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Jüdische Nachfahren sind jetzt auch in Görlitz zu Hause

Die Enkel von jüdischen Görlitzern haben gute Erfahrungen in der alten Heimat ihrer Familien gemacht. Das verdanken sie Lauren Leiderman und Daniel Breutmann.

Von Ines Eifler
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Lauren Leiderman und Daniel Breutmann haben die Jüdische Gedenkwoche Görlitz organisiert.
Lauren Leiderman und Daniel Breutmann haben die Jüdische Gedenkwoche Görlitz organisiert. © Martin Schneider

Was für eine Woche! 20 Nachfahren von Görlitzer Juden waren seit vorigen Dienstag in der Stadt, um die erste Jüdische Gedenkwoche Görlitz mitzugestalten und mitzuerleben.

Zahlreiche Erinnerungen von ihren Großeltern und Urgroßeltern haben sie mitgebracht, endlich persönlich Menschen kennengelernt, deren Vorfahren eng mit ihren eigenen befreundet waren. Und sie haben die Stadt, in der ihre Familien manches Glück und später großes Leid erlebten, zum ersten Mal oder nach langer Zeit wieder gesehen.

Schüler fragen nach der Geschichte

"Für uns Organisatoren war es eine vollkommen geglückte und erfolgreiche Woche", sagt Lauren Leiderman, die es mit Unterstützung der US-amerikanischen Botschaft geschafft hatte, diese Nachfahren vor allem aus den USA, aber auch aus Israel, Großbritannien, Argentinien, Norwegen und Berlin nach Görlitz einzuladen. "Und ich bin sehr froh, dass eingetroffen ist, was ich mir gewünscht hatte – das Interesse und die Akzeptanz der Görlitzer."

Peter Feldmann, Nachkomme geflüchteter Görlitzer Juden, erzählte Schülern des Joliot-Curie-Gymnasiums seine Familiengeschichte.
Peter Feldmann, Nachkomme geflüchteter Görlitzer Juden, erzählte Schülern des Joliot-Curie-Gymnasiums seine Familiengeschichte. © Martin Schneider

So waren bei den Stolpersteinverlegungen am Freitag sehr viele Görlitzer, am Abend auch Zgorzelecer anwesend. "Besonders haben wir uns gefreut, dass auch Schüler der Evangelischen Oberschule da waren", sagt Daniel Breutmann, der in Görlitz der Ansprechpartner für die Stolpersteine ist und die Veranstaltungen der Jüdischen Gedenkwoche gemeinsam mit Lauren Leiderman organisiert hat. Weitere Schüler erfuhren am Montag im Curie-Gymnasium und in der Melanchthon-Oberschule von den jüdischen Schicksalen, am Dienstag ist die internationale Gruppe in der Evangelischen Oberschule zu Gast.

Dankbar für Resonanz in Görlitz

Zahlreiche Görlitzer hätten sich berührt gezeigt davon, dass die jüdischen Nachfahren die Heimatstadt ihrer Vorfahren ohne jeden Groll besuchten, sagt Daniel Breutmann. Einige ältere Bewohner hätten die Geschichten mit eigenen Erinnerungen vervollständigt oder ihre Häuser für die jüdischen Besucher geöffnet. Zum Beispiel bot die Besitzerin des Hauses auf der Jakobstraße, das der "Kofferfabrikant" Julius Arnade einst erbauen ließ, bevor er es um 1920 verkaufte, Peter Arnade aus Kalifornien an, er könne eine Ferienwohnung in dem Haus nutzen, wann immer er Görlitz besuche.

Nach der Vorstellung des "Poesiealbums von Eva Goldberg", das Lauren Leidermann herausgegeben hat, kam am Sonntag eine Frau auf sie und Tamara Meyer zu, die Enkelin von Walter Totschek. Sie hatte etwa 15 historische Kleiderbügel dabei, die aus dem Kaufhaus Totschek stammen und noch dessen Beschriftungen tragen. "Die Frau sagte, sie habe diese Bügel so lange aufbewahrt, weil sie wusste, dass sich eines Tages jemand dafür interessieren würde. Nun sei dieser Tag gekommen."

Kleiderbügel wie diese brachte am Sonntag eine Görlitzerin in die Synagoge und gab sie Tamara Meyer, der Urenkelin des Kaufhausgründers Adolph Totschek.
Kleiderbügel wie diese brachte am Sonntag eine Görlitzerin in die Synagoge und gab sie Tamara Meyer, der Urenkelin des Kaufhausgründers Adolph Totschek. © Martin Schneider

In der Redaktion der Sächsischen Zeitung meldeten sich Leser, um zu erzählen, dass sie sich an jüdische Mitschüler in den 1930ern erinnerten, die plötzlich nicht mehr da waren. Andere riefen an, weil sie selbst Kontakt zu Nachfahren ehemaliger jüdischer Görlitzer im Ausland haben, die nun Verbindung suchen und auch mehr über ihre Familiengeschichte erfahren wollen.

Und nach der Stolpersteinverlegung für die Familie Goldberg in der Ulica Kosciuszki kündigte eine Dame an, eine Lesung aus dem Buch zum Poesiealbum in Zgorzelec veranstalten zu wollen.

Herausfordernde Woche

Die Woche mit den täglichen, immer ausgebuchten Veranstaltungen, die auf das große Pogromgedenken am 9. November hinsteuerten, war trotz all dem Erfolg und der Freude, die viele Begegnungen bei den jüdischen Nachfahren auslösten, auch anstrengend für die Organisatoren. "Ich habe noch nie eine so große Sache organisiert", sagt Lauren Leiderman.

Doch sie traute sich das Ganze zu, obwohl sie unübersehbar schwanger ist – auch noch mit einer medikamentös begleiteten Risikoschwangerschaft. Außerdem hat sie einen kleinen Sohn. Der Dreijährige war bei mehreren Veranstaltungen dabei, aber nicht immer einverstanden damit, dass seine Mutter weniger Zeit als sonst für ihn hatte. "Ich hatte zum Glück viel Unterstützung durch meine Schwester, und auch Tamara Meyer und Judi Hannes waren die ganze Zeit für meine Familie da."

Interesse für die jüdische Geschichte

Interesse für die jüdische Geschichte haben beide – Daniel Breutman und Lauren Leiderman – schon lange. Breutmann stammt aus Görlitz, zog als Jugendlicher mit seiner Mutter nach Australien und begann, zurück in Deutschland, in Dresden Geschichte zu studieren. Seit 2005 organisiert er in Görlitz immer wieder Touren und Bildungsveranstaltungen zu jüdischen Themen und hat sich in diesem Zusammenhang auch mit Biografien von Görlitzer Juden und Antifaschisten beschäftigt.

Stolpersteinerfinder Gunter Demnig war am Freitag persönlich in Görlitz, um die goldenen Platten zu verlegen.
Stolpersteinerfinder Gunter Demnig war am Freitag persönlich in Görlitz, um die goldenen Platten zu verlegen. © Martin Schneider

Nachdem der Stolpersteinorganisator Bernd Bloß gestorben war, wurde Breutmann dessen Nachfolger. Ihm war es als Bürgerrat der Südstadt wichtig, dass in der Südstadt noch mindestens ein zweiter Stolperstein außer dem für die Familie Ephraim verlegt wird. Als er mittendrin in seinen Recherchen war und den Stolperstein für Amanda Hannes schon beauftragt hatte, erfuhr er, dass auch Lauren Leiderman zu diesem Thema forscht.

Die junge US-amerikanische Opernsängerin war Ende 2019 mit ihrem jüdischen Mann – sie selbst ist nicht jüdisch – nach Görlitz gekommen. Da er von Holocaust-Überlebenden abstammt, interessierte sie sich sehr für dieses Thema. Daraus ist inzwischen ein ganzes Netzwerk an Nachfahren jüdischer Görlitzer Familien entstanden. Neben den Besuchern der Veranstaltungen nahmen etwa 300 Zuschauer aus der ganzen Welt online an ihrer Buchvorstellung teil.

Pogromgedenken jetzt – weitere Stolpersteine später

Für Lauren Leiderman und Daniel Breutman ist zunächst ein glücklicher Anfang gemacht. Doch es soll weitergehen.

Stolpersteine wie für Familie Totschek soll es bald noch mehr in Görlitz geben. Die nächsten Verlegung en sind für Mitte 2022 geplant.
Stolpersteine wie für Familie Totschek soll es bald noch mehr in Görlitz geben. Die nächsten Verlegung en sind für Mitte 2022 geplant. © Martin Schneider

Zunächst nehmen die meisten internationalen Gäste am offiziellen Pogromgedenken der Stadt Görlitz oder weiteren Veranstaltungen an diesem 9. November teil: am "Gehdenken" ab 16 Uhr an den Verlegeorten der Stolpersteine für die Opfer des Nationalsozialismus; um 18 Uhr an der traditionellen ökumenischen Andacht in der Görlitzer Frauenkirche; um 19.30 Uhr am musikalisch-literarischen Abend für den jüdischen Görlitzer Fabrikantensohn und Autor Ludwig Kunz im Literaturhaus Alte Synagoge in der Langenstraße; oder 20 Uhr am Konzert mit Musik aus Theresienstadt im Kulturforum Synagoge mit Musikern der Neuen Lausitzer Philharmonie.

Im kommenden Jahr sollen weitere Stolpersteine verlegt werden, einige der aktuell anwesenden jüdischen Nachkommen haben bereits Interesse angemeldet. Außerdem ist die Verlegung sogenannter Stolperschwellen geplant, mit denen der Auslöschung ganzer jüdischer Gemeinden gedacht wird. Daniel Breutmann hat außerdem vor, in Australien verstärkt nach jüdischen Görlitzer Nachfahren zu suchen. Genau wie Lauren Leiderman sich als US-Amerikanerin Hilfe bei der Botschaft der USA holte, möchte er als teils australischer Staatsbürger das Gleiche für den ihm nachestehenden Zeweig von Nachfahren versuchen.

Programm Pogromgedenken: www.goerlitz.de/news/detail/1561-Juedische-Gedenkwoche-in-Goerlitz