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Das sind die jungen Casus-Forscher

Am Casus-Institut auf dem Untermarkt arbeiten Wissenschaftler aus aller Welt. Die Informatikerin Pia Hanfeld ist glücklich, wieder hier sein zu können.

Pia Hanfeld hat nach ihrem Abitur am Görlitzer Joliot-Curie-Gymnasium Forensik studiert und forscht bei Casus zu Cyberkriminalität.
Pia Hanfeld hat nach ihrem Abitur am Görlitzer Joliot-Curie-Gymnasium Forensik studiert und forscht bei Casus zu Cyberkriminalität. © André Schulze

Als Pia Hanfeld studierte und sich mit Künstlicher Intelligenz und Autonomem Fahren beschäftigte, sah sie sich schon in einer westdeutschen Großstadt bei einem großen Fahrzeughersteller arbeiten. "Ich hatte mich darauf eingestellt, für lange Zeit nicht nach Görlitz zurückkehren zu können", sagt die 26-Jährige. 

Doch dann erfuhr sie Ende 2019 von der Gründung eines neuen Forschungsinstituts in Görlitz. "Mein Herz schlug höher, als ich auf der Casus-Homepage las, dass eins der Forschungsthemen das Autonome Fahren ist!"

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Künstliche Intelligenz hacken

Darauf hat sich Pia Hanfeld spezialisiert. Sie erforscht die Sicherheit automatischer Steuerungssysteme von Fahrzeugen, indem sie versucht, sich in sie einzuhacken, um später herauszufinden, wie man diese Schwachstelle vermeiden kann. "Künstliche Intelligenz lässt sich verwirren, wenn sie zum Beispiel ein Bild, eine Botschaft verarbeitet, die wir Menschen gar nicht sehen können." 

Wenn nun die Kamerabilder oder Sensoren, nach denen sich die Künstliche Intelligenz beim Fahren richtet, gestört sind oder manipuliert wurden, kann es passieren, dass das Auto andere Dinge tut, als es soll. Um diese Systeme sicherer zu machen, braucht es Menschen wie Pia Hanfeld.

Die junge Frau wurde in Leipzig geboren und wuchs in Seifhennersdorf auf. Später zog ihre Familie nach Görlitz. Hier verbrachte Pia Hanfeld die letzten Jahre ihrer Schulzeit und machte am Curie Abitur. Dort war sie bei Weitem nicht das einzige Mädchen, das sich für ein naturwissenschaftliches Studium interessierte. 

Informatik statt Medizin studiert

"Eigentlich wollte ich Ärztin werden, aber für ein Medizinstudium hätte ich einen besseren Abidurchschnitt gebraucht." Deshalb ließ sie sich erst einmal zwei Jahre lang zur staatlich anerkannten Rettungsassistentin ausbilden und überlegte dann neu: Einfach arbeiten gehen und Geld verdienen oder doch noch studieren? 

Da sie sich schon immer gern mit Videospielen befasste und erfahren wollte, wie man sie programmiert, entschied sie sich für einen Studiengang, der ihre Interessen verband: Allgemeine und digitale Forensik an der Hochschule Mittweida. 

"Ich hätte mich auch für die Polizeiarbeit spezialisieren können", sagt Pia Hanfeld, "aber ich habe mich auf die Informatik konzentriert." Ihre Masterarbeit im Gebiet Cybercrime und Cybersecurity, also Kriminalität und Sicherheit im Internet, schreibt sie über die Sicherheit autonomer Fahrsysteme. Danach wird sie voraussichtlich bei Casus bleiben können. "Denn der Forschungsbereich Autonomes Fahren soll hier weiter ausgebaut werden."

Simulationen für große Veränderungen

Insgesamt arbeitet Casus, ein Institut des Dresdner Helmholtz-Zentrums, das mit weiteren Forschungszentren kooperiert, interdisziplinär und verbindet damit die Forschungen mehrerer Fachrichtungen miteinander. Vor allem geht es darum, große, abstrakte Datenmengen in Simulationen sichtbar zu machen, damit man verschiedene Prozesse beobachten, daran lernen und versuchen kann, zukünftige Entwicklungen vorherzusagen. Etwa Veränderungen des Klimas, die Bewegung des Universums oder auch Vorgänge in menschlichen Zellen.

Zhandos Moldabekov (30) kam aus Alma-Ata in Kasachstan mit seiner Familie nach Görlitz. Am Casus-Institut erforscht der junge Physiker Zustände von Materie unter Extrembedingungen, wie sie nur im Weltall oder im heißen Erdkern vorkommen. "Wir wollen diese Materie verstehen lernen", sagt er, "auch damit unsere Forschung zukünftig zur Erschließung neuer Energiequellen genutzt werden kann." Er erfuhr über einen Freund, der bereits bei Casus arbeitet, von dem Görlitzer Forschungsinstitut, und bewarb sich hier. Anfang Oktober kam er mit seiner Frau und seinen drei Kindern im Alter zwischen zehn Wochen und sieben Jahren in die Stadt und hat hier einen guten Platz für seine Familie gefunden. (ie)
Zhandos Moldabekov (30) kam aus Alma-Ata in Kasachstan mit seiner Familie nach Görlitz. Am Casus-Institut erforscht der junge Physiker Zustände von Materie unter Extrembedingungen, wie sie nur im Weltall oder im heißen Erdkern vorkommen. "Wir wollen diese Materie verstehen lernen", sagt er, "auch damit unsere Forschung zukünftig zur Erschließung neuer Energiequellen genutzt werden kann." Er erfuhr über einen Freund, der bereits bei Casus arbeitet, von dem Görlitzer Forschungsinstitut, und bewarb sich hier. Anfang Oktober kam er mit seiner Frau und seinen drei Kindern im Alter zwischen zehn Wochen und sieben Jahren in die Stadt und hat hier einen guten Platz für seine Familie gefunden. (ie) © André Schulze
Jiri Vyskocil (36) arbeitet seit August bei Casus. Als der Computerphysiker und Softwarearchitekt seine Doktorarbeit an der Technischen Universität Prag verteidigte, war der Leiter des Casus-Instituts Michael Bussmann unter denen, die sie bewerteten. Im Gespräch erfuhr Vyskocil von Casus und Görlitz. Hier untersucht er nun große Softwaresysteme aus unterschiedlichen Disziplinen auf Gemeinsamkeiten, damit in Zukunft bestimmte Programmierungen übergreifend genutzt werden können. Obwohl er als Prager verwöhnt ist von schöner Architektur, empfindet er Görlitz als einzigartig, vor allem wegen der Nähe zu Polen. "Ich gehe gern laufen, erkunde die Gegend und glaube, dass man hier – nach Corona – viel erleben kann." (ie)
Jiri Vyskocil (36) arbeitet seit August bei Casus. Als der Computerphysiker und Softwarearchitekt seine Doktorarbeit an der Technischen Universität Prag verteidigte, war der Leiter des Casus-Instituts Michael Bussmann unter denen, die sie bewerteten. Im Gespräch erfuhr Vyskocil von Casus und Görlitz. Hier untersucht er nun große Softwaresysteme aus unterschiedlichen Disziplinen auf Gemeinsamkeiten, damit in Zukunft bestimmte Programmierungen übergreifend genutzt werden können. Obwohl er als Prager verwöhnt ist von schöner Architektur, empfindet er Görlitz als einzigartig, vor allem wegen der Nähe zu Polen. "Ich gehe gern laufen, erkunde die Gegend und glaube, dass man hier – nach Corona – viel erleben kann." (ie) © André Schulze
Sachin Krishnan Thekke Veettil (28) aus Indien kam als einer der ersten Mitarbeiter im Februar zu Casus. Er hatte zu einem Professor am Max-Planck-Institut Kontakt aufgenommen, bei dem er seine Post-Doktor-Arbeit schreiben wollte. Der verwies ihn an Casus als Kooperationspartner des Max-Planck-Instituts. Der Physiker programmiert nun Simulationen aus der Systembiologe und macht so Prozesse in kleinsten Einheiten, etwa Zellen, sichtbar. Während seiner ersten Monate in Görlitz hat er sich gut eingelebt, Deutsch gelernt, Freunde unter den Kollegen gefunden und mehrere Inder kennengelernt, die wie er in Görlitz leben. Unter anderem die Betreiberin des Café Oriental Uma Zimmermann. (ie)
Sachin Krishnan Thekke Veettil (28) aus Indien kam als einer der ersten Mitarbeiter im Februar zu Casus. Er hatte zu einem Professor am Max-Planck-Institut Kontakt aufgenommen, bei dem er seine Post-Doktor-Arbeit schreiben wollte. Der verwies ihn an Casus als Kooperationspartner des Max-Planck-Instituts. Der Physiker programmiert nun Simulationen aus der Systembiologe und macht so Prozesse in kleinsten Einheiten, etwa Zellen, sichtbar. Während seiner ersten Monate in Görlitz hat er sich gut eingelebt, Deutsch gelernt, Freunde unter den Kollegen gefunden und mehrere Inder kennengelernt, die wie er in Görlitz leben. Unter anderem die Betreiberin des Café Oriental Uma Zimmermann. (ie) © André Schulze
Timothy Callow (26) kommt aus Großbritannien und ist erst seit wenigen Wochen in der Stadt. Der Physiker bewarb sich auf eine Stellenanzeige des Casus-Instituts, weil ihn dessen innovativer, interdisziplinärer Ansatz interessierte. Einen der Wissenschaftler von hier kannte er bereits. Wie Zhandos Moldabekov erforscht auch Timothy Callow Zustände von Materie unter Extrembedingungen. "Leider hatte ich bisher nur wenig Gelegenheit, die Stadt kennenzulernen", sagt er, "aber die Cafés auf dem Untermarkt und Spaziergänge an der Neiße gefallen mir schon mal." In Zukunft möchte er Deutsch lernen, um sich im Görlitzer Alltag besser verständigen zu können.
Timothy Callow (26) kommt aus Großbritannien und ist erst seit wenigen Wochen in der Stadt. Der Physiker bewarb sich auf eine Stellenanzeige des Casus-Instituts, weil ihn dessen innovativer, interdisziplinärer Ansatz interessierte. Einen der Wissenschaftler von hier kannte er bereits. Wie Zhandos Moldabekov erforscht auch Timothy Callow Zustände von Materie unter Extrembedingungen. "Leider hatte ich bisher nur wenig Gelegenheit, die Stadt kennenzulernen", sagt er, "aber die Cafés auf dem Untermarkt und Spaziergänge an der Neiße gefallen mir schon mal." In Zukunft möchte er Deutsch lernen, um sich im Görlitzer Alltag besser verständigen zu können. © André Schulze

Bei Casus arbeiten aktuell rund 25 Menschen aus aller Welt, in zwei Jahren sollen es doppelt so viele sein. Das Gebäude am Untermarkt ist bereits jetzt ausgelastet. Das frühere Kondensatorenwerk an der Uferstraße ist als zukünftiger Sitz von Casus vorgesehen, aber die Sanierung braucht Zeit. Deshalb sucht das Institut aktuell nach einem weiteren Gebäude in Fußnähe zum Untermarkt, in dem sich schnell Büroräume einrichten lassen.

Junge Frau im "Männerberuf"

In der Mehrzahl arbeiten bei Casus Männer, aber eben auch Frauen wie Pia Hanfeld. Damit ist sie ein Beispiel, das Hoffnung macht auf eine Trendwende: Heißt es häufig, junge Frauen im Osten Deutschlands fehlten heute in naturwissenschaftlichen Berufen, so haben in ihrem Informatikstudiengang zur Hälfte Frauen studiert. 

Und sie ist ein Beispiel für junge, gut ausgebildete Frauen, die in Görlitz bleiben wollen und auch die Möglichkeit dazu haben. "Für mich und meine Familie ist es wunderbar, dass ich wieder nach Görlitz zurückkommen konnte", sagt Pia Hanfeld. 

Viele sehen das Potenzial der Stadt nicht

"Und ich bin – auch wenn das pathetisch klingt – glücklich, meiner Stadt etwas zurückgeben zu können." In ihrer Jugend hatte sie den Umzug nach Görlitz als befreiend erlebt. Heute spürt sie, wie sich ihre Wahlheimat weiter zum Positiven verändert hat. Die Rabryka und die Initiativen auf der Jakobstraße nennt sie als Beispiele. 

"Viele beschweren sich nur darüber, dass die jungen Leute wegziehen und sich nichts verbessert", sagt Pia Hanfeld. "Dabei sehen sie gar nicht, wie viel um sie herum geschieht und wie viel Potenzial die Stadt hat!" Ihre Kollegen oder auch Gäste des Instituts seien oft begeistert und erstaunt, was Görlitz alles zu bieten hat.

"Und wenn wir bei Casus immer mehr werden", sagt Pia Hanfeld, "können wir vielleicht dazu beitragen, den Altersdurchschnitt in Görlitz zu senken und das Durchschnittsgehalt heben." Das könne eine tolle Botschaft in die Welt sein, die zeigt, dass man in Görlitz gut leben und auch arbeiten kann.

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