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So plant das Klinikum Görlitz die Zeit nach Corona

Corona prägte die ersten 100 Tage für die neue Geschäftsführerin des Klinikums, Ines Hofmann. Welche Themen jetzt in den Vordergrund rücken, sagt sie im SZ-Interview.

Ines Hofmann führt jetzt die Geschäfte im Görlitzer Klinikum.
Ines Hofmann führt jetzt die Geschäfte im Görlitzer Klinikum. © André Schulze

Das Städtische Klinikum hat zum zweiten Mal einen Neustart in diesem Jahr vorgenommen: Nachdem die Corona-Pandemie im Februar schon einmal abgeflaut war und das Krankenhaus in den Normalbetrieb übergangen war, dauerte es nicht lange, dass die Zahl der Covid-19-Patienten in der dritten Welle wieder stieg. Nun hoffen die Mitarbeiter des Krankenhauses, dass sie dauerhaft im Alltag ohne Corona-Station angekommen sind. Das trifft sich mit den ersten 100 Tagen im Amt der neuen Geschäftsführerin des Klinikums, Ines Hofmann. Die SZ zog mit ihr eine Bilanz des zweifachen Starts.

Auch im Görlitzer Klinikum half die Bundeswehr während der Corona-Pandemie aus. Hier ist Generalarzt Bruno Most im Gespräch mit der damaligen Geschäftsführerin Ulrike Holtzsch.
Auch im Görlitzer Klinikum half die Bundeswehr während der Corona-Pandemie aus. Hier ist Generalarzt Bruno Most im Gespräch mit der damaligen Geschäftsführerin Ulrike Holtzsch. © Martin Schneider

Frau Hofmann, werden noch Covid-19-Patienten im Städtischen Klinikum Görlitz behandelt?

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Nein, seit zwei Wochen ist das nicht mehr der Fall. Wir haben zwar immer wieder mal Verdachtsfälle, die sich aber bislang nie bestätigt haben.

Ihr Haus arbeitet also im Normalbetrieb?

Theoretisch sind wir wieder im Normalbetrieb, seit Mitte Juni haben wir unser OP-Programm wieder hochgefahren. Alle Stationen sind voll belegt. Aber nach der Corona-Pandemie kämpfen wir gerade im pflegerischen Bereich mit Ausfällen. Derzeit haben wir eine Station noch nicht geöffnet, nutzen sie aber für die Untersuchungen vor einer OP.

Volle Coronastation vermeldete das Städtische Klinikum während der zweiten Welle der Corona-Pandemie ab November vergangenen Jahres.
Volle Coronastation vermeldete das Städtische Klinikum während der zweiten Welle der Corona-Pandemie ab November vergangenen Jahres. © Städtisches Klinikum Görlitz

Gewöhnlich finden planbare OP-Eingriffe im Frühjahr und Herbst vermehrt statt. Jetzt haben Sie den Sommer, um die verschobenen Operationen nachzuholen?

Ja, das ist so. Das haben wir im Juni schon gespürt. Doch auch bei unseren Mitarbeitern beginnt jetzt die Urlaubszeit, das begrenzt unsere Möglichkeiten ein wenig.

Über 60 Prozent der Mitarbeiter sind geimpft oder genesen

Als wir das letzte Mal im Februar miteinander sprachen, richtete sich das Klinikum auch schon auf einen Normalbetrieb nach der zweiten Welle ein. Das hielt nur eine Woche an, dann musste wegen der beginnenden dritten Welle schon wieder der Betrieb eingeschränkt werden. Was macht Sie so sicher, dass es dieses Mal anders sein wird?

Im Vergleich zum März ist jetzt eine große Zahl von Menschen durch Impfungen oder überstandene Infektionen gegen das Coronavirus immunisiert. Ich gehe zwar davon aus, dass wir im Herbst einzelne, auch schwere Fälle haben werden. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir nicht wieder Stationen ausschließlich für Covid-19-Patienten eröffnen müssen.

Wie groß ist denn die Impfbereitschaft unter den Mitarbeitern im Klinikum? Man hört immer wieder, dass sie vor allem unter Krankenschwestern und Pflegern nicht sehr ausgeprägt sein soll.

Unsere Ärzte haben da eine große Vorbildfunktion ausgeübt. Sie waren relativ schnell durchgeimpft. Bei den Pflegekräften war die Impfbereitschaft anfangs verhalten. Viele vom Impfen zu überzeugen, ist auch abhängig von der Haltung der Klinikumsleitung. Ich habe sehr fürs Impfen geworben, ob im innerbetrieblichen Intranet oder in meinem monatlichen Podcast. Und dann hat auch sehr positiv das zeitweise lokale Impfzentrum an unserem Haus gewirkt. Die gute Stimmung während dieser Impfungen strahlte auf alle im Klinikum aus. Mittlerweile denke ich, dass von unseren 1.500 Mitarbeitern gut zwei Drittel immunisiert sind. Das ist eine gute Quote.

Erstmals alle Klassen in Krankenhausakademie voll besetzt

Haben Sie durch die Belastungen viele Mitarbeiter verloren, die sich einen weniger stressigen Beruf gesucht haben?

Nein. Wir können keine erhöhte Fluktuation erkennen. Im Gegenteil. Zum ersten Mal haben wir an der Krankenhausakademie, die der Landkreis gemeinsam mit uns betreibt, sogar eine Warteliste, weil alle Ausbildungsplätze besetzt sind. Offensichtlich hat die verstärkte Berichterstattung in Zeitungen, Radio oder Fernsehen vielen jungen Leuten ein gutes Bild von der Branche vermittelt.

Wenn jetzt Corona den großen Stellenwert verloren hat für Ihr Haus, worauf richten sie nun Ihr Augenmerk?

Da gibt es drei Schwerpunkte, die ich auch zu meinem Start geäußert habe. Das ist die Altersmedizin, die Behandlung von Gefäßerkrankungen und von Tumorerkrankungen.

Neuer Linearbeschleuniger für 2022 geplant

Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer machte sich am 4. Dezember ein Bild von der Lage auf der Intensivstation im Görlitzer Klinikum.
Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer machte sich am 4. Dezember ein Bild von der Lage auf der Intensivstation im Görlitzer Klinikum. © Klinikum Görlitz

In der Altersmedizin hoffte Ihre Vorgängerin Frau Holtzsch noch auf einen Förderbescheid für den Neubau der Geriatrie, der kam aber bislang noch nicht.

Das verzögerte sich ein wenig, aber vorige Woche erreichte uns die Nachricht, dass der Bau in die Krankenhaus-Investitionsplanung des Freistaates aufgenommen wurde. Jetzt beginnt die Feinabstimmung, dann erwarten wir den Fördermittelbescheid.

Was beschäftigt Sie derzeit noch?

Wir planen, einen neuen Linearbeschleuniger für die Strahlentherapie anzuschaffen, da für das alte Gerät die Wartung Ende 2022 ausläuft. Diese Investition kostet uns rund 1,5 Millionen Euro. Wir schultern das, weil wir als Klinikum das einzige Haus jenseits von Dresden sind, das Krebspatienten umfassend behandeln kann. Das bauen wir auch aus. In unserer pathologischen Ambulanz führen wir seit Kurzem spezielle Gewebeuntersuchungen vor Ort durch, die bislang in Dresden erfolgen mussten. Dadurch können wir die Patienten schneller behandeln. Zudem wollen wir die OP-Kapazitäten für große urologische Krebs-OPs erweitern. Und schließlich müssen wir bei den Gefäßerkrankungen handeln, bei der Kardiologie ist die Region unterversorgt.

Was heißt das?

Wir pflegen eine gute Zusammenarbeit mit den Herzzentren in Dresden und Leipzig. Aber die Kollegen dort signalisieren uns, dass einige Patienten gar nicht zu ihnen geschickt werden müssten, sondern in einem Schwerpunktkrankenhaus wie Görlitz genauso gut aufgehoben sind. Wir haben in einem ersten Schritt die Innere Medizin umstrukturiert und ein Zentrum für Innere Medizin gegründet, das drei Säulen hat: die Geriatrie, die Kardiologie mit Nephrologie (Nierenkunde) und Intensivmedizin sowie die Onkologie, Strahlentherapie, Gastroenterologie und Pulmologie (Lungenerkrankungen). Während die Chefärzte Zeller (Geriatrie) und Karbaum (Onkologie) ihre Fachgebiete weiter leiten, suchen wir noch eine oder einen neuen Chefarzt für die Klinik für Innere Medizin. Vor allem aber sollen die Teilgebiete besser zusammenarbeiten, sowohl zwischen den einzelnen Stationen als auch mit niedergelassenen Fachärzten.

Wie schwierig ist die Nachbesetzung von Stellen?

Weil wir Lehrkrankenhaus des Uniklinikums Dresden sind und eine sehr gute Kooperation mit der Universität Breslau pflegen, können wir Ärzten sehr gute Bedingungen für ihre Weiterbildung zum Facharzt nach dem Studium bieten. Fertige Fachärzte zu bekommen, ist schon schwieriger. Deswegen versuchen wir, die Ärzte schon in ihrer Ausbildung an unser Haus zu binden. Im pflegerischen Bereich sind wir mit unserer Ausbildung mit der Tochter "Krankenhausakademie" sehr gut aufgestellt, seit diesem Jahr auch mit einer Klasse, die im März startet.

Trotz Corona hat das Städtische Klinikum das Jahr 2020 mit einem Überschuss abgeschlossen. Sieht es für dieses Jahr auch wieder gut aus?

In der Form definitiv nicht. Das liegt auch an den Freihaltepauschalen für Betten wegen der Corona-Pandemie, die für dieses Jahr gekürzt wurden.

Auf Dauer weniger Klinikbetten im Kreis Görlitz

Die alten Krankenhausthemen sind die neuen nach Corona. Stichwort Finanzierung. Jetzt heißt es wieder, es gibt zu viele Krankenhäuser in Deutschland. Was kommt da auf uns zu?

Aufgrund der demografischen Entwicklung und der Stärkung des ambulanten Sektors werden wir im Landkreis mit weniger Betten in den Krankenhäusern auskommen müssen. Andererseits erwarten die Menschen zu Recht, dass sie versorgt und behandelt werden. Das soll verstärkt ambulant geschehen. Aus meiner Sicht müssen daher der stationäre und ambulante Sektor zusammenwachsen. Es kann ja nicht sein, dass, wenn jemand zu uns kommt und wir ihn ambulant versorgen, wir dafür nicht das Geld bekommen, weil gesagt wird, ihr seid ein Krankenhaus und dürft das nicht tun. Zumal es im niedergelassenen Bereich ja ebenso Probleme gibt, ausreichend Fachärzte zu gewinnen.

In Weißwasser scheint die Situation am Krankenhaus besonders kritisch zu sein. Zuletzt wurde die Kinderstation aufgelöst. Sie sind eingesprungen, was bedeutet das?

Wir haben einen Kooperationsvertrag abgeschlossen, dass unsere Ärzte helfen. Bei Geburten, wo nicht alles optimal läuft, beraten wir, notfalls holen wir das Kind nach Görlitz. Wir stehen bereit, die Kinder zu versorgen.

Ist das erst der Anfang für Veränderungen?

Ich denke ja. Dass kleinere Krankenhäuser einzelne Fachbereiche nicht mehr betreiben können, ist Ergebnis des Personalmangels. Man wird in solchen Kliniken immer eine Grundversorgung der Inneren Medizin und der Chirurgie benötigen, aber darüber hinaus wird es schwierig.

Kliniken warten auf Signale der Politik

Der ausgeschiedene Chef der Kreis-Krankenhäuser, Andreas Grahlemann, der langjährige Görlitzer Chefarzt der Unfallchirurgie, Dr. Uwe-Karsten Schöbel - sie alle sagen, es braucht mehr Kooperation zwischen den Kliniken, sei es mit denen des Kreises oder mit dem Carolus. Von der Kommunalpolitik kommen solche Signale kaum. Sind die Ärzte weiter?

Ja, ich denke schon. Aber man sollte die Politik nicht unterschätzen. Vorgaben zu Qualitätskennzahlen oder Mindest-OP-Zahlen zwingen die Kliniken zur Konsolidierung.

Und damit zur Zusammenarbeit?

Wir haben es mit verschiedenen Trägern bei den Krankenhäusern zu tun, die zunächst einen Versorgungsauftrag haben, den sie erfüllen müssen. Jeder Geschäftsführer schaut, wie er sein Haus am besten positionieren kann. Das heißt für mich, das Haus zukunftssicher zu gestalten, die bestmögliche Behandlung unseren Patienten angedeihen zu lassen und schwarze Zahlen zu schreiben.

Aber parallele Fachbereiche wie am Carolus und dem Klinikum in Görlitz schaden doch am Ende allen.

Wir sprechen ganz viel mit dem Carolus, allein ich habe mich schon viermal mit dessen Leitung getroffen. Wir bauen dabei Vertrauen für eine andere Zusammenarbeit auf, um reagieren zu können, wenn die Politik ein Signal gibt.

Sind Sie zufrieden mit Ihren ersten 100 Tagen?

Corona trübt diese ersten 100 Tage zwar, aber ich denke schon, dass die Krankenhaus-Direktion gut funktioniert, sich unsere Mitarbeiter - egal an welchem Platz - für die Versorgung der Patienten einsetzen und alle einen guten Job machen. Ich freue mich, hier arbeiten zu dürfen - und das ist ein starkes Zeichen für Zufriedenheit.

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