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Glänzt die Görlitzer Synagoge nach ihrer Sanierung zu sehr?

Bodo Voigt organisierte 1997 erste Kulturveranstaltungen in dem früheren Gotteshaus. Angesichts des neuen Görlitzer Kulturforums ist er zwiegespalten.

Glanz strahlt die sanierte Görlitzer Synagoge aus. Zu viel, so fragt sich mancher, angesichts der Verfolgung und Zerstörung der jüdischen Gemeinde während der Nazi-Zeit?
Glanz strahlt die sanierte Görlitzer Synagoge aus. Zu viel, so fragt sich mancher, angesichts der Verfolgung und Zerstörung der jüdischen Gemeinde während der Nazi-Zeit? © Paul Glaser/glaserfotografie.de

So schön, so voller Gold, so wunderbar saniert die einstige Görlitzer Neue Synagoge heute ist, so unvorstellbar war es über Jahrzehnte, dass sie jemals wieder so erstrahlen könnte.

Mancher findet jedoch, es sei zu viel des Guten: So viel Prunk und Schönheit passe nicht zum Schicksal der Juden, die das Gotteshaus vor gut 100 Jahren erbauen ließen, passe nicht zur Schändung der Synagoge in der Nazi-Zeit und zur Vernachlässigung, der das Gebäude in der DDR genau wie fast die gesamte Görlitzer Altstadt ausgesetzt war. Zuletzt kritisierte der frühere Görlitzer Museumsmitarbeiter Marius Winzeler die fehlende Authentizität des Gotteshauses. Auch der Schweizer Kunstfreund Michael Guggenheimer, der auf jüdische Familienwurzeln in Görlitz zurückblicken kann, empfand das so.

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Bodo Voigt hat sich in den 1990ern sehr um die Görlitzer Synagoge bemüht und dort erste Veranstaltungen organisiert.
Bodo Voigt hat sich in den 1990ern sehr um die Görlitzer Synagoge bemüht und dort erste Veranstaltungen organisiert. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Einer dieser Kritiker ist auch der emeritierte Pädagogikprofessor Bodo Voigt, der Anfang der 1990er aus Bremen nach Görlitz kam, hier mit dem Verein Ebiz, dem Europäischen Bildungs- und Informationszentrum, zahlreichen Langzeitarbeitslosen Beschäftigung gab und auf diese Weise mehrere Gebäude sanieren oder teilsanieren ließ.

Die ehemalige Görlitzer Synagoge war darunter das größte Vorhaben, in dem Ebiz nicht nur baute, sondern auch auf eine künftige Nutzung als Kulturort hinarbeitete, bis der Verein Ende der 1990er wegen zunächst zugesagter, aber dann ausbleibender Fördermittel in die Insolvenz gehen musste. Weitere Gebäude waren der heutige Probenort der Neuen Lausitzer Philharmonie An der Obermühle 4, das Wasserschloss Tauchritz, das damalige "Künstlerhaus" Bautzener Straße 20 und die Hotherstraße 31, Sitz mehrerer Vereine.

Erste Veranstaltung mit Yehudi Menuhin bewegte Görlitzer

Bei aller Kritik, der das Ebiz damals wegen angeblichen Baupfusches ausgesetzt war – die Synagoge geriet, nachdem die Stadt bereits das Dach hatte erneuern lassen, auch durch das Ebiz und Voigts Engagement wieder in den Blick der Stadtgesellschaft. "Sie ist der geistige und kulturelle Kern meiner Tätigkeiten in Görlitz", sagt der heute 80-Jährige. Bereits 1997 wurde sie erstmals als "bespielbare Baustelle" eröffnet: Bodo Voigt hatte den weltberühmten jüdischen Geiger Yehudi Menuhin für ein Konzert in der Synagoge gewonnen, das vielen Görlitzern noch als bewegendes Erlebnis in Erinnerung ist. Später wirkte er kurzzeitig im Vorstand des 2004 gegründeten Förderkreises Synagoge mit.

Voigts Ansatz war, dass aus dem städtischen Gebäude ein Mahnmal und Kulturort werden solle, solange es keine aktive jüdische Görlitzer Gemeinde gebe. "Unter einer Sanierung stellten wir uns keine so umfängliche Restaurierung vor, wie sie das Gebäude inzwischen erfahren hat", sagt Voigt. Er und andere hätten sich gewünscht, dass die Wunden und Narben der Synagoge stärker sichtbar geblieben wären als Zeugen von Judenverfolgung und Diktatur.

Spuren der Schande kaum sichtbar

Zwar wurden bei der Sanierung mehrere zerstörte Inschriften und jüdische Symbole sowohl innen als auch an der Fassade bewusst nicht wiederhergestellt, weil nichts hinzugefügt werden sollte, was verloren war – so auch der Davidstern, der nun doch wieder aufs Dach kommt. Ebenso gibt es historische Befunde im Kuppelsaal, die nicht restauriert, sondern nur gereinigt wurden, damit der Denkmalcharakter deutlich wird. "Aber diese Stellen fallen im Gesamteindruck kaum auf", sagt Bodo Voigt.

Die Kuppel der Görlitzer Synagoge sanierte die Stadt Görlitz bereits in den 1990ern.
Die Kuppel der Görlitzer Synagoge sanierte die Stadt Görlitz bereits in den 1990ern. © Pawel Sosnowski

Lediglich die in der Vergangenheit zerstörte Tafel zwischen Almemor – dem erhöhten Bereich vor dem Thoraschrein – und dem Eingang zur Wochentagssynagoge, die an die im Ersten Weltkrieg gefallenen jüdischen Görlitzer Soldaten erinnert, erkennt Voigt als Element des Gedächtnisses an die Judenvernichtung an. Sie wurde unlesbar belassen, eine Glastafel darunter erinnert an den Zweck der Tafel und die Namen der Gefallenen.

Dass die Synagoge heute wieder so prächtig vom Wirken der einstigen jüdischen Gemeinde zeugt, kommt Voigt vor, als würde der grausamste Abschnitt der Geschichte ausgeblendet: der Holocaust und die Verfolgung Tausender Menschen in ganz Europa, die sich dem Nationalsozialismus verweigerten. "Doch gerade heute, wenn 30 Prozent der Görlitzer mit der AfD eine nationale, rückwärtsgewandte und rassistische Partei wählen, ist es unbedingt nötig, die Vernichtung der Juden und Antifaschisten im Bewusstsein zu halten, aus der Geschichte zu lernen und vor den Folgen des Vergessens zu warnen."

Fehlt ein echtes Konzept für das Kulturforum?

In diesem Zusammenhang ist Bodo Voigt skeptisch angesichts der Rolle der Görlitzer Kulturservicegesellschaft, die zwar mit der Vermietung und Verwaltung des Kulturforums Görlitzer Synagoge beauftragt wurde, aber neben der Organisation von Altstadtfest, Tippelmarkt, Christkindelmarkt, Lausitz-Festival und der Stadthallensanierung unmöglich auch noch das Kulturforum inhaltlich betreuen könne. Bis auf den Förderkreis Synagoge gebe es niemanden, der ein echtes Veranstaltungskonzept dafür entwickele und umsetze, sagt Voigt. So habe er selbst der Stadtverwaltung Beratung in dieser Hinsicht angeboten, aber zur Antwort bekommen, das Kulturforum sei ein "Selbstläufer", Anfragen für Veranstaltungen gebe es genug.

Wenn der Förderkreis Synagoge stellvertretend für eine fehlende jüdische Gemeinde Feste wie Chanukka feiere, dann sei das natürlich gut im Sinne des Wachhaltens jüdischer Kultur. Auch, dass wieder jüdische Gottesdienste in der Wochentagssynagoge stattfinden können, sei richtig, sagt Voigt, selbst wenn sich der jüdische Musiker Alex Jacobowitz nach wie vor weigere, konkret zu benennen, wer hinter dem Namen oder Verein Jüdische Gemeinde Görlitz steht.

Alex Jacobowitz vom Verein Jüdische Gemeinde Görlitz mit Musikern aus Budapest vor der Eröffnung des Kulturforums Synagoge.
Alex Jacobowitz vom Verein Jüdische Gemeinde Görlitz mit Musikern aus Budapest vor der Eröffnung des Kulturforums Synagoge. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

"Zusätzlich aber braucht die Synagoge regelmäßige anspruchsvolle, hochklassige Veranstaltungen, und zwar als Konzept, nicht aus Zufall." Etwa regelmäßige Konzerte der Europa Chor Akademie, Jugendorchester- und Chorwettbewerbe oder Theatergruppen, die das Kulturforum als festen Ort nutzen können. Auch könnte das Kulturforum mit seiner schicksalhaften Geschichte der geeignete Ort sein, an dem für die Görlitzer Stadtgesellschaft dringend nötige, auch politische Diskussionen geführt werden.

Alt-68er wünscht sich mehr Demokratie in Görlitz

Bodo Voigt war im Westen Deutschlands in der 1968er-Bewegung engagiert, hat Erfahrungen damit gemacht, wie Themen, die viele bewegen, öffentlich kontrovers besprochen, wie Meinungen ausgehandelt und Kompromisse gefunden werden. Und wie auf diese Weise echte Demokratie selbstverständlicher wird. "Das fehlt mir in Görlitz bis heute." Vielmehr eckte er hier oft an, wenn er diskutieren wollte, häufig wurde er als streitlustig wahrgenommen. Und am eigenen Leibe hat er erlebt, wie kritische Themen – etwa die Umstände der Insolvenz des Ebiz – zwar besprochen wurden, aber ohne Einbeziehung der Beteiligten.

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