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Görlitzer Neißeufer wird zum Herz des Strukturwandels

Hochschule, Großforschungszentrum, Casus-Institut, Stadthalle - sie alle könnten eine Forschungslandschaft an der Neiße bilden. Eine bekannte Softwarefirma macht jetzt dafür Platz.

Von Ingo Kramer
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Auf Du und Du mit einem Roboter konnten Besucher im Sommer beim Casus-Geburtstag im Görlitzer Uferpark sein.
Auf Du und Du mit einem Roboter konnten Besucher im Sommer beim Casus-Geburtstag im Görlitzer Uferpark sein. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Im Sommer gab es schon mal einen kleinen Vorgeschmack, was eine Wissenschaftsmeile an der Neiße in Görlitz sein kann. Im Uferpark feierte das Forschungsinstitut Casus sein zweijähriges Bestehen: Die Besucher konnten Roboter erleben, 3-D-Brillen aufsetzen oder einfach mit den jungen Forschern ins Gespräch kommen. Und schließlich auch noch das alte Kondensatorenwerk an der Uferstraße besichtigen, das einmal das Institut beherbergen soll.

Doch nun scheint sich die Wissenschaftsmeile weiterzuentwickeln. Der Freistaat hält sich zwar noch ein bisschen bedeckt. Und das hängt mit der Brückenstraße 10 zusammen, in der gegenwärtig das Software-Center von Expleo seinen Sitz hat. Denn da tut sich etwas. Noch gehört das Gebäude nicht dem Freistaat, sagt Alwin-Rainer Zipfl vom Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement. Doch der Freistaat will das Gebäude erwerben. „Wir können bestätigen, dass der Freistaat mit dem Eigentümer Gespräche hinsichtlich eines Erwerbs führt.“

Beim Tag der offenen Tür des Casus-Instituts im Uferpark konnten Besucher das ehemalige Kondensatorenwerk besuchen.
Beim Tag der offenen Tür des Casus-Instituts im Uferpark konnten Besucher das ehemalige Kondensatorenwerk besuchen. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

„Perspektivisch soll das Objekt der Unterbringung der Hochschule Zittau/Görlitz dienen“, sagt Zipfl. Die Verhandlungen seien aber noch nicht abgeschlossen, sodass er derzeit noch keine Details nennen könne.

Casus, Hochschule und Großforschungszentrum an einem Ort?

Doch wenn es irgendwann so weit ist, könnte das Gebäude zu einem Bestandteil einer echten Wissenschaftsmeile entlang der Neiße in Görlitz werden. Die würde an der heutigen Ruine des Kondensatorenwerkes auf der Uferstraße beginnen und bis rauf zur ehemaligen II. Medizinschen Klinik an der Dr.-Kahlbaum-Allee reichen. Zumindest das Kondensatorenwerk hat sich der Freistaat bereits gesichert. Es soll bis 2026 für das Forschungsinstitut Casus saniert werden, das am Untermarkt aus allen Nähten platzt und für die Zeit bis zum Abschluss der Sanierung des Kondensatorenwerkes ein Übergangsquartier benötigt.

Viel los im Uferpark: Er könnte künftig mitten in einer Wissenschaftsmeile liegen.
Viel los im Uferpark: Er könnte künftig mitten in einer Wissenschaftsmeile liegen. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Zweite Station der Wissenschaftsmeile wäre die heutige Hochschule, die mit dem bisherigen Expleo-Gebäude räumlich noch einmal deutlich wachsen würde. Den Abschluss der Meile könnte die ehemalige II. Medizinsche Klinik bilden. Auch wenn darüber offiziell noch niemand spricht: Inoffiziell gilt es als ziemlich wahrscheinlich, dass das neue große Großforschungszentrum – sollte Görlitz den Zuschlag bekommen – hier seinen Sitz haben wird.

Und mitten in der Meile liegt auch noch die Stadthalle, in der nach einer Sanierung auch Tagungen und Kongresse stattfinden könnten. Im soeben vorgelegten Betriebskonzept des städtischen Kulturservices für die Stadthalle wird Hochschulrektor Alexander Kratzsch mit den Worten zitiert, dass Hochschule und Stadthalle ein Ensemble bilden, "dessen Nutzung sowohl für die Stadt als auch für die Hochschule - nicht nur aus organisatorischen Gründen - attraktiv ist." Und Casus-Chef Michael Bussmann sieht in dem Exposé ebenso vielfältige Verknüpfungen zwischen seinen Aktivitäten und der Stadthalle.

Expleo zieht auf die Konsulstraße um

Momentan ist das meiste davon noch Zukunftsmusik, einzig die Hochschule ist schon da. Doch zumindest bei Expleo wird es mittlerweile sehr konkret: Die Firma, die früher SQS hieß, zieht von der Brückenstraße 10 in die Konsulstraße 23. Das Gebäude beherbergte einst die Lernförderschule „A.S. Makarenko“. Die wurde 2004/05 geschlossen. Später war das Haus Wohnheim für Schüler des Berufsschulzentrums. 2016 zog die Waldorfschule ein. Sie blieb bis zu ihrem Umzug in den ehemaligen Güterbahnhof im Jahr 2020 hier.

Das helle Gebäude Konsulstraße 23 war Förderschule, dann Wohnheim, zuletzt Waldorfschule. Künftig zieht hier die Softwarefirma Expleo ein. Sie verlässt das Neißeufer.
Das helle Gebäude Konsulstraße 23 war Förderschule, dann Wohnheim, zuletzt Waldorfschule. Künftig zieht hier die Softwarefirma Expleo ein. Sie verlässt das Neißeufer. ©  Archivfoto: Nikolai Schmidt

Nun laufen ein großer Umbau sowie eine Komplettsanierung für das Görlitzer Softwaretest-Center der Expleo Technology GmbH. „Dafür entstehen in den Büros 170 Arbeitsplätze“, berichtet die städtische Tochtergesellschaft Kommwohnen auf ihrer Internetseite. Bisher sitzen die Expleo-Mitarbeiter nicht nur an der Brücken-, sondern auch an der Jakobstraße. Im neuen Domizil soll dann alles konzentriert werden. „Dafür sind umfassende Umbauten nötig, vor allem was die technische Ausstattung angeht“, schreibt Kommwohnen. Für ihre Arbeit brauchen die Expleo-Mitarbeiter schnelle Datenleitungen und eine sehr gute Internetanbindung. Im Moment seien überall im Gebäude dicke Kabelstränge zu sehen, die nach und nach in Wänden und Zwischendecken verschwinden. Ein Aufzug wird eingebaut, der alle Etagen erreicht. Und auch eine Klimaanlage für das ganze Haus ist eingeplant.

Umzug ist für Sommer geplant

Wenn alles nach Plan läuft, arbeitet Expleo ab Juli in der Konsulstraße. Nach eigenen Angaben will die Firma weiter wachsen und zusätzliche Mitarbeiter einstellen. Die Testung von Software erfreue sich einer großen Nachfrage in den Branchen Telekommunikation, Maschinen- und Anlagenbau, Energie und Versorgung, Automobilindustrie, Einzelhandel und Logistik, Finanz- und Versicherungsdienstleistungen, Bank und Verkehr. All das geschieht von Görlitz aus für Kunden aus aller Welt.

Das Gebäude war vorige Woche auch Thema im Stadtrat. Mit einem einstimmigen Beschluss änderten die Stadträte den seit 2005 bestehenden Erbbaurechtsvertrag für das Gebäude. Das war nötig, weil der ursprüngliche Zweck (Wohnheim) nicht mehr da ist. „Nur mit der Änderung des Vertrages wird die neue Nutzung möglich“, erläuterte Bürgermeister Michael Wieler im Stadtrat. Weil es künftig eine wirtschaftliche Nutzung gibt, erhöht sich auch der Erbbauzins, den Kommwohnen zahlen muss. Langfristig will die Tochtergesellschaft der Stadt das Gebäude abkaufen.

Von der neuen Wissenschaftsmeile wird Expleo dann also ein paar Straßen entfernt sein. Bei eventuellem Kooperationsbedarf aber trotzdem noch ganz nah.