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Spekulanten versteigern Görlitzer Häuser

Familie Spettmann erwarb drei Görlitzer Gebäude, hat sie aber noch nicht bezahlt. Trotzdem will sie die Immobilien am 15. Mai selbst zu Geld machen.

Das Haus Bahnhofstraße 54 hat einen Verkehrswert von 40.000 Euro. Leonardo Spettmann erhielt bei der Zwangsversteigerung bei 46.000 Euro den Zuschlag. Bei der privaten Auktion ist es angeblich ab einem Startpreis von 500 Euro zu haben.
Das Haus Bahnhofstraße 54 hat einen Verkehrswert von 40.000 Euro. Leonardo Spettmann erhielt bei der Zwangsversteigerung bei 46.000 Euro den Zuschlag. Bei der privaten Auktion ist es angeblich ab einem Startpreis von 500 Euro zu haben. © Martin Schneider

Die Anzeige auf der Internetseite Immoscout24 klang für Andreas Kasper* verlockend: Nur 500 Euro soll das ruinöse Mehrfamilienhaus Bahnhofstraße 54 in Görlitz kosten. Angeboten wird es von Anastasia Spettmann und ihrer Gelago Immobilien GmbH. Sie schreibt in der Anzeige: „Der angegebene Kaufpreis in Höhe von 500 Euro dient lediglich als Orientierungshilfe, wir freuen uns auf Ihr Angebot.“

500 Euro? Da konnte Kasper schwer nein sagen. Und schrieb die Verkäuferin an. Die Antwort aber überraschte ihn: „Diese Immobilie wird am 15. Mai um 12 Uhr im Zuge einer privaten Immobilienauktion versteigert“, schrieb Anastasia Spettmann. Und weiter: „Selbstverständlich können Sie vorab ein Gebot abgeben und das Objekt vor Versteigerungsbeginn erwerben.“

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Vater Karl Leo Spettmann (links) saß insgesamt zehn Jahre in Haft. Sohn Leonardo Spettmann (rechts) ersteigerte in Görlitz die beiden Ruinen. Tochter Anastasia Spettmann verkauft die Ruinen weiter.
Vater Karl Leo Spettmann (links) saß insgesamt zehn Jahre in Haft. Sohn Leonardo Spettmann (rechts) ersteigerte in Görlitz die beiden Ruinen. Tochter Anastasia Spettmann verkauft die Ruinen weiter. © Fotos: Express

Kasper lebt nicht in Görlitz. Was er nicht ahnen konnte: Die Bahnhofstraße 54 stand kürzlich in Görlitz zur Zwangsversteigerung, genau wie kurz zuvor die ebenfalls ruinösen Gebäude Bismarckstraße 18 und Rauschwalder Straße 53. Leonardo Spettmann aus Geldern/Düsseldorf – der Bruder von Anastasia Spettmann – erhielt für alle drei Häuser den Zuschlag. Allerdings nicht für sich oder seine Schwester, sondern für Roberto Petrucci aus Rom. Der ist vermutlich nur ein Strohmann: Auf der Adresse in Rom, die Spettmann dem Gericht präsentierte, war er schon vor drei Jahren nicht mehr erreichbar.

Bezahlt haben Petrucci und Spettmann die Gebäude noch nicht, lediglich eine kleine Anzahlung – 6.280 Euro für alle drei zusammen – mussten sie vor den Versteigerungsterminen leisten. Der Rest ist bei der Bahnhofstraße bis 18. Mai fällig, bei der Bismarckstraße gar erst Ende Juni.

Neun Häuser jeweils ab 500 Euro

Trotzdem wollen Spettmanns nun sämtliche Gebäude versteigern. Mehr Infos dazu finden sich auf der Facebook-Seite „500Euro.Haus“. Insgesamt sind es sogar neun Mehrfamilienhäuser, die zum Startpreis von je 500 Euro am 15. Mai, ab 12 Uhr versteigert werden. Fünf stehen in Görlitz: Neben den drei Genannten auch die James-von-Moltke-Straße 35 sowie die Hohe Straße 11, beides unsanierte Eckhäuser. Die anderen vier befinden sich in Kottmar bei Löbau, Rhinow (Brandenburg), Bad Lauchstädt und Helbra (beide Sachsen-Anhalt).

Auf Nachfrage erhielt Andreas Kasper noch eine weitere Information: „Die Auktion, die wir durchführen werden, wird eine Online-Auktion. Sie können als Online- oder als Telefonbieter mitbieten.“

Vater tritt selbst in Erscheinung

Besonders pikant ist die Facebook-Seite: Sie ist angemeldet auf Karl Leo Spettmann, den Vater von Leonardo und Anastasia. Der ist aber schwer angeschlagen: Er war Chef einer Schlüsseldienst-Mafia und hat die vergangenen Jahre in Haft verbracht. Bei seinem Verfahren war es um gewerbsmäßigen Bandenbetrug, Steuerhinterziehung, Wucher und vieles mehr gegangen. „Karl Leo S. ist nach sechs Jahren Untersuchungshaft unter schweren Auflagen wieder auf freiem Fuß“, schreibt der WDR. Welche Auflagen das genau sind, ist nicht bekannt. Es könnte aber ein Hinweis darauf sein, warum in Görlitz nicht der Vater, sondern der Sohn auf die Häuser geboten hat.

Umso unklarer ist, warum der Vater nun bei Facebook ganz öffentlich in Erscheinung tritt. Des Weiteren sind im Impressum plötzlich zwei Adressen in Berlin – Warthestraße 58 und Köthener Straße 38 – angegeben. Bisher firmierten Spettmanns immer unter Briefkastenadressen in Geldern und Düsseldorf. Die Telefonnummer 0177-7777777 allerdings ist auch diesmal wieder identisch. Es ist die Nummer, die Karl Leo Spettmann bereits zu Schlüsseldienst-Zeiten nutzte.

Altes Geschäftsmodell reaktiviert

Die Facebook-Seite wurde am 18. Februar 2015 erstellt. Am 22. März 2015 sollten 58 Immobilien jeweils ab 500 Euro versteigert werden, am 22. Juni 2015 weitere 50 Immobilien. Der letzte Eintrag auf der Seite stammt vom 5. Oktober 2015. Danach kam Karl Leo Spettmann ins Gefängnis. Erst am 18. März 2021 wurde die Facebook-Seite wiederbelebt. Wohl kein Zufall: Drei Tage zuvor hatte Spettmann das erste Haus in Görlitz ersteigert. Er scheint also jetzt ein altes Geschäftsmodell zu reaktivieren.

Unklar ist aber nach wie vor, wie dieses Modell genau aussieht. Gibt es den Römer oder gibt es ihn nicht? Und wer soll geprellt werden: Die Stadt Görlitz, die die Häuser zwangsversteigern ließ, oder künftige Käufer? Oder gar beide? Ein Görlitzer Branchenkenner hatte bereits gesagt, dass er glaubt, dass Spettmann die Preise aus den Zwangsversteigerungen nicht zahlen wird. Er bleibt bei dieser Ansicht: „Ich sehe noch immer keinen plausiblen Grund, ein Haus in der Versteigerung für ein Vielfaches des Verkehrswertes zu ersteigern, um es dann für einen Bruchteil davon wieder zum Verkauf anzubieten.“ Dahinter könne wohl nur der Vorsatz stecken, dass einer verliert, nämlich die Stadt Görlitz als Gläubigerin des Versteigerungsverfahrens. „Alles in allem: Möglichst breite und schrille Werbung, um die Objekte schnellstmöglich weiterzuverkaufen“, sagt er.

Vorsicht bei Kaufpreiszahlung

Andreas Kasper überlegt derweil, am 15. Mai für die Bahnhofstraße 54 mitzubieten. Doch er will vorsichtig sein: Den Kaufpreis will er erst zahlen, wenn der Notar bestätigt, dass die Auflassungsvormerkung zu seinem Gunsten im Grundbuch eingetragen wurde.

* ... Name auf Wunsch geändert

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