SZ + Görlitz
Merken

Görlitz/Zittau: "Die Stimmung im Theater war schon besser"

Daniel Morgenroth hat im Sommer mit großem Enthusiasmus als Generalintendant des Gerhart-Hauptmann-Theaters begonnen. Jetzt erzählt er, womit er ringt.

Von Ines Eifler
 8 Min.
Teilen
Folgen
Daniel Morgenroth, der Generalintendant des Gerhart-Hauptmann-Theaters, auf dem Görlitzer Demianiplatz.
Daniel Morgenroth, der Generalintendant des Gerhart-Hauptmann-Theaters, auf dem Görlitzer Demianiplatz. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Herr Morgenroth, Sie sind mit großen Hoffnungen nach Görlitz gekommen: dass die Pandemie zu Ende geht, dass die Theater wieder öffnen, dass Sie unter diesen Vorzeichen mit „brennenden Herzen“ einen Neustart wagen können. Wie geht es Ihnen jetzt, wenn das Theater wieder seit einigen Wochen geschlossen ist?

Die Stimmung war schon besser. Manches ist wirklich schwierig. Ich denke da an die Premiere der Abschlussinszenierung von Klaus Arauner „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“, die wir nun wieder absagen mussten. Das ist wirklich bitter, zumal wir im Moment noch nicht sehen, wohin wir sie verschieben könnten. Ich war so froh, vor einem Jahr sagen zu können, diese Inszenierung fällt nicht aus, wir übernehmen sie in meine erste Spielzeit, kein Problem. Und nun das.

Wie haben Sie die Wochen davor empfunden, sind Sie gut im Theater angekommen?

Wir hatten wirklich einen großartigen Start, mit sehr schönen Tagen der offenen Tür in Görlitz und Zittau, mit tollen Galas und wunderbaren Inszenierungen, dem „Lieben Augustin“ in Görlitz und „Slapstick“ in Zittau zum Start. Die Kolleginnen und Kollegen melden zurück, dass sich ein angenehmer neuer Hausgeist an beiden Standorten entwickelt hat, und haben ihren Enthusiasmus bewahrt. Sowohl am Theater als auch persönlich habe ich mich in Görlitz wahnsinnig gut eingelebt und fühle mich sehr wohl hier. Die Stadt gefällt mir allerdings noch besser, wenn alles geöffnet ist. So wie es auch für uns am Theater schade ist, dass wir unterbrechen mussten. Wir werden nun sehen, wie wir den Spielplan anpassen.

Mit der Schauspielinszenierung "Slapstick" eröffnete das Gerhart-Hauptmann-Theater die Spielzeit 2021/22 in Zittau.
Mit der Schauspielinszenierung "Slapstick" eröffnete das Gerhart-Hauptmann-Theater die Spielzeit 2021/22 in Zittau. © Pawel Sosnowski
Die Operette "Der liebe Augustin" war die erste Musiktheaterpremiere in Görlitz 2021/22.
Die Operette "Der liebe Augustin" war die erste Musiktheaterpremiere in Görlitz 2021/22. © Pawel Sosnowski

Bis zum 9. Januar ist das Theater zu. Sie hoffen, dass Sie danach wieder loslegen können?

Ich bin zuversichtlich angesichts der sinkenden Inzidenz und hoffe, dass wir mit dem Schauspiel und der Tanzpremiere „Zerrinnerung“ am 15. Januar wieder starten können. Wir hatten gemeinsam mit dem Bühnenverein beschlossen, gleich fünf Wochen komplett bis dahin zu schließen. Ich wollte vermeiden, dass wir uns immer wieder auf die Öffnung vorbereiten, die dann doch wieder kurzfristig nicht möglich ist; das zermürbt alle. Wir sagten, über die Feiertage ist komplett zu, aber danach geht es auch wieder richtig los. Denn: unsere Hygienekonzepte funktionieren, das zeigen auch Studien. Im Theater steckt sich niemand an, deshalb sollten wir auch bald wieder öffnen dürfen.

Sind Ihre Mitarbeiter im Moment wieder in Kurzarbeit?

Ein großer Teil, ja. Aber die Tanzcompany probt natürlich, die Zittauer bereiten sich auf die Premiere der „Laborantin“ am 22. Januar vor, und auch ein paar andere Dinge müssen vorbereitet werden, an denen gearbeitet wird. Was gar nicht von der Schließung betroffen ist, sind unsere theaterpädagogischen Angebote.

Die Clubs werden wahnsinnig gut angenommen, insgesamt haben wir 125 Teilnehmer in den verschiedenen Gruppen: den Kinder- und Jugendclubs, dem Tanzclub, dem Generationenclub, dem Studentenclub in Görlitz und Zittau. Ich hatte mit 40 bis 50 Leuten gerechnet und bin nun sehr glücklich, dass sich alles weiter herumspricht und etabliert. Für uns ist es ein Riesenerfolg, dass wir begonnen haben, die Theaterpädagogik wieder zu stärken und auszubauen.

Damit verbunden war ein großes Märchenprogramm rund um „Dornröschen“, das „Mädchen mit den Schwefelhölzchen“ und „Schneewittchen“. Was wird nun daraus?

Da für viele Kinder das „Weihnachtsmärchen“ ausfällt, haben wir vier Teams aus Zittauer Schauspielern zusammengestellt, die in die Klassen gehen, die Karten für eine Märchenvorstellung gebucht hatten. Sie bringen dahin verschiedenen Märchenangebote mit, etwa zum „Froschkönig“, zu „Dornröschen“ und zur „Weihnachtsgans Auguste“. Das „Kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen“ wird verschoben, kommt aber wieder. Und für die Familienoper „Schneewittchen“ sind wir guter Hoffnung, dass die Premiere am 5. März stattfinden kann. Die Inszenierung ist „coronagerecht“, ohne Chor, mit kleinem Orchester, doch ich kann versprechen, sie wird wunderschön.

Vielen Menschen fehlt in diesen Tagen das Weihnachtskonzert. Voriges Jahr gab es eine digitale Version. Diesmal nicht?

Für das Weihnachtskonzert ist es sehr schade. Wir hatten bereits eine alternative Variante mit weniger Mitwirkenden vorbereitet, aber als die Inzidenz auf über 1.700 stieg, war klar, dass wir es nicht aufführen können. Wir haben uns diesmal vollständig gegen digitale Formate entschieden. Zum einen, weil die Herstellung sehr aufwendig ist und dafür zu wenige zuschauen. Zum anderen habe ich das Gefühl, dass die Menschen es leid sind, am Bildschirm zu verfolgen, was sie lieber live besuchen würden. Auch Stefan Bley war der Meinung: „Machen wir lieber ein ordentliches Weihnachtskonzert statt online.“ Das wird er im nächsten Jahr in bewährter Weise wieder moderieren.

Das Weihnachtskonzert mit Stefan Bley gibt es in diesem Jahr bewusst nicht online. Nach den Lockdown-Produktionen 2020 war klar: Live ist live.
Das Weihnachtskonzert mit Stefan Bley gibt es in diesem Jahr bewusst nicht online. Nach den Lockdown-Produktionen 2020 war klar: Live ist live. © Nikolai Schmidt/Archiv

Die Plakate für das Neujahrskonzert hängen überall, es ist als Livestream angekündigt. Es wird also das einzige Onlineangebot des Theaters sein?

Richtig, beim Neujahrskonzert machen wir eine Ausnahme, das kann man am 1. Januar um 17 Uhr live auf unserer Website verfolgen. Wir haben es nicht vorher aufgenommen, um es dann abzuspielen, sondern die Musiker werden am Sonnabend wirklich in dieser Zeit auf der Bühne sein, und unser Publikum kann von zu Hause aus miterleben, wie die Kunst entsteht. Was wir ebenfalls online anbieten werden, ist eine Podiumsdiskussion am 9. Januar zum Thema Impfen.

Um auf ihr neues Impfangebot im Theater aufmerksam zu machen?

Auch, aber wir möchten vor allem einen Beitrag zu leisten, die Feindseligkeiten rund um dieses Thema abzubauen. Dazu haben wir Dr. Roger Hillert vom Medizinischen Labor Ostsachsen und den Anästhesisten Dr. Matthias Linke eingeladen, Leiter der Intensivstation in Bautzen. Sie werden Fragen rund um die Sorgen und Nöte beim Thema Impfen beantworten, die Zuschauer können uns ihre Fragen unter [email protected] oder live via Facebook schicken und so zur Debatte beitragen.

Als Sie Anfang des Jahres nach Görlitz und Zittau kamen, wurden gerade die Sparpläne des Landkreises nach einem Gutachten bekannt, das die Schließung und Zusammenlegung von Sparten vorschlug. Wie sieht es im Moment damit aus?

Die Pläne sind nicht vom Tisch, es gibt eine Arbeitsgruppe, in der die Vorschläge nach wie vor diskutiert werden und überlegt wird, wo man noch Geld sparen kann. Ich bin aber guter Hoffnung, dass wir das hinbekommen. Und dass der Kulturpakt mit Mitteln vom Freistaat verstetigt wird. Vor allem aber ist der Kulturraum in der Pflicht, uns mehr Mittel zuzuweisen.

2011 waren die Landesbühnen Sachsen mit zu den Einrichtungen gekommen, die durch den Kulturraum finanziert werden, damit blieb weniger für alle anderen. Seit 2020 werden die Landesbühnen wieder durch das Land finanziert, sodass wieder mehr Geld für die anderen Kultureinrichtungen zur Verfügung steht. Bei uns ist davon aber bislang nichts angekommen. Die Zuschüsse des Kulturraums sind für uns seit zehn Jahren unverändert, also praktisch gesunken angesichts allseits steigender Kosten.

Zusätzlich leeren sich die öffentlichen Kassen durch die Finanzierung der Corona-Maßnahmen. Was glauben Sie, wie wird sich die Pandemie langfristig auf das Theater auswirken?

Corona macht die wirtschaftliche Lage nicht einfacher. Die Maßnahmen sind alle richtig und funktionieren gut, aber wir geben ein Heidengeld für Tests und Sicherheitsmaßnahmen aus, bei null Einnahmen. Das kann auf Dauer nicht funktionieren. Aber damit kämpfen alle Häuser, alle haben ähnliche Probleme. Das betrifft auch die Zahl der Zuschauer, die wir zwischen den Lockdowns begrüßen konnten. Alle Theater beklagen, dass ihre Vorstellungen schwächer besucht waren als vor der Pandemie. Sicher haben viele Menschen Sorge vor Ansteckung, manche lehnen auch die Zugangsbeschränkungen ab. Aber einige haben sich vielleicht auch an die Situation gewöhnt, nutzen häufiger als früher Streamingdienste und kommen somit in Zukunft seltener in Livevorstellungen.

Aber die Theater in Görlitz und Zittau haben doch ein sehr treues Stammpublikum?

Um das machen wir uns auch keine Sorgen, unsere treuen Besucher sind toll und werden sicherlich auch weiterhin ins Theater kommen, sobald es möglich ist. Aber wir sind auch auf diejenigen angewiesen, die uns nur zwei- oder dreimal im Jahr besuchen. Um die werden wir in Zukunft besonders ringen müssen.

Mit brennenden Herzen?

Ganz genau. Ich würde mir auch wünschen, dass wir einander wieder mehr begegnen, mehr miteinander sprechen, mehr Argumente austauschen und einander nicht so unversöhnlich gegenüberstehen, wie es sich heute oftmals anfühlt. Um dazu anzuregen, gibt es das Theater.