt habe 18 Städtepartnerschaften.

DDR-Vergangenheit spielte keine Rolle für die Wiesbadener

"Es gab damals kaum einen Verein, der nicht darüber nachdachte, etwas für diese Partnerschaft zu tun, im Bewusstsein, dass unsere Brüder und Schwestern im Osten mehr gelitten hatten als wir." Er gehe davon aus, dass auch heute noch viele Kontakte bestehen. "Wenn man von jemandem hört, er war in Görlitz oder hat Kontakte dahin, dann ist das beinahe selbstverständlich." Dass Görlitzer dabei eine Stasivergangenheit haben oder Teil des SED-Regimes gewesen sein konnten, habe für die Wiesbadener – soweit ihm bekannt – keine Rolle gespielt.

Die Stadt Wiesbaden hatte schon vor dem Mauerfall eine Anfrage ans Görlitzer Rathaus gestellt, ob die beiden Städte nicht Partnerstädte sein wollten. Davon erzählte Achim Exner am Sonnabend auf dem Görlitzer Untermarkt noch einmal. Bereits ab 1987 durften DDR-Städte solche Verbindungen mit Kommunen in der BRD eingehen, und da Exner aus Breslau stammt und unerlaubterweise manchmal auf der Durchreise halt machte, kannte er Görlitz und schlug die Stadt 1988 für eine Partnerschaft vor.

Mario Bohrmann aus Wiesbaden und der frühere dortige Oberbürgermeister unterschrieben den Partnerschaftsvertrag auf dem Görlitzer Untermarkt am 3. Oktober.
Mario Bohrmann aus Wiesbaden und der frühere dortige Oberbürgermeister unterschrieben den Partnerschaftsvertrag auf dem Görlitzer Untermarkt am 3. Oktober. © Nikolai Schmidt

Aus Görlitz kam nie eine Artwort, bis die Mauer fiel und die ersten Gruppen nach Wiesbaden fuhren. Der Pathologe Peter Stosiek erinnert neulich daran, wie freudig die Begegnung war, als er mit seinen Kollegen aus dem damaligen Görlitzer Bezirkskrankenhaus eingeladen wurde. Der bekannte Pathologe und Lehrbuchautor Wolfgang Remmele hatte ihn persönlich aus Wiesbaden angerufen. Im Nachgang der Begegnung ging eine Hilfslieferung mit Medizintechnik, die in der DDR rar war, ans Görlitzer Krankenhaus.

Vielfältige Unterstützung aus Wiesbaden

Hilmar Börsing erinnert sich auch an die in Wiesbaden ausrangierten Krankenwagen, Feuerwehrfahrzeuge und Busse, die damals nach Görlitz gingen. "Es war eine breit angelegte Bewegung, die den Wunsch erkennen ließ, für die Menschen in Görlitz zu sammeln und zu spenden", sagt Börsing. 

Die Stadt Wiesbaden stellte damals 1,2 Millionen D-Mark aus ihrem laufenden Haushalt für ein Sofortprogramm in Görlitz zur Verfügung. Über vier Millionen Euro folgten. Aufkleber und Plakate verkündeten 1990 "Wiesbaden. Görlitz. Wir bauen auf!" Aus Wiesbaden kam Unterstützung für Krankenhaus und Schulen, für die Altstadtsanierung und Straßenreinigung.

Hilmar Börsing hatte ein Interesse an dieser Verbindung in den Osten, weil er selbst aus dem heute polnischen Ebenhausen (Gowarzewo) in der Provinz Posen stammt und etliche Reisen dahin unternommen hat, immer auf den Spuren seiner Kindheit. Auch Görlitz hatte für ihn wegen der direkten Nachbarschaft zu Polen immer eine Bedeutung. Deshalb unterstützte er die Städtepartnerschaft damals im Rahmen der Möglichkeiten des Wiesbadener Kuriers und wurde am Sonnabend Mitglied des neuen Partnerschaftsvereins. 

Mit Gottfried Kiesow in Görlitz

"Wissen Sie eigentlich, dass Görlitz und Wiesbaden als einzige Städtepartner auch einen  gemeinsamen Ehrenbürger haben?", sagt Hilmar Börsing. Dem Denkmalpfleger Gottfried Kiesow sei er eng verbunden gewesen, zweimal Anfang der 1990er begleitete er ihn nach Görlitz. "Das waren Eindrücke, die man nie vergisst." 

Geburtstage, sagt der über 80-jährige Hilmar Börsing, hätten für ihn heute eine andere Bedeutung als für einen jungen Menschen. Er zitiere dazu immer gern Mark Twain: "Das Geheimnis des Glücks ist, statt der Geburtstage die Höhepunkte des Lebens zu zählen." Neben seinen Reisen an die Orte seiner Kindheit in Polen gehöre die Begegnung mit Görlitz in jedem Fall dazu. 

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Görlitz