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"Stöcker ist ein einmaliger Glücksfall für Görlitz"

Die Pläne für das Görlitzer Kaufhaus und das City-Center scheinen nur Kritiker zu kennen. Doch jetzt äußern sich auch Befürworter leidenschaftlich.

Winfried Stöcker hat in Görlitz wieder einmal eine heftige Debatte ausgelöst.
Winfried Stöcker hat in Görlitz wieder einmal eine heftige Debatte ausgelöst. © Nikolai Schmidt

Wochenlang war es ziemlich ruhig um das Görlitzer Kaufhaus und die Pläne des Lübecker Unternehmers Professor Winfried Stöcker, das Jugendstilkaufhaus wiederzubeleben. Dann schlug die Nachricht ein, dass Stöcker gern die beiden klassizistischen Villen am Postplatz abreißen möchte. Er hat sie mittlerweile erworben und will an ihrer Stelle das Parkhaus erweitern und eine An- und Belieferung für den neuen Einkaufskomplex aus Kaufhaus und City-Center, das er Marktzentrum nennt, errichten.

Seitdem ist das Kaufhaus in Görlitz wieder Stadtgespräch. Nicht zuletzt, weil sich seit ein paar Tagen auch kritische Töne in die Diskussion mischen, die die beiden Villen mit ihrer Geschichte als Hort von Soziokultur in Görlitz in den vergangenen 20 Jahren nicht missen will. Lautstark waren die Anhänger eines Erhalts der beiden Villen am vergangenen Freitag in Görlitz auf die Straße gegangen und forderten in einer Petition Alternativen zum Abriss und eine große Diskussion darüber in der Stadt. Dabei läuft diese Debatte schon längst.

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Doch nun melden sich Görlitzer zu Wort, die Stöckers Pläne nicht nur unterstützen, sondern auch die Kritik an ihm als unangebracht empfinden. Warum, das schreiben vier von ihnen im Folgenden:

Görlitz rollt keinen roten Teppich für Professor Stöcker aus

Anneliese Karst (li.) im Kreise von Mitstreitern des Stadthallen-Vereins.
Anneliese Karst (li.) im Kreise von Mitstreitern des Stadthallen-Vereins. © Pawel Sosnowski/80studio.net

So schreibt Anneliese Karst, die sich sehr um die Sanierung der Stadthalle verdient gemacht hat:
Unbestritten ist der Einsatz des Nobelpreisträgers Professor Günter Blobel für den Wiederaufbau der Frauenkirche, deren Umfeld und zahlreicher Denkmale in Dresden. Vehement hat er sich gegen den Bau der Waldschlößchenbrücke eingesetzt und eine Untersuchung bei der Unesco veranlasst, die 2009 zur Aberkennung des Weltkulturerbetitels führte, da Dresden an dem Bau festhielt. Die Brücke ist für den Verkehrsfluss nicht mehr wegzudenken. Für den Erhalt des denkmalgeschützten Blauen Wunders ist sie lebensnotwendig.

Als Professor Blobel um eine Unterstützung für die damals noch einsturzgefährdete Stadthalle gebeten wurde, war er dafür nicht zu gewinnen, weil er deren Wirtschaftlichkeit anzweifelte.

Das Görlitzer Jugendstilkaufhaus ist ein bedeutendes Denkmal und gleichzeitig ein Impulsgeber für die bitter nötige Wiederbelebung und Stärkung des Handels sowie die Belebung des Bereiches Demianiplatz - Berliner Straße -Jakobstraße. Seit April 2002 ist das City-Center, dem der Abriss des Wilhelmstheaters vorausging, in Betrieb. Es ist gut, dass es jetzt endlich zu einer ganzheitlichen Gestaltung des Areals kommt.

Mit der Erweiterung des Parkhauses wird eines unter dem Wilhelmsplatz entbehrlich und für die Theaterbesucher eine Option zum Obermarkt geschaffen. Für Begegnungen aller Art wurden im aufwendig sanierten und ausgebauten Werk 1 als Zentrum für Jugend und Soziokultur vielseitige Möglichkeiten geschaffen.

Herrn Stöcker, der privat (!) 50 Millionen in ein bedeutendes Denkmal investieren will, wurde kein roter Teppich ausgerollt. Trotzdem hat er an dem Projekt festgehalten und eine ganzheitliche Lösung gesucht. Dafür hat er die zwei Häuser erworben. Was ist daran unmoralisch? Unmoralisch ist die Haltung solcher Besitzer wie der Jauernicker Straße 31 und anderer Häuser, die ihre Immobilien nicht sichern und zumindest schrittweise sanieren sondern stattdessen für eine Straßensperrung und Beeinträchtigung der Mieter der umliegenden Häuser auf unbestimmte Zeit sorgen. Dazu gehört auch die Konsuldrogerie Ecke Postplatz, die mindestens eine äußere Sanierung verdient hätte.

Warum wird dagegen nicht protestiert und demonstriert?

Gibt es zweierlei Recht für Bauherren?

Dieses Haus am Görlitzer Postplatz sanierte Winfried Stöcker und richtete darin ein Modehaus ein.
Dieses Haus am Görlitzer Postplatz sanierte Winfried Stöcker und richtete darin ein Modehaus ein. © Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Kurt Hertwig aus Markersdorf macht sich seine Gedanken wie so viele darüber, dass in Görlitz komischerweise an anderer Stelle Ruinen gern hingenommen werden:
Ich dachte, die Zeit der willkürlichen Allmacht des Bauamtes/Denkmalschutz wie in den 90er Jahren, als man junge stadtverbundene Architekten zugunsten von Besserwi(e)ssiarchitekten schasste, sei nun nach 30 Jahren überwunden. Aber offensichtlich will man immer noch seriöse und willige Investoren zu Lasten von dubiosen Eigentümern lieber vergraulen. Das Bauaufsichtsamt sollte sich mal vor Genehmigungserteilungen auch die Solidität und Rechtschaffenheit von Käufern/Investoren anschauen, die billig von der Stadt Immobilien ersteigern/erwerben, dann Fördermittel abfassen und wieder verschwinden, um eventuelle Auflagen zu umgehen. Darüber gab es in letzter Zeit einiges an Vorkommnissen, über die auch die SZ berichtete.

Jede Stadt wäre glücklich über einen Professor Stöcker

So sollen Kaufhaus und City-Center (dann Markt-Zentrum) einmal verbunden sein.
So sollen Kaufhaus und City-Center (dann Markt-Zentrum) einmal verbunden sein. © Vorlage: Winfried Stöcker

Der frühere Görlitzer Stadtbaudirektor Dr. Michael Langer schreibt folgendes:
Für die Vollendung des außerordentlichen städtebaulichen Denkmales „Postplatz“ mit seinem westlichen Platzteil und dem östlichen Pendant um das Hauptpostamt in der Mitte, fehlte nach 1900 im Bereich der beiden Abbruchhäuser die wirtschaftliche Kraft. Die dort fehlende Randbebauung könnte nun geheilt werden, wobei die Qualität des Neuen das Hauptproblem ist. Ich habe das Vertrauen, dass Professor Stöcker, und wohl nur er, das leisten könnte. Er ist mit dem gesamten Kaufhausprojekt ein einmaliger Glücksfall für Görlitz. Natürlich kann auch Professor Stöcker kein Projekt in den „Sand“ setzen, wenn diesem die wirtschaftliche Basis für einen zeitgemäßen, effektiven Betrieb fehlt.

Wissen ihre Leser eigentlich, dass im Augenblick ein Kampf der Städte um ihre Kaufhäuser im Gange ist, begleitet vom Kampf der Kaufhausbetreiber um ihr wirtschaftliches Überleben? Jede dieser Städte wäre glücklich, einen Finanzier und kompetenten Betreiber wie unseren Philanthropen Professor Stöcker zu haben.

Karstadt hat zum Beispiel die Schließung von weiteren 47 (!) Kaufhäusern in prominenten Zentrallagen beschlossen. Der regierende Berliner Bürgermeister Müller misst Kaufhäusern in Berlin eine Schlüsselstellung für die Versorgung und für die Attraktivität der Innenstadt zu und hat umfangreichste Zugeständnisse auf den Weg gebracht. Dennoch wurde zum Beispiel „Galeria Karstadt Kaufhof am Ostbahnhof“ in Berlin geschlossen. Es handelt sich um das größte Kaufhaus der DDR und (1971) modernste Kaufhaus Europas mit 18.000 Quadratmeter Verkaufsfläche und täglich 65.000 Kunden.

Inzwischen befindet sich an seiner Stelle ein riesiger Bürokomplex kurz vor der Fertigstellung. Das wäre wohl auch die Zukunft des ehemaligen Görlitzer Kaufhauses ohne Engagement Professor Stöckers, wobei in Görlitz selbst für einen Bürokomplex kein Bedarf und kein Investor in Sicht wäre.

In dieser Lage hat nun der allseits erfolgreiche Professor Stöcker, ein außergewöhnlicher Freund unserer Stadt und Heimatgegend das Kaufhaus erworben, das niemand, aber auch gar niemand für den Einzelhandel haben wollte, und will es zusammen mit dem unwirtschaftlichen City-Center so sanieren, dass es - hoffentlich - effektiv wirtschaften kann. Das Kaufhaus könnte wieder als das die Görlitzer Gründerzeit und den Art déco mit großem Abstand bestimmende Denkmal, als Arbeitsstätte und als eine Haupttouristenattraktion auferstehen.

Um seine Erhaltung, vor allem seine wirtschaftliche Funktion, geht es doch vor allem. Dazu stehen die beiden Stadtvillen, eine nicht sanierungsfähige Ruine und auch die andere kaum besser, in keinerlei vernünftigem Verhältnis. Ihren Abriss und Ersatz durch eine Randbebauung halte ich aus funktioneller Sicht und aus Sicht des städtebaulichen Denkmales „Postplatz“ für unverzichtbar.

Die Denkmalbeflissenen, zu denen ich mich nicht zuletzt auch zähle, sollten die Ressourcen auf wichtigere, noch allzu zahlreich vorhandene Schwerpunkte wie die desolaten, aber stadtbestimmenden Eckgebäude, die Ecken Struvestraße/Bismarckstraße, auf den einsturzgefährdeten Brautwiesenplatz (Landeskronstraße 22), die Ecke ehemaliges Hotel Vier Jahreszeiten, das ehemalige Hotel Görlitzer Hof, das Jugendstilhaus Goethestraße 37 oder Carl-von-Ossietzky-Straße 12 konzentrieren.

Von Stöcker kann man lernen, wie man es macht

Biolaborantin Norma Lutzerschneidet bei der Herstellung von Reagenzien bei Stöckers früherer Firma Euroimmun in Rennersdorf (Stadt Herrnhut).
Biolaborantin Norma Lutzerschneidet bei der Herstellung von Reagenzien bei Stöckers früherer Firma Euroimmun in Rennersdorf (Stadt Herrnhut). © Archivfoto: Wolfgang Wittchen

Dorit Hübner aus Weinhübel verweist auf Stöckers andere Vorhaben und Betätigungsfelder in der Oberlausitz:
Es gibt immer und zu allem "Kontroversen". Höchste Zeit für Görlitz auch mal Stellung zu beziehen für einen Menschen, der bürgernahe Visionen mit Sachverstand und Finanzen erfolgreich umsetzt. Dieses Gelände hinter C&A im Zentrum von Görlitz sieht seit Jahren unmöglich aus, es ist Zeit genug für Enthusiasten gewesen.

Seit Jahren schon beweist Herr Professor Stöcker mit der vorbildhaften Firma in Rennersdorf, dem durchkonzipierten Engagement an der Blauen Lagune und den weiteren Projekten wie dem Modehaus am Postplatz, seine Kompetenz und Fähigkeit, etwas gelingen zu lassen und auch fertig zu bekommen. Das ist mehr, als wir es von allen anderen Akteuren dieser Stadt oder gar den Demonstranten erleben. Was haben die denn für die Stadtvillen getan?

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Der Protest gegen den Abriss zweier Villen ist von Liebe zu Architektur und Sorge vor vielen Autos geleitet. Doch dahinter steht auch Abneigung gegen Winfried Stöcker.

Wir sollten dankbar sein, dass Herr Stöcker Görlitz noch nicht aufgegeben hat in diesem vergifteten Klima aus Neid und eigenem Unvermögen. Man braucht nur die Blaue Lagune mit dem Nordstrand zu vergleichen. Bei letzterem große Visionen zwischen sanftem Tourismus und internationaler Beliebtheit, aber Jahr für Jahr ein einziges Desaster bei Zufahrt, Parken, sinnlosen Betonbuckeln, einfachster Gastronomie und Sanitäreinrichtung. Man muss nicht alles gleich können, aber zum Lernen von Leuten, die es können, sollte man bereit sein.

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